Demenz: Die verschiedenen Stadien
Inhaltsverzeichnis
Welche Schweregrade werden bei Demenz unterschieden?
Zur Einschätzung des Schweregrads der Demenz dient neben der klinischen Symptomatik auch der erreichte Wert in der Mini-Mental State Examination (MMSE). Die MMSE ist das weltweit häufigste Verfahren der klinischen Diagnostik von Demenz. Die Demenz wird in drei Schweregrade eingeteilt:
Leichte Demenz
- Kognitive Beeinträchtigungen: Komplexe tägliche Aufgaben können nicht (mehr) ausgeführt werden.
- Lebensführung: Die selbstständige Lebensführung (Alltag) wird zwar beeinflusst, ein unabhängiges Leben ist dennoch möglich.
- Häufige affektive Störungen: Depression, Antriebsmangel, Reizbarkeit, Stimmungsschwankungen.
- Benötigte Hilfe: fallweise notwendig.
Mittelschwere Demenz:
- Kognitive Beeinträchtigungen: Einfache Tätigkeiten können selbstständig ausgeführt werden, komplexe Tätigkeiten werden nicht mehr vollständig oder angemessen ausgeführt.
- Lebensführung: Ein unabhängiges Leben ist nicht mehr möglich. Patientinnen/Patienten sind auf fremde Hilfe angewiesen, eine selbstständige Lebensführung ist noch teilweise möglich.
- Häufige affektive Störungen: Unruhe, psychotische Störungen, aggressive Verhaltensweisen, Schreien, gestörter Tag-Nacht-Rhythmus, Nesteln (nervöse und ungeschickte Bewegungen der Hände, die etwas tasten und/oder suchen).
- Benötigte Hilfe: Ist notwendig, jedoch keine ununterbrochene Betreuung oder Beaufsichtigung.
Schwere Demenz:
- Kognitive Beeinträchtigungen: Gedankengänge können nicht mehr nachvollziehbar kommuniziert werden.
- Lebensführung: Es ist keine unabhängige, selbstständige Lebensführung möglich.
- Häufige affektive Störungen: Unruhe, psychotische Störungen, aggressive Verhaltensweisen, Schreien, gestörter Tag-Nacht-Rhythmus, Nesteln (Störungen wie bei mittelschwerer Demenz).
- Benötigte Hilfe: Dauerhafte Betreuung und Beaufsichtigung sind notwendig.
In der Endphase der Erkrankung sind die Betroffenen im sogenannten embryonalen Stadium. Das bedeutet, dass Patientinnen/Patienten bettlägerig sind und v.a. palliativer Versorgung bedürfen.
Einzelne Stadien können sich in ihrer Symptomatik überschneiden. Der Verlauf der Erkrankung ist abhängig von der Demenzform und äußeren Einflussfaktoren wie körperliche Erkrankungen, Über- und Unterforderung, Einsamkeit und Depression.
Hinweis
Die Demenz betrifft damit nicht nur die Erkrankten selbst, sondern auch deren (betreuende) Angehörige in besonderem Maße.
Was bedeutet Retrogenese bzw. „umgekehrte Kindheitsentwicklung“?
Das Fortschreiten einer Alzheimererkrankung wird vonseiten der Wissenschaft auch ähnlich einer „umgekehrten Kindheitsentwicklung“ (Retrogenese nach Barry Reisberg) beschrieben. Die Theorie geht davon aus, dass Personen mit einer Alzheimer-Demenz ihre Fähigkeiten ungefähr in der umgekehrten Reihenfolge abbauen, wie gesunde Kinder sie im Verlauf einer normalen Entwicklung aufbauen. Im Verlauf einer Alzheimer-Demenz verliert die betroffene Person ihre normale Selbstständigkeit im Alltag und wird immer mehr von der Betreuung und Pflege abhängig. Aus dieser Theorie hat der amerikanische Psychiater Barry Reisberg typische Stadien der Erkrankung beschrieben.
Welche Stadien gibt es bei Demenz nach Reisberg?
Die vom bekannten Alzheimer-Forscher Barry Reisberg beschriebenen Stadien ermöglichen es, ein besseres Verständnis der Krankheit aufzubringen. Die Demenzstadien nach Reisberg lauten wie folgt:
- Stadium 1 (normale Funktion): Die Krankheit entwickelt sich aus einer normalen geistigen Leistungsfähigkeit.
- Stadium 2 (sehr leicht vermindertes Wahrnehmungsvermögen): In der Folge nimmt die/der Betroffene leichte kognitive Störungen wahr. Es handelt sich hier um subjektive Beschwerden und noch nicht um eine Demenz. Die Merkfähigkeit und das Gedächtnis sind beeinträchtigt. Namen und Termine werden vergessen. Bei manchen Situationen fehlt die Erinnerung und öfters werden Dinge verlegt. Das Prophylaxe-Training beginnt in diesem Stadium.
- Stadium 3 (leicht vermindertes Wahrnehmungsvermögen): Ab diesem Stadium bemerkt auch das Umfeld erste kognitive Ausfälle. So sind die Arbeitsleistung, die Wahl der richtigen Wörter und die Namenfindung beeinträchtigt. Inhalte, die gerade gelesen wurden, werden vergessen und es tauchen zunehmend Schwierigkeiten bei der Planung und Organisation des Alltags auf. Auch bei der räumlichen Orientierung zeigen sich Probleme und Gegenstände werden öfter verlegt. Diese Symptome einer leichten kognitiven Störung können einerseits Anzeichen einer beginnenden Alzheimer-Demenz sein, aber auch andere Ursachen haben.
- Stadium 4 (beginnende Demenz): Der Beginn einer Demenz wird durch den Eintritt in das Stadium 4 gekennzeichnet. Im weiteren Verlauf sind die kognitiven Störungen deutlich merkbar. Die betroffene Person hat Schwierigkeiten, komplexe Aufgaben (z.B. Lösen von Rechenbeispielen und Planung eines Essens für Gäste) selbstständig durchzuführen. Zudem kann es zu Schwierigkeiten beim Kochen, beim Umgang mit Geld oder bei der Bedienung von Elektrogeräten und beim Zurechtfinden an gewohnten Orten kommen. Die erkrankte Person leidet psychisch unter dem Verlust ihrer Fähigkeiten und ihrer Selbstständigkeit. Schlechte Stimmung und Zurückgezogenheit können die Folge sein, auch Depressionen können entstehen. Die Förderung selbstständiger Aktivitäten und noch vorhandener Fähigkeiten hilft, das Selbstbewusstsein zu stärken. Nach der Theorie der Retrogenese kann der Leistungsgrad in diesem Stadium mit einem Kind/Jugendlichen von acht bis zwölf Jahren verglichen werden.
- Stadium 5 (mittelschwere Demenz): Die erkrankte Person kommt im Alltag zunehmend nicht mehr ohne Unterstützung zurecht. So wird etwa Hilfe bei der Auswahl der Kleidung benötigt. Jahreszeitliche Veränderungen werden oft nicht mehr erkannt und die Körperhygiene lässt nach. Die Erinnerung an wichtige, persönliche Daten (z.B. Adresse, Telefonnummer, Geburtsdatum) fällt schwer. Betroffene sind manchmal verwirrt, an welchem Ort sie sich befinden oder welcher Tag heute ist (Orientierungslosigkeit). Die Person leidet unter unspezifischen Ängsten und kann auch zornig auf den Verlust bestimmter Fähigkeiten reagieren. Nach der Theorie der Retrogenese entspricht das Leistungsniveau einer Person in diesem Stadium ungefähr dem Niveau eines Kindes zwischen fünf und sieben Jahren.
- Stadium 6 (schwere Demenz): Die Fähigkeit, Basisaktivitäten durchführen zu können, geht verloren. In sehr vielen Lebensbereichen wird Unterstützung notwendig, z.B. beim Waschen, dem Toilettengang und beim Anziehen von Kleidung. Betroffene können Schwierigkeiten haben, kurz zurückliegende Ereignisse und ihre Umgebung bewusst wahrzunehmen. Zudem kann es zu erheblichen Veränderungen beim Schlafverhalten kommen (z.B. Schlafen am Tag und Unruhe in der Nacht). Verhaltensauffälligkeiten und Inkontinenz können sich ausprägen. Die Namen von nahestehenden Personen können meist nicht benannt werden. Oft wird auf die wahrgenommenen Defizite sehr emotional, z.B. mit Zorn, Auflehnung oder Verzweiflung, reagiert. Nach dem retrogenetischen Modell entspricht eine Person in diesem Stadium ihrem Leistungsniveau nach einem zwei- bis vierjährigem Kind.
- Stadium 7 (sehr schwere Demenz): In diesem fortgeschrittenen Stadium reduziert sich die Sprech- und Gehfähigkeit der betroffenen Person zunehmend. Im weiteren Verlauf ist es u.a. nicht mehr möglich, aufrecht zu sitzen und den Kopf aufrecht zu halten. Die Fähigkeit zu lächeln geht verloren. Die/der Erkrankte entwickelt ein Harmoniebedürfnis und ist sowohl emotional als auch körperlich sehr verletzlich und ihrer/seiner Umwelt völlig ausgeliefert. Aber auch derjenige, der die Sprache verliert, hat viel zu sagen. Die non-verbale Kommunikation wird zur Grundlage der Pflegebeziehung. Durch geeignete Stimulation und Training kann die Bettlägerigkeit lange Zeit verhindert und so Lebensqualität gewonnen werden. In diesem letzten Stadium ist die Leistungsfähigkeit der Betroffenen nach der Retrogenesetheorie vergleichbar einem Kleinkind von zwölf Monaten bis hin zur Geburt.
Hinweis
Untersuchungen deuten darauf hin, dass bei frühzeitigem Ansetzen der Therapien die einzelnen Stadien in ihrer Dauer verdoppelt werden können. Besonders bei einem frühen Therapiebeginn bedeutet das, dass die frühen Phasen verlängert und die späten, pflegeintensiven Phasen verkürzt werden können.
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Letzte Aktualisierung: 14. Januar 2021
Erstellt durch: Redaktion Gesundheitsportal
Expertenprüfung durch: Priv.-Doz. Dr. Michael Rainer, Facharzt für Psychiatrie und Neurologie, Facharzt für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin, Zusatzfach Psychiatrie und Neurologie (Geriatrie)