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Junge, dünne Frau © Nomad_Soul

Untergewicht

Etwa sechs Prozent der Weltbevölkerung sind untergewichtig. Global gesehen steht bei den Ursachen Nahrungsmittelknappheit an oberster Stelle. In Österreich sind ungefähr zwei Prozent der Bevölkerung betroffen. Dabei handelt es sich vor allem um Frauen unter 50 Jahren. Dies ist u.a. auf einige Erkrankungen zurückzuführen (z.B. die Schilddrüsenüberfunktion), die in diesem Alter bei Frauen häufiger vorkommen. Es spielt jedoch auch – trotz vieler Gegeninitiativen in den letzten Jahren – das gesellschaftlich anerkannte und erwünschte Körperbild der dünnen, mädchenhaften Frau noch immer eine wichtige Rolle.

Jenseits des 70. Lebensjahrs steigt das Risiko für die Entstehung von Untergewicht ebenfalls wieder etwas an. Zu den häufigsten Ursachen zählen dabei die Depression und die Multimorbidität – also das gleichzeitige Vorliegen mehrerer Erkrankungen.   

Welche Ursachen kann Untergewicht haben?

Die vielen Ursachen für die Entstehung von Untergewicht haben eines gemeinsam: Es steht dem Körper weniger Energie (Substrat) zur Verfügung, als er für die Erfüllung seiner Funktionen benötigt. Die Ursachen können in drei Gruppen unterteilt werden:

Unzureichende Nahrungszufuhr z.B.:

  • durch Appetitlosigkeit: Depression, Schmerzzustände, Stress, bestimmte Medikamente (z.B.Chemotherapeutika), Rauchen, einige illegale Drogen (z.B.Kokain und Ecstasy) und Alkoholismus, Magen-, Leber- und Gallenblasenerkrankungen;
  • nach schweren Verletzungen oder ausgedehnten Operationen;
  • durch Verletzungen und Erkrankungen des Gehirns;
  • durch Verletzungen oder Erkrankungen von Mund, Rachen oder Kiefer;
  • bei Schluckstörungen;
  • durch Verengungen des Magen-Darm-Traktes: Magen- und Speiseröhrenkrebs, Verengung in der Speiseröhre (Ösophagusstenose) bzw. am Magenausgang (Pylorusstenose);
  • bei Fehlernährung – beim Sport, durch energiearme Diäten bzw. Fasten;
  • bei Mangelernährung des ungeborenen Kindes: durch Mangelernährung der Mutter, Verletzungen des Mutterkuchens (Placenta), schlechte Durchblutung des Mutterkuchens (z.B. beim Rauchen in der Schwangerschaft), Alkohol in der Schwangerschaft;
  • bei Vernachlässigung von Kindern und alten bzw. kranken Menschen durch Betreuungspersonen;
  • bei Nahrungsmittelknappheit.

Verminderte Nährstoffaufnahme im Darm z.B.:

Hinweis Diese Erkrankungen führen nur bei schweren Krankheitsverläufen zu Untergewicht.

 Erhöhung des Energieumsatzes (Katabolismus) z.B.:

  • bei chronischen Krankheiten, die viel Energie kosten (konsumierende Erkrankungen): – z.B.Krebserkrankungen oder bestimmte Infektionen (z.B.Tuberkulose, AIDS); bei chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) – hoher Energieumsatz durch erschwerte Atmung (meist bei gleichzeitig verminderter Nahrungsaufnahme);
  • durch bestimmte Medikamente (z.B. Schilddrüsenhormone);
  • bei Stoffwechselerkrankungen: Überwiegen von Hormonen, die den Energieumsatz steigern (z.B. Schilddrüsenhormone bei der Schilddrüsenüberfunktion).

Essstörungen

Bei der Magersucht (Anorexia nervosa) können alle drei der oben genannten Ursachengruppen eine Rolle spielen. Die Ess-Brech-Sucht (Bulimie) ist durch die Aufnahme von hohen Mengen an Nahrungsmitteln und das nachfolgende, selbst herbeigeführte Erbrechen gekennzeichnet. Häufig werden zusätzlich Abführmittel eingenommen. Dadurch wird ein Energieverlust angestrebt. Je nachdem wie viel Energie Betroffene mit Bulimie dabei aufnehmen bzw. verlieren, können sie sowohl untergewichtig als auch normal- oder seltener übergewichtig sein.

Hinweis Untergewicht kann auch genetisch bedingt sein. In diesem Fall hat es selten Krankheitswert.

Welche Symptome können auftreten?

Das Ungleichgewicht zwischen Nahrungsaufnahme und Nährstoffverbrauch führt meist zu einer Unterversorgung mit wichtigen Nährstoffen (Mangelernährung). Dazu gehören Eiweiße, Kohlenhydrate, gesättigte und ungesättigte Fettsäuren, Vitamine und Spurenelemente.

Hinweis Als Mangelernährung wird eine allgemein verminderte Nahrungsaufnahme oder eine unzureichende Aufnahme einzelner wichtiger Nahrungsbestandteile (z.B. Vitamine, Spurenelemente oder Eiweiß) bezeichnet. Es können daher auch normal- und übergewichtige Menschen mangelernährt sein.

Bei leichtem Untergewicht nehmen die Betroffenen nicht immer Beschwerden wahr. Oft treten jedoch Befindlichkeitsstörungen wie Müdigkeit, Abgeschlagenheit und Antriebslosigkeit auf.

Schweres Untergewicht geht mit einem ausgeprägten Nährstoffmangel einher. Dadurch sinkt die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit. Die Muskelkraft nimmt ab, und Betroffene kommen schneller außer Atem. Das Risiko für die Entwicklung ansteckender Erkrankungen ist erhöht, Untergewichtige leiden allgemein schwerer unter Krankheiten, und es kommt häufiger zu Komplikationen. Zudem erholen sie sich nach Erkrankungen langsamer. Auch Wunden heilen schlechter. Stark untergewichtige Menschen leiden oft unter Konzentrations- und Erinnerungsstörungen.

Wenn sich im Rahmen einer schweren chronischen Erkrankung ein Nährstoffmangel entwickelt, verändert sich nach einiger Zeit die Körperzusammensetzung. Dabei ist ein Verlust von Skelettmuskulatur und/oder Fettgewebe zu beobachten. Eine ausgeprägte Abmagerung durch den Verlust von fettfreier Körpermasse und Fettmasse wird als Kachexie bezeichnet.

Eiweißmangel kann zur Entstehung von Ödemen führen. Körperfett isoliert den Körper gegen Kälte. Da der Körperfettanteil niedrig ist, frieren Untergewichtige leichter als Normalgewichtige.

Bei Frauen wird der Menstruationszyklus unregelmäßig, bei schwerem Untergewicht setzt die Regel aus (Amenorrhoe). Untergewichtige Frauen und Männer können unter Fruchtbarkeitsstörungen bis zur Unfruchtbarkeit (Infertilität) leiden.

Wenn Untergewicht über einen längeren Zeitraum besteht, entwickelt sich häufig eine Osteoporose. Weiters können Organe – z.B. das Herz, die Leber oder die Nieren – geschädigt werden.

Wie erfolgt die Diagnose von Untergewicht?

Die Diagnostik beginnt mit der Berechnung des Body-Mass-Index (BMI), um die Ausprägung des Untergewichts einschätzen zu können und einen Ausgangswert für die Therapiekontrolle zu dokumentieren. Nach den Kriterien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wurde die Schwelle für Untergewicht ab einem BMI unter 18,5 kg/m² festgesetzt. Bei Kindern wird das Gewicht je nach Alter Perzentilen zugeordnet. Zudem kann der mittlere Oberarmumfang gemessen werden. Auch hier gibt es altersabhängige Normalwerte. Wenn die Ursache nicht bekannt ist, notiert sich die Ärztin/der Arzt die Krankengeschichte und die Lebensumstände der/des Betroffenen und leitet daraufhin ausführliche Untersuchungen ein. Je nachdem wie ausgeprägt das Untergewicht ist, wird die Diagnostik bei niedergelassenen Ärztinnen/Ärzten oder im Krankenhaus vorgenommen.

Verschiedene Labortests können Auskunft über die Ursache, aber auch über die Folgen des Energie- und Nährstoffmangels geben. Auch bildgebende Verfahren – z.B. Ultraschall, Computertomografie (CT) oder Magnetresonanztomografie (MRT) – werden bei Bedarf eingesetzt. Informationen zu bildgebenden Verfahren finden Sie hier.

Wie wird Untergewicht behandelt?

Die Therapie wird je nach Schwere des Untergewichts zu Hause oder im Krankenhaus vorgenommen. Neben der Behandlung der Ursache des Untergewichts wird eine Ernährungstherapie begonnen. Bei leichtem Untergewicht wird eine Ernährungsumstellung eingeleitet. Meist erarbeitet die/der Betroffene einen Ernährungsplan gemeinsam mit einer Diätologin/einem Diätologen. Es wird bei der Nahrungszufuhr auf eine Aufnahme von hohen Energiemengen und ausreichenden Nährstoffen geachtet.

Ernährungsempfehlungen bei Untergewicht:

  • Nahrungsmittel mit hoher Energiedichte bevorzugen: z.B. Fruchtsäfte, Nüsse, Banane;
  • mindestens fünf kleine Mahlzeiten – große Mahlzeiten führen oft zu Übelkeit und allgemeinem Unwohlsein;
  • vollwertige Kost (siehe: Ernährungspyramide);
  • seltener Verzehr von „leeren“ fett- oder zuckerreichen Nahrungsmitteln mit geringem Anteil an Vitaminen, Mineralstoffen bzw. Ballaststoffen (z.B. Chips oder Limonade);
  • Beachtung individueller Vorlieben.

Hinweis Die Einheiten für den Energiegehalt von Nahrungsmitteln sind Kilokalorien (kcal) bzw. Kilojoule (kJ).

Bei schwerem Untergewicht wird zusätzlich Nahrung über energiedichte Nahrungsergänzungsmittel oder über die Nasensonde (nasogastrale Sonde) verabreicht. Wenn Nahrung über den Mund bzw. die Speiseröhre langfristig nicht aufgenommen werden kann, ist die Ernährung über eine PEG-Sonde möglich. Dafür wird im Rahmen eines endoskopischen Eingriffs eine künstliche Verbindung zwischen Bauchdecke und Magen hergestellt. Über diese Verbindung wird eine verschließbare Magensonde eingeführt und daraufhin fixiert. So kann Nahrung direkt in den Magen verabreicht werden. Wenn die Nahrungsaufnahme über den Mund bzw. Magen-Darm-Trakt nicht möglich ist, können Nährlösungen auch über Infusionen in eine Vene verabreicht werden. Diese Ernährungsform wird parenterale Ernährung genannt.

Bewegung wirkt sich förderlich auf die Gewichtszunahme aus, wenn dabei nicht zu viel Energie verbraucht wird. Nach körperlicher Betätigung sollten innerhalb von zwei Stunden Eiweiß bzw. Kohlenhydrate zugeführt werden, um einen nachhaltigen Muskelaufbau und ein Auffüllen der Kohlenhydratspeicher (Glykogenspeicher) zu gewährleisten. Muskelkräftigungsübungen unterstützen den Muskelaufbau. Dehnübungen können Verspannungen lösen und wirken allgemein entspannend. Begleitendes Gedächtnistraining beschleunigt die Rückbildung von Gedächtnisstörungen.

Bei Personen, die auf die Unterstützung anderer Menschen angewiesen sind, ist unter Umständen eine Veränderung der Betreuungssituation notwendig. Manchmal kann erst dadurch eine zufrieden stellende Gewichtszunahme bzw. die Aufrechterhaltung des Normalgewichtes erreicht werden. Dann ist die Organisation von Hilfspersonen bzw. einer Unterbringung in einer Betreuungseinrichtung notwendig. Kinder und Jugendliche können dabei durch das Jugendamt unterstützt werden. Hilfsbedürftige alte und kranke Menschen erhalten Unterstützung durch eine Sozialarbeiterin/einen Sozialarbeiter.

Probleme bei der Behandlung

Durch den Wiederbeginn einer Nährstoffzufuhr kann es zum Auftreten eines sogenannten Refeeding-Syndroms kommen. Dabei entwickeln sich schwerwiegende Störungen des Elektrolythaushaltes sowie ein Mangel an Vitamin B1 (Thiamin) und es kommt zu einer Verminderung der Wasser- und Natriumausscheidung. Durch die Eiweißaufnahme kann zusätzlich der Ammoniakspiegel steigen. Das Refeeding-Syndrom ist durch verschiedene schwere, potenziell lebensbedrohliche Organfunktionsstörungen gekennzeichnet. Daher muss die Behandlung von schwerem Untergewicht immer unter ärztlicher Beobachtung stattfinden. Die Entstehung eines Refeeding-Syndroms kann durch eine anfangs niedrigkalorische Ernährung mit im weiteren Verlauf langsamer Steigerung der täglich zugeführten Energiemenge verhindert werden.

Bei schwer Untergewichtigen ist der Körper nur mehr „auf Überleben“ eingestellt. Die Aktivität des Immunsystems ist stark herabgesetzt. Wenn sich das Immunsystem durch die Behandlung erholt, kann es auf Infektionen sehr intensiv reagieren. Das kann zu schweren Verläufen von Infektionserkrankungen führen. Daher müssen Infektionen während der Gewichtszunahme sorgfältig behandelt werden.

Langanhaltendes schweres Untergewicht kann zu einer Dünndarmschädigung führen. Im Dünndarm werden die meisten Nährstoffe aufgenommen. Die Behandlung von Untergewicht kann dadurch erschwert werden.

Wohin kann ich mich wenden?

Ist die Ursache für das Untergewicht nicht bekannt, ist die Hausärztin/der Hausarzt die erste Anlaufstelle. Diese/dieser führt erste Untersuchungen selbst durch. Wenn nötig, stellt sie/er Überweisungen zu Fachärztinnen/Fachärzten bzw. in ein Krankenhaus aus. Wenn die Ursache bekannt ist, wird die Behandlung durch die Hausärztin/den Hausarzt oder eine Fachärztin/einen Facharzt des entsprechenden Bereiches eingeleitet.

Die Ernährungsumstellung sollte – wenn möglich – durch eine Ernährungsmedizinerin/einen Ernährungsmediziner eingeleitet werden und kann danach durch eine Diätologin/einen Diätologen begleitet werden. Körperliches Training kann durch eine Fachärztin/einen Facharzt für Physikalische Medizin geplant und gemeinsam mit einer Physiotherapeutin/einem Physiotherapeuten durchgeführt werden.

Hinweis Die Ursache eines unklaren Gewichtsverlustes bzw. von schwerem Untergewicht sollte so rasch wie möglich erkannt und behandelt werden.

Wie erfolgt die Abdeckung der Kosten?

Alle notwendigen und zweckmäßigen Diagnose- und Therapiemaßnahmen werden von den Krankenversicherungsträgern übernommen. Grundsätzlich rechnet Ihre Ärztin/Ihr Arzt direkt mit Ihrem Krankenversicherungsträger ab. Bei bestimmten Krankenversicherungsträgern kann jedoch ein Selbstbehalt (Behandlungsbeitrag) für Sie anfallen (BVA, SVA, SVB, VAEB). Sie können allerdings auch eine Wahlärztin/einen Wahlarzt (d.h. Ärztin/Arzt ohne Kassenvertrag) in Anspruch nehmen. Nähere Informationen finden Sie unter Kosten und Selbstbehalte.

Bei bestimmten Untersuchungen (z.B. MRT) kann eine Bewilligung des leistungszuständigen Krankenversicherungsträgers (medizinischer Dienst – „Chefarzt“) erforderlich sein, ebenso wie bei bestimmten medikamentösen oder nicht medikamentösen Behandlungen (z.B. physikalische Therapie), in manchen Fällen erst beim Erreichen eines bestimmten Ausmaßes der Erkrankung. Bei bestimmten Leistungen (z.B. stationäre Aufenthalte, Hilfsmittel und Heilbehelfe) sind – je nach Krankenversicherungsträger – Kostenbeteiligungen der Patientinnen/Patienten vorgesehen. Die meisten Krankenversicherungsträger sehen – teilweise abhängig von der Art des Heilbehelfs – eine Bewilligung vor. Für Medikamente auf „Kassenrezept“ ist die Rezeptgebühr zu entrichten. Über die jeweiligen Bestimmungen informieren Sie sich bitte bei Ihrem Krankenversicherungsträger, den Sie z.B. über die Website Ihrer Sozialversicherung finden.

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