Funktionelle Dyspepsie (Reizmagen)
Inhaltsverzeichnis
Was ist eine funktionelle Dyspepsie?
Der Begriff Dyspepsie bedeutet „Fehl-Verdauung“. Die damit verbundenen Beschwerden wie Völlegefühl, Übelkeit oder andere Beschwerden im Oberbauch können z.B. durch üppiges Essen oder eine Erkrankung ausgelöst werden. Diese Magenbeschwerden vergehen meist nach einiger Zeit von selbst oder bei Heilung der verursachenden Erkrankung.
Bei einer funktionellen Dyspepsie – einem Reizmagen – treten immer wieder bestimmte Beschwerden und Schmerzen ohne eindeutig erkennbare organische Erkrankung bzw. Ursache auf. Meist lässt sich medizinisch lediglich feststellen, dass bestimmte Prozesse im Magen-Darm-Bereich nicht richtig funktionieren. Die Beschwerden können chronisch werden und das Leben der Betroffenen stark belasten.
Die funktionelle Dyspepsie gehört zusammen mit dem Reizdarmsyndrom zu den funktionellen Erkrankungen des Verdauungstrakts. Fachleute bezeichnen sie auch als somatoforme Störungen. Etwa zehn Prozent der Bevölkerung leiden unter einem Reizmagen. Auch Kinder und Jugendliche sind ähnlich häufig wie Erwachsene davon betroffen.
Funktionelle Dyspepsie: Welche Rolle spielt die Darm-Hirn-Achse?
Das Gehirn und der Verdauungstrakt kommunizieren über Nervensysteme miteinander. Die Fachwelt bezeichnet diese Verbindung des zentralen Nervensystems mit dem Nervensystem des Darms als Darm-Hirn-Achse. Die Kommunikation zwischen den beiden Nervensystemen erfolgt über verschiedene Wege, z.B.: Nervenbahnen, Hormone, Immunzellen und Mikroorganismen des Darms – das Mikrobiom. Sie steuern und regulieren zahlreiche Prozesse im Körper. Und sie beeinflussen sowohl die körperliche als auch die psychische Gesundheit.
Das Zusammenspiel – auch Interaktion bezeichnet – zwischen dem Magen-Darmbereich und dem Gehirn kann gestört sein. Fachleute zählen funktionelle Dyspepsie und Reizdarmsyndrom auch zu den sogenannten Darm-Hirn-Interaktionsstörungen.
Die Darm-Hirn-Interaktion und ihre Rolle bei der Entstehung einer funktionellen Dyspepsie ist Gegenstand weiterer Forschungen.
Welche Ursachen kann eine funktionelle Dyspepsie haben?
Als Ursachen der Beschwerden einer funktionellen Dyspepsie – eines Reizmagens – vermuten Fachleute ein komplexes Zusammenspiel von
- körperlichen (biologischen),
- seelischen (psychologischen) und
- sozialen Faktoren.
Die Prozesse der Entstehung der Beschwerden sind nur teilweise erforscht. Zudem sind die Beschwerden bei den Betroffen oft unterschiedlich ausgeprägt.
Eine wichtige Rolle spielen Störungen folgender Körperprozesse:
- Gestörte Motilität – die Fähigkeit des Magens, sich an verschiedene Füllungszustände anzupassen. Dadurch steigt der innere Druck des Magens.
- Gestörte Magenentleerung – die Bewegungen der Magenmuskulatur, die Peristaltik, sind beschleunigt oder verzögert.
- Gestörte Entspannung des Magens nach dem Essen.
- Erhöhte Schmerzempfindlichkeit im Magen-Darm-Bereich durch eine Dehnung des Magens nach einer Mahlzeit. Es kann auch eine Überempfindlichkeit auf Magensäure oder fette Nahrung bestehen.
- Beeinträchtigte Schutzfunktion und entzündliche Veränderungen der Magenschleimhaut.
Psychologische Faktoren wie psychologischer Stress, Angststörungen oder depressive Störungen können die Magenfunktionen beeinträchtigen und Magenbeschwerden begünstigen. Die Beschwerden können wiederum die bestehenden psychischen Symptome verstärken.
Weitere Risikofaktoren für die Entstehung einer funktionellen Dyspepsie sind:
- Frühere Magen-Darm-Infektion bzw. Gastroenteritis
- Einnahme nicht-steroidaler Antirheumatika (NSAR)
- Genetische Veranlagung
- Nahrungsmittelunverträglichkeit oder Nahrungsmittelallergie.
Hinweis
Auch zum Beispiel eine Infektion mit Helicobacter pylori (HP) kann Beschwerden einer Dyspepsie auslösen. Dies wird in der Medizin auch als HP-assoziierte Dyspepsie bezeichnet.
Welche Symptome können auftreten?
Dyspepsie kann sich durch unterschiedliche Beschwerden im Oberbauch bemerkbar machen. Diese hängen häufig mit den Mahlzeiten zusammen. Zu den typischen Beschwerden einer funktionellen Dyspepsie zählen:
- Schmerzen oder Brennen im oberen Bauchbereich – dem Epigastirum – auch unabhängig von den Mahlzeiten. Fachleute bezeichnen dies als epigastrisches Schmerzsyndrom.
- Frühes Sättigungsgefühl, Völlegefühl, Blähungen oder Druckschmerz nach dem Essen – auch postprandiales Disstress-Syndrom bezeichnet.
Weitere mögliche Symptome sind:
- Sodbrennen sowie
- selten Übelkeit und Erbrechen.
Oft sind die Beschwerden ähnliche wie bei anderen Magen-Darm-Erkrankungen, etwa Reizdarmsyndrom oder Refluxerkrankung.
Wie verläuft eine funktionelle Dyspepsie?
Eine funktionelle Dyspepsie kann unterschiedlich verlaufen, z.B. mit chronischen Beschwerden oder mit immer wiederkehrenden Episoden. Auch die Häufigkeit und Intensität von Schmerzen können sich verändern. Viele Patientinnen und Patienten leiden über Monate oder Jahre unter den Beschwerden. Psychischer Stress kann einen starken Einfluss auf die Beschwerden haben.
Eine vollständige Heilung ist oft nicht möglich. Bei einem großen Teil der Betroffenen verläuft die Erkrankung jedoch langfristig positiv – die Beschwerden gehen zurück oder verschwinden und die Lebensqualität verbessert sich.
Wie wird die Diagnose gestellt?
Für die Diagnose von Beschwerden einer Dyspepsie fragt die Ärztin oder der Arzt in einem ausführlichen Gespräch nach der Krankengeschichte: z.B. nach den Beschwerden, eingenommenen Medikamenten, Lebensumständen und Essgewohnheiten. Auch eine körperliche Untersuchung und ev. eine Ultraschalluntersuchung des Oberbauchs wird durchgeführt.
Eine funktionelle Dyspepsie ist durch das typische Beschwerdebild ohne erkennbare organische Ursachen gekennzeichnet. Erkrankungen bzw. Ursachen mit ähnlichem Beschwerdebild sind z.B.
- Reizdarmssyndrom
- Gastritis
- Magenulkus
- Refluxkrankheit
- Nebenwirkungen von Medikamenten, z.B. nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR)
- Mageninfektion mit Helicobacter pylori Bakterien
- Magenkrebs (selten)
- Zöliakie (selten)
Zum Ausschluss von organischen Erkrankungen kann die Ärztin oder der Arzt weitere Untersuchungen vorschlagen, z.B. Laboruntersuchungen des Blutes, Testung auf Helicobacter pylori und endoskopische Untersuchungen, z.B. Magenspiegelung. Erst wenn organische Erkrankungen als Ursache für die Beschwerden ausgeschlossen sind, wird die Ärztin oder der Arzt die Diagnose einer funktionellen Dyspepsie stellen. Dabei stellt die Ärztin oder der Arzt fest, welches Beschwerdebild dominiert: das epigastische Schmerzsyndrom mit Beschwerden unabhängig von Mahlzeiten oder das postprandiale Disstress-Syndrom mit Beschwerden, die nach dem Essen auftreten.
Besteht eine andere Erkrankung als mögliche Ursache, wird die Ärztin oder der Arzt die entsprechende Behandlung vorschlagen, z.B. bei einer Helicobacter-pylori-Infektion eine Behandlung mit speziellen Antibiotika.
Wie erfolgt die Behandlung einer funktionellen Dyspepsie?
Zunächst klärt die Ärztin oder der Arzt mit der Patientin oder dem Patienten ab, welche Beschwerden im Vordergrund stehen und welche Möglichkeiten der Behandlung es dafür gibt.
Zu Beginn der Behandlung empfehlen Fachleute auch eine umfassende Aufklärung über das Krankheitsbild der funktionellen Dyspepsie durch die Ärztin oder den Arzt. Dies hilft den Betroffenen, die Krankheit besser zu verstehen und ev. Ängste zu vermindern. Dazu zählt auch die Beratung über einen geeigneten Lebensstil, z.B. Anpassung der Ernährung, Umgang mit belastendem Stress oder regelmäßige Bewegung. Zudem kann die Ärztin oder der Arzt die Betroffenen unterstützen, Selbsthilfe-Strategien zu entwickeln.
Die Ärztin oder der Arzt kann vorschlagen, auch Ärztinnen und Ärzte aus anderen Fachgebieten bzw. andere Gesundheitsberufe in die Behandlung einzubinden.
Medikamente zur Behandlung von Beschwerden funktioneller Dyspepsie
Die medikamentöse Behandlung der Beschwerden zielt drauf ab, die vorliegenden Symptome zu lindern. Die Ärztin oder der Arzt kann eine Behandlung mit folgenden Arzneimitteln vorschlagen:
- Pflanzliche Arzneimittel:
- Phytotherapeutika STW-5 (Iberogast) / STW-5-II (Kombination verschiedener pflanzlicher Arzneimittel: Iberis Amara, Pfefferminze, Kamille, Kümmel, Melisse, Süßholz, Angelikawurzel, Mariendistel, Schöllkraut)
- Pfefferminzöl in Kombination mit Kümmelöl
Diese pflanzlichen Arzneimittel können die Beschwerden einer funktionellen Dyspepsie wahrscheinlich lindern. Die Evidenz ist jedoch noch unsicher. Dies ergab eine Zusammenfassung wissenschaftlicher Studien.
- Säurehemmende Medikamente:
- Säurehemmer bzw. Protonenpumpenhemmern (PPI)
- H2-Rezeptor-Antagonisten
Diese Medikamente hemmen die Bildung von Magensäure. Die Ärztin oder der Arzt kann sie unter Umständen für die Behandlung einer funktionellen Dyspepsie vorschlagen - off label.
- Medikamente gegen Völlegefühl und Übelkeit:
- Sogenannte Prokinetika fördern die Beweglichkeit des Verdauungstraktes – die Peristaltik. Diese Medikamente werden nur zur Kurzzeitbehandlung einer funktionellen Dyspepsie eingesetzt – off label.
- Antidepressiva: Wenn die eingesetzten Medikamente keine Besserung bringen, kann die Ärztin und der Arzt im Verlauf der Behandlung bestimmter Antidepressiva vorschlagen oder an eine Fachärztin oder einen Facharzt für Psychiatrie verweisen
Die Wirksamkeit der Medikamente bei Beschwerden funktioneller Dyspepsie ist individuell unterschiedlich. Eine Symptomverbesserung durch Medikamente tritt oft erst nach acht bis zwölf Wochen ein. Bei der Behandlung ist also Geduld erforderlich. Regelmäßige ärztliche Kontrollen sind wichtig, um den Erfolg der Behandlung zu überprüfen. Hat eine Behandlungsmaßnahme keinen Erfolg, werden gemeinsam andere Möglichkeiten besprochen.
Nicht-medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten einer funktionellen Dyspepsie
Es gibt verschiedene Maßnahmen, die Personen mit Beschwerden einer funktionellen Dyspepsie helfen können. Dazu zählen:
- Psychotherapie: z.B. kognitive Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, Hypnosepsychotherapie. Psychotherapie kann besonders unterstützen, wenn neben dem Reizmagen psychische Belastungen vorhanden sind. Zum Beispiel negativer Stress, Ängste, Depressionen oder die Symptome des Reizmagens selbst zu einer großen täglichen Belastung werden.
- Mind-Body-Verfahren bzw. Entspannungsmethoden, z.B.
- Stressmanagement,
- Achtsamkeitstraining,
- Atemtechniken, bei der gezielt das Zwerchfell (Diaphragma) aktiviert wird. Sie wird auch Bauchatmung oder Zwerchfellatmung bezeichnet.
- Spezielle Hypnosetherapie, die auf den Verdauungstrakt bzw. die Darm-Hirn-Achse gerichtet ist.
- Ernährungsberatung für eine Anpassung der Ernährung
- Akupunktur
Weitere Informationen finden Sie unter: Behandlung einer somatoformen Störung.
Dyspepsie: Was kann ich selbst tun?
Nach der Diagnose einer funktionellen Dyspepsie kann die Ärztin oder der Arzt dabei beraten, welche Maßnahmen im Alltag helfen können, Beschwerden zu lindern. Dazu zählt etwa eine Ernährungsumstellung. Manche Maßnahmen können – nach Anleitung durch Fachleute – selbst durchgeführt werden, z.B. Entspannungsübungen oder Atemtechniken. Obwohl wissenschaftliche Belege für viele Maßnahmen fehlen, können sie bei manchen Betroffenen zur Besserung beitragen.
Fachleute geben folgende Empfehlungen zu Ernährung und Lebensstil, die sich positiv auf den Magen-Darm-Trakt auswirken können:
- Mehrere, kleine und leicht verdauliche Mahlzeiten statt wenige große essen,
- langsam und sorgfältig kauen,
- ausreichend trinken,
- blähende, fettreiche sowie scharf gewürzte Speisen vermeiden,
- nicht rauchen,
- Alkohol und Kaffee nur in Maßen konsumieren,
- individuell unverträgliche Nahrungsmittel vermeiden,
- auf ausreichend Schlaf und Entspannung achten,
- Stress reduzieren, etwa durch Autogenes Training oder Meditation, sowie
- regelmäßig Bewegung bzw. Sport machen.
Wohin kann ich mich wenden?
Für die Abklärung und die Behandlung von Dyspepsie bzw. Reizmagen können sich Betroffene als erste Anlaufstelle an Einrichtungen der Primärversorgung wenden:
- Ärztin bzw. Arzt für Allgemeinmedizin
- Primärversorgungseinheiten
- Kinder-Primärversorgungseinheiten
Für die weitere Diagnose und Behandlung können folgende Fachärztinnen bzw. Fachärzte und weitere Gesundheitsberufe einbezogen werden:
- Fachärztin oder Facharzt für Innere Medizin, Spezialgebiet Gastroenterologie und Hepatologie
- Fachärztin oder Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin
- Fachärztinnen bzw. Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapeutische Medizin
- Ärztin oder Arzt mit ÖÄK-Diplom Psychosomatische Medizin bzw. ÖÄK-Diplom Psychotherapeutische Medizin
- Ärztin oder Arzt mit ÖÄK-Diplom Ernährungsmedizin
- Diätologin oder Diätologe
- Psychotherapeutin oder Psychotherapeut
- Klinische Psychologin oder klinischer Psychologe
- Physiotherapeutin oder Physiotherapeut
Wie erfolgt die Abdeckung der Kosten?
Die e-card ist Ihr persönlicher Schlüssel zu den Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung. Alle notwendigen und zweckmäßigen Diagnose- und Therapiemaßnahmen werden von Ihrem zuständigen Sozialversicherungsträger übernommen. Bei bestimmten Leistungen kann ein Selbstbehalt oder Kostenbeitrag anfallen. Detaillierte Informationen erhalten Sie bei Ihrem Sozialversicherungsträger. Weitere Informationen finden Sie außerdem unter:
- Recht auf Behandlung
- Arztbesuch: Kosten und Selbstbehalte
- Was kostet der Spitalsaufenthalt
- Rezeptgebühr: So werden Medikamentenkosten abgedeckt
- Heilbehelfe & Hilfsmittel
- Gesundheitsberufe A-Z
sowie über den Online-Ratgeber Kostenerstattung der Sozialversicherung.
Die verwendete Literatur finden Sie im Quellenverzeichnis.
Letzte Aktualisierung: 3. November 2025
Erstellt durch: Redaktion Gesundheitsportal
Expertenprüfung durch: Prim. Univ.-Prof. Dr. Thomas-Matthias Scherzer, Facharzt für Innere Medizin, Zusatzfach Gastroenterologie und Hepatologie; Priv.-Doz. Dr. Elisabeth Tatscher, Fachärztin für Innere Medizin, Zusatzfach Gastroenterologie und Hepatologie