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Frau hält schmerzenden Fuß mit Händen © PORNCHAI SODA

Polyneuropathie

Polyneuropathien (PNP) sind Erkrankungen des peripheren Nervensystems. Dieser Anteil des Nervensystems umfasst alle Nerven außerhalb des Gehirns und des Rückenmarks. Polyneuropathien können viele verschiedene Ursachen haben und auch sehr unterschiedliche Verläufe zeigen. In Österreich sind z.B. der Diabetes mellitus Typ II und der schädliche Gebrauch von Alkohol häufige Ursachen.

Symptome einer Polyneuropathie sind oft sehr belastend. Wenn die Ursache erkannt wird, kann das Fortschreiten der Erkrankung in vielen Fällen verlangsamt bzw. manchmal sogar verhindert werden. Treten typische Beschwerden auf, sollten Betroffene daher so bald wie möglich ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen. Die Behandlung von Schmerzen bei Polyneuropathien ist oft schwierig. Daher müssen mit der Ärztin/dem Arzt individuelle, realistische Therapieziele vereinbart werden.  

Welche Ursachen kann eine Polyneuropathie haben?

Die Ursachen der Polyneuropathien sind mannigfaltig. Einige Beispiele sind:

Hinweis Bei etwa einem Viertel der Polyneuropathie-Erkrankungen kann die Ursache nicht festgestellt werden.

Welche Symptome können auftreten?

Bei Polyneuropathien können – je nach Ursache und Stadium – verschiedene Anteile des peripheren Nervensystems geschädigt sein. Es sind dabei immer mehrere Nerven gleichzeitig betroffen.

Störungen sensibler Nerven

In den meisten Fällen sind zu Beginn der Erkrankung die sensiblen Nerven betroffen. Sie nehmen Gefühlsreize auf und leiten diese zum Gehirn. Dadurch können z.B. Temperatur, Berührungen und Schmerz wahrgenommen werden. Häufig sind anfangs die Nerven im Bereich der Füße und Unterschenkel bzw. der Hände und Unterarme betroffen. Dabei treten meist gleichmäßige socken- bzw. (seltener) handschuhförmige Gefühlsstörungen auf. Die Gefühlsstörungen breiten sich im weiteren Verlauf Richtung Körperzentrum aus. Seltener beginnen sie im Bereich der Schultern bzw. der Hüfte und breiten sich zu den Händen bzw. Füßen aus. Auch an Kopf oder Rumpf können Gefühlsstörungen auftreten. Dadurch können 

  • Berührungs-,
  • Temperatur-,
  • Schmerzempfinden sowie die
  • Tiefensensibilität (Wahrnehmung von Lage, Bewegung im Raum und Vibrationen)

herabgesetzt oder erloschen sein.

Aufgrund der herabgesetzten Schmerzwahrnehmung kommt es häufiger zu Verletzungen. Wunden – v.a. im Bereich der Füße – werden oft erst spät erkannt.

Hinweis Betroffene mit herabgesetztem Berührungsempfinden der Füße und eingeschränkter Tiefensensibilität leiden häufig unter Schwindel (v.a. im Dunklen).

Zusätzlich können durch die Nervenschädigung selbst Schmerzen entstehen. Polyneuropathieschmerzen werden als brennend, schneidend, stechend oder „kribbelnd“ (Ameisenlaufen) beschrieben. Sie können sehr belastend sein und zu Schlafstörungen und Depressionen führen. Manchmal werden Schmerzen von Muskelkrämpfen begleitet.

Störungen motorischer Nerven

Diese Nerven steuern die Muskelbewegungen. Sie sind seltener zu Beginn der Erkrankung betroffen, meist erst in einem fortgeschrittenen Stadium. Dabei treten Muskellähmungen auf. 

Hinweis Bei einer Schädigung der sensiblen bzw. motorischen Nerven der Füße kann eine Gangunsicherheit entstehen. Betroffene neigen vermehrt zu Stürzen.

Störungen des vegetativen Nervensystems

Dieser Anteil des Nervensystems reguliert u.a. die Organfunktionen, die Weite von Blutgefäßen und die Schweißproduktion. Störungen des vegetativen Nervensystems treten nur bei wenigen Polyneuropathien von Anfang an auf. Wenn sie sich entwickeln, dann meist erst in einem späten Stadium. Typische Folgen sind z.B. Schwindel und Kollapsneigung bei Lageänderung (z.B. beim Aufstehen aus dem Bett), Verdauungsbeschwerden oder eine gestörte Schweißbildung.

Störungen der Hirnnervenfunktionen

Bei einigen Erkrankungen können auch Hirnnerven geschädigt werden. Als mögliche Folgen können u.a. 

auftreten.

Verlauf der Polyneuropathie

Je nach Ursache und Schwere bzw. Behandlungsmöglichkeiten der zugrunde liegenden Erkrankung sind unterschiedliche Verläufe einer Polyneuropathie möglich.

Polyneuropathien können:

  • langsam (schleichend) beginnen (z.B. diabetische Polyneuropathie),
  • sich binnen Tagen/Wochen entwickeln (z.B. Guillain-Barré-Syndrom – GBS),
  • an einem gewissen Punkt zum Stillstand kommen (z.B. bei Vermeidung einer neurotoxischen Substanz),
  • sich teilweise zurückbilden (z.B. manchmal nach Chemotherapie),
  • sich immer weiter verschlechtern (z.B. bei weiter bestehendem erhöhten Alkoholkonsum).

Wie wird die Diagnose gestellt?

Krankengeschichte

Zu Beginn erhebt die Ärztin/der Arzt die Krankengeschichte. Dabei ist z.B. das Vorhandensein von Erkrankungen wie eines Diabetes mellitus oder einer Alkoholabhängigkeit von Interesse. Auch Aufenthalte im Ausland und Infektionen bzw. ein möglicher Kontakt mit einer neurotoxischen Substanz kurz vor oder während des Auftretens der Beschwerden können wichtige Hinweise auf die Ursache liefern. Zusätzlich informiert sich die Ärztin/der Arzt, ob ähnliche Beschwerden bei Verwandten bekannt sind. Genaue Auskünfte über die Art der Beschwerden können eventuell weitere Hinweise auf eine bestimme Ursache sowie die Schwere der Erkrankung liefern. 

Körperliche Untersuchung

Bei der körperlichen Untersuchung überprüft die Ärztin/der Arzt verschiedene Nerven- bzw. Muskelfunktionen. Dabei sind vor allem die Überprüfung der Gefühlswahrnehmung, des Lagesinns, der Muskelkraft und der Muskeleigenreflexe (s.u.) von Interesse. Zusätzlich achtet die Ärztin/der Arzt auf mögliche körperliche Merkmale – z.B. Abnahme der Muskelmasse einzelner Muskeln bzw. auffällige Haut- oder Organveränderungen. Auch weitere Untersuchungen (z.B. bestimmte Blutdruck- oder Herzfrequenzmessungen) werden – wenn nötig – durchgeführt.

Untersuchung der Gefühlswahrnehmung (Sensibilität):

  • Berühren der Haut mit einem spitzen und einem stumpfen bzw. einem kalten und einem warmen Gegenstand – oft kann bei einer Polyneuropathie kein Unterschied wahrgenommen werden.
  • Berührung mit einer schwingenden Stimmgabel – häufig werden Vibrationen nicht wahrgenommen.
  • Überprüfen der Standfestigkeit, des Gangbildes und gezielter Bewegungen bei geschlossenen Augen.

Untersuchung der Muskelkraft:

Hierbei müssen bestimmte Muskelgruppen gegen den Widerstand der Untersucherin/des Untersuchers angespannt werden. Wenn eine Muskelschwäche (Lähmung) vorliegt, kann die Muskelspannung nicht ausreichend aufgebaut bzw. gehalten werden.

Überprüfung der Reflexe:

Während die Patientin/der Patient die Beine und die Arme locker hängen lässt, schlägt die Ärztin/der Arzt vorsichtig mit einem Reflexhammer gegen bestimmte Muskelsehnen. Dadurch wird der betroffene Muskel dazu aktiviert, sich anzuspannen (Muskeleigenreflex). Bei einer Polyneuropathie können Muskeleigenreflexe in den betroffenen Regionen häufig nur abgeschwächt bzw. gar nicht ausgelöst werden.

Weitere Untersuchungen

Zusätzlich können elektrophysiologische Untersuchungen vorgenommen werden. Dazu zählen die Elektroneurographie (ENG) und die Elektromyographie (EMG). Mit diesen Untersuchungen werden elektrische Nerven- bzw. Muskelaktivitäten gemessen. Ergebnisse dieser Untersuchungen können Hinweise auf die Schwere der Nervenschädigung bzw. mögliche Ursachen liefern.

Zusätzlich werden Blut- und Harnuntersuchungen vorgenommen.

Manchmal ist die Durchführung einer Biopsie von Nerven- oder Hautgewebe bzw. eine Liquorpunktion notwendig. Bei einer Liquorpunktion wird unter sterilen Bedingungen mit einer Hohlnadel Liquor cerebrospinalis (Gehirn-Rückenmark-Flüssigkeit) aus dem Rückenmarkskanal im Bereich der Lendenwirbelsäule entnommen.

Wie erfolgt die Behandlung der Polyneuropathie?

Wenn möglich, wird die Ursache der Polyneuropathie behandelt bzw. sollten nervenschädigende toxische Substanzen (z.B. Alkohol) gemieden werden.

Die medikamentöse Schmerzbehandlung von Polyneuropathien kann sich sehr schwierig gestalten. Häufig kann durch die Schmerzbehandlung zwar eine Linderung der Schmerzen, jedoch keine vollkommene Schmerzfreiheit erreicht werden.

Als realistische Therapieziele gelten z.B.:

  • Schmerzabschwächung um 30 bis 50 Prozent,
  • Verbesserung der Schlafqualität,
  • Verbesserung der Lebensqualität,
  • Erhaltung der sozialen Aktivität und des Aufrechterhaltens sozialer Beziehungen sowie
  • Erhaltung der Arbeitsfähigkeit.

Schmerzen können u.a. mittels 

  • Antikonvulsiva (Epilepsie-Medikamente): z.B. Gabapentin, Pregabalin, evtl. Carbamazepin,
  • Antidepressiva: z.B. Amitryptilin, Duloxetin,
  • äußerlicher Anwendung von Lokalanästhetika (z.B. Lidocain) oder Capsaicin (Inhaltsstoff z.B. von rotem Pfeffer) und
  • Opiaten  oder Opioiden (bei ausgeprägten Schmerzen)

behandelt werden. Auch Kombinationen einiger oben genannter Medikamente sind möglich.

Hinweis Ein Medikament zur Schmerzbehandlung bei einer Polyneuropathie muss mindestens zwei bis vier Wochen lang eingenommen werden, bevor festgestellt werden kann, ob es zufriedenstellend wirkt.

Physio- und Ergotherapie zielen u.a. auf die Verhinderung von Haltungsschäden bzw. fehlerhaften Bewegungsabläufen ab. Dadurch können sie ebenfalls zu einer Schmerzreduktion führen. Auch die Therapie mit einem TENS-Gerät kann hilfreich sein.

Bei einer Muskellähmung können unterstützende Orthesen (Schienen), Muskelstimulatoren sowie Gehhilfen das Leben der Betroffenen erleichtern.

Da bei einer Polyneuropathie im Bereich der Füße und Beine das Risiko für die Entstehung von Fußgeschwüren erhöht ist, sollten die Füße regelmäßig gepflegt und auf Wunden kontrolliert werden.

Polyneuropathien sind meist auch psychisch sehr belastend und können das Sozialleben einschränken. Betroffene profitieren dann häufig von einer Psychotherapie beziehungsweise psychologischen Behandlung.

Wohin kann ich mich wenden?

Wenn sich Beschwerden langsam entwickeln und nur leicht ausgeprägt sind, kann die Hausärztin/der Hausarzt die ersten Untersuchungen vornehmen (lassen). Daraufhin kann sie/er zu einer Fachärztin/einem Facharzt für Neurologie bzw. einer neurologischen Ambulanz überweisen. Eine Fachärztin/ein Facharzt für Neurologie kann auch von Anfang an die Diagnostik vornehmen und eine Behandlung einleiten.

Gefühlsstörungen und Lähmungen können auch bei unverzüglich behandlungsbedürftigen neurologischen Erkrankungen auftreten.

Wenn diese Symptome daher

  • plötzlich auftreten,
  • sich rasch verschlechtern,
  • sich zusätzlich Fieber und/oder
  • starke Kopfschmerzen entwickeln,
  • fokale oder generalisierte epileptische Anfälle und/oder
  • Bewusstseinsstörungen auftreten,

sollte sofort die Notärztin/der Notarzt kontaktiert bzw. ein Krankenhaus aufgesucht werden.

Wie erfolgt die Abdeckung der Kosten?

Alle notwendigen und zweckmäßigen Diagnose- und Therapiemaßnahmen werden von den Krankenversicherungsträgern übernommen. Grundsätzlich rechnet Ihre Ärztin/Ihr Arzt direkt mit Ihrem Krankenversicherungsträger ab. Bei bestimmten Krankenversicherungsträgern kann jedoch ein Selbstbehalt (Behandlungsbeitrag) für Sie anfallen (BVA, SVA, SVB, VAEB). Sie können allerdings auch eine Wahlärztin/einen Wahlarzt (d.h. Ärztin/Arzt ohne Kassenvertrag) in Anspruch nehmen. Nähere Informationen finden Sie unter Kosten und Selbstbehalte.

Bei bestimmten Untersuchungen (z.B. MRT) kann eine Bewilligung des leistungszuständigen Krankenversicherungsträgers (medizinischer Dienst – „Chefarzt“) erforderlich sein, ebenso wie bei bestimmten medikamentösen oder nicht medikamentösen Behandlungen (z.B. physikalische Therapie), in manchen Fällen erst beim Erreichen eines bestimmten Ausmaßes der Erkrankung. Bei bestimmten Leistungen (z.B. stationäre Aufenthalte, Hilfsmittel und Heilbehelfe) sind – je nach Krankenversicherungsträger – Kostenbeteiligungen der Patientinnen/Patienten vorgesehen. Die meisten Krankenversicherungsträger sehen – teilweise abhängig von der Art des Heilbehelfs – eine Bewilligung vor. Für Medikamente auf „Kassenrezept“ ist die Rezeptgebühr zu entrichten. Über die jeweiligen Bestimmungen informieren Sie sich bitte bei Ihrem Krankenversicherungsträger, den Sie z.B. über die Website Ihrer Sozialversicherung finden.

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