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Junge blickt traurig © altanaka

Depressionen & bipolare Störungen bei Kindern/Jugendlichen

Wenn Kinder und Jugendliche depressiv sind, unterscheiden sich die Kennzeichen teilweise stark von betroffenen Erwachsenen. Zudem ist in vielen Fällen eine kindliche depressive Episode der Vorbote einer bipolaren Erkrankung („manisch-depressiv“).

20 Prozent der Kinder und Jugendlichen durchleben vor der Volljährigkeit eine depressive Episode. Depressionen sowie bipolare Erkrankungen sind ernst zu nehmende und mitunter schwerwiegende Krankheiten, die auch lebensbedrohliche Ausmaße (z.B. Suizidgefahr) annehmen können.  

Wie entsteht eine Depression bzw. bipolare Erkrankung?

Umweltfaktoren sind vor allem bei der Depressionsentstehung wichtig: Verlusterlebnisse, Missbrauch (emotional oder sexuell), Vernachlässigung oder andauernder Stress (vor allem in der Familie). Oft ist eine akute Lebensbelastung ein Mitauslöser. Aber auch andere seelische bzw. körperliche Erkrankungen können (Mit-)Verursacher sein. Ab der Pubertät sind Mädchen häufiger betroffen. Die depressiven Episoden dauern zwischen drei und zwölf Monaten. Besonders Angststörungen im Kindesalter erhöhen die Wahrscheinlichkeit für eine spätere Depression oder bipolare Erkrankung. Im Jugendalter stellt zunehmend auch Substanzmissbrauch (Drogen etc.) einen Risikofaktor dar. Oftmals bestehen zudem ADHS oder Verhaltensauffälligkeiten. Genetische Faktoren sind wesentlich. Dies ist bei der bipolaren Störung besonders ausgeprägt, wobei hier das Risiko bei Kindern vier- bis sechsfach erhöht ist, wenn nahe Verwandte an der Störung leiden.

Wie kann man der Erkrankung vorbeugen?

Einer Depression oder bipolaren Störung kann nicht mit Sicherheit vorgebeugt werden. Liebevolle und einfühlsame Bezugspersonen und ein gutes Entwicklungsumfeld ermöglichen ein stabiles Wachstum der Persönlichkeit. Es ist zudem wichtig, früh Anzeichen zu erkennen und professionelle Hilfe zu suchen. Stressbewältigungstraining und andere Formen der psychosozialen Unterstützung in belastenden Situationen können auch einen Beitrag zur Prävention leisten.

Welche Symptome können auftreten?

Symptome einer depressiven Episode

Zu den Symptomen einer depressiven Episode zählen:

  • Getrübte Stimmung/Niedergeschlagenheit
  • Antriebslosigkeit
  • Gereiztheit
  • Verlust des Interesses an z.B. Freizeitbeschäftigungen
  • Pessimistische Zukunftsvorstellungen
  • Geringes Selbstwertgefühl
  • Schuldgefühle
  • Ängste (z.B. reale Ängste aufgrund einer aktuellen Situation etwa bei einer Scheidung, aber auch irreale Angstgefühle etwa vor Monstern)
  • Schlafstörungen
  • Appetitstörungen
  • Hemmung im Denken und Handeln
  • Müdigkeit
  • Konzentrations- bzw. Gedächtnisprobleme
  • Ergebnisloses Grübeln „in einer Endlosschleife“
  • Sozialer Rückzug

Bei kleinen Kindern sind depressive Kennzeichen oft schwerer zu erkennen. Hier hilft die Beobachtung des Alltagsverhaltens. So können etwa Spielunlust, schnelle Frustration oder Albträume auftreten.

Hinweis Zudem können Gedanken und Handlungen in Bezug auf Suizid auftreten. Nähere Informationen sowie wichtige Hinweise zur Soforthilfe und zu Notrufnummern finden Sie unter Wenn Jugendliche nicht mehr leben wollen sowie unter bittelebe.at.

Je mehr Symptome auftreten und je schwerer sie sind, desto schwerwiegender ist auch die Erkrankung. Man spricht auch von milden (leichten), mittelgradigen oder schweren depressiven Episoden. Nähere Informationen zu verschiedenen Depressionsformen finden Sie auch unter Depression: Formen und Verlauf.

Symptome einer Manie/manischen Episode bei einer bipolaren Erkrankung

Bei bipolaren Erkrankungen treten folgende Symptome einer manischen Episode zwischen depressiven Episoden auf:

  • Rededrang
  • Ideenflucht (kaum ist eine Idee geäußert, folgen bereits – teils unzusammenhängend – weitere; „vom Hundertsten ins Tausendste kommen“)
  • Vermindertes Bedürfnis zu schlafen
  • Hemmungsverlust
  • Überzogene Selbsteinschätzung
  • Ablenkbarkeit
  • Erhöhte Libido (sexuelles Verlangen) bei Jugendlichen
  • Teilweise auch Halluzinationenbzw. Wahn

Um von einer bipolaren Störung zu sprechen, müssen zumindest zwei affektive (Stimmungsstörungs-)Episoden vorliegen. Davon muss mindestens eine hypomanisch (ähnliche Merkmale wie bei manischer Episode, aber abgemildert), manisch oder gemischt (depressiv und manisch bzw. hypomanisch) sein. Bei Jugendlichen kommt es häufiger zu Stimmungswechseln als bei erwachsenen Betroffenen. Man spricht in diesem Zusammenhang von "ultra-rapid cycling". Die Episoden dauern jeweils nur ein paar Tage oder auch nur vier Stunden ("ultradian cycling") an.

Hinweis Zudem können Gedanken und Handlungen in Bezug auf Suizid auftreten. Nähere Informationen sowie wichtige Hinweise zur Soforthilfe und Notrufnummern finden Sie unter Wenn Jugendliche nicht mehr leben wollen sowie unter bittelebe.at

Wie erfolgt die Diagnose?

In jedem Fall benötigen betroffene Kinder und Jugendliche rasch professionelle Hilfe. Erste Ansprechstelle sind Kinder- und Jugendpsychiaterinnen/Kinder- und Jugendpsychiater. Meist werden für die Diagnose z.B. auch klinische Psychologinnen/Psychologen oder Ärztinnen/Ärzte anderer Fachrichtungen (z.B. für Kinder- und Jugendheilkunde) hinzugezogen.

Einbindung der Familie

Vor allem jüngere Kinder können ihre Beschwerden oft nicht so gut beschreiben. Hier ist eine Verhaltensbeobachtung sowie genaues Erfragen der Krankengeschichte (Anamnese) bei den Bezugspersonen (vor allem in der Familie) notwendig. Ebenso muss erhoben werden, ob bereits andere Familienmitglieder (blutsverwandt) an einer Stimmungsstörung leiden bzw. litten. Einerseits um das genetische Risiko zu ermitteln, andererseits auch um ggf. passende Unterstützungsmaßnahmen für die ganze Familie zur Verfügung zu stellen, denn wenig unterstützende Elternbeziehung ist ein Risikofaktor für einen Rückfall. 

Jugendlichen sollte die Möglichkeit gegeben werden, mit der Ärztin/dem Arzt oder der Therapeutin/dem Therapeuten alleine zu sprechen. Oft zeigt sich dann eine größere Bereitschaft oder Offenheit, über die Probleme zu sprechen.

Ausschluss von körperlichen Erkrankungen

Körperliche Krankheiten können begleitend oder als (Mit-)Auslöser auftreten und müssen abgeklärt bzw. ausgeschlossen werden, etwa Schilddrüsenerkrankungen oder neurologische Krankheiten. Es erfolgen eine gründliche körperliche und neurologische Untersuchung sowie auch Laboruntersuchungen (inklusive Drogenscreening). Eine Bildgebung mittels MRT ist bei Neuauftreten der Symptome wichtig, um organische Erkrankungen des Gehirns auszuschließen. Zu wichtigen Differenzialdiagnosen zählen u.a. ADHS, Schizophrenie sowie die Emotional instabile Persönlichkeitsstörung. Es ist zudem wesentlich für diagnostische oder therapeutische Überlegungen zu berücksichtigen, ob Medikamente oder Verhütungsmittel eingenommen werden. Zum einen, weil Arzneimittel sich auf die Stimmungslage auswirken können. Zum anderen, weil dies wichtig ist, um für zusätzliche Medikamente gegen Depression oder Manie Substanzen auszuwählen, die mit den bisherigen gut zusammenpassen.

Für die Diagnose kommen auch standardisierte Fragebögen zum Einsatz. Zum Beispiel die Child-Behavior-Checklist (CBCL) und störungsspezifische Fragebögen wie etwa das Depressionsinventar für Kinder und Jugendliche (DIKJ) oder die Young Mania Rating Scale (YMRS) für die bipolare Störung. Es kann zudem nützlich sein, ein Stimmungstagebuch hinzuzuziehen, um den Verlauf der Stimmungsänderungen zu beobachten.

Hinweis Suizidgefahr muss immer abgeklärt werden, um eine Gefahr der Selbstschädigung abzuwenden.

Wie erfolgt die Behandlung?

Vor der Therapie sollten in jedem Fall gemeinsam mit der Patientin/dem Patienten sowie mit der Familie eine Aufklärung über die Erkrankung und Behandlung erfolgen. Es werden zudem individuelle Therapieziele definiert. Ein Spitalsaufenthalt (mitunter nach dem Unterbringungsgesetz) ist etwa bei starken Belastungen sowie bei akuter Suizidalität notwendig. Eltern werden in die Therapie mit einbezogen, da ein stabiles und verständnisvolles Familienumfeld wichtig für die Genesung ist. Auch eine Familientherapie kann zur Anwendung kommen. Eltern können u.a. auch in Selbsthilfegruppen Unterstützung finden.

Hinweis Aus Sicht der evidenzbasierten Medizin kann nicht klar gesagt werden, welche Therapie den besten Nutzen nach sich zieht. Dies muss individuell mit der jeweiligen Ärztin/dem jeweiligen Arzt besprochen werden.

Behandlung von depressiven Störungen/Episoden

Die Therapie von reinen Depressionen richtet sich nach der S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Bei älteren Jugendlichen sollten für die Behandlung auch Leitlinien für Erwachsene hinzugezogen werden.

Bei leichten depressiven Episoden kann für den Beginn psychosoziale Unterstützung und Psychoedukation bei kleineren Kindern ausreichen. Für ältere Kinder und Jugendliche mit leichter bis mittelgradiger Depression ist Psychotherapie die Behandlungsmethode der Wahl. Besonders wissenschaftlich nachweisbar wirksam sind dabei Ansätze aus der kognitiven Verhaltenstherapie sowie aus der Interpersonellen Psychotherapie. Ein allgemeiner wichtiger Faktor für den Therapieerfolg einer Psychotherapie ist jedoch auch die therapeutische Beziehung. Daher ist es wesentlich, dass das Kind oder die Jugendliche/der Jugendliche gut mit der Psychotherapeutin/dem Psychotherapeuten zusammenarbeiten kann.

Medikamentöse Behandlung im Kindes- und Jugendalter wird bei folgenden Ausprägungen der depressiven Störung empfohlen:

  • Nicht ausreichender Effekt alleiniger Psychotherapie über zwölf Wochen
  • Schwere depressive Störungen
  • Suizidalität
  • Wahnvorstellungen

Bei Winterdepression kann eine morgendliche Lichttherapie (10.000 Lux für 30 Minuten über zwei bis vier Wochen) erfolgen.

Schwere Depressionen

Bei schweren Depressionen sollte die Behandlung gleich von Beginn an mittels einer Kombination aus SSRI (Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) sowie Psychotherapie bestehen und erfolgt meist stationär. Für Kinder ab acht Jahren ist Fluoxetin zugelassen; alternativ Sertralin (ab zehn Jahren bei Zwangsstörungen zugelassen) oder Escitalopram bzw. Citalopram. Auf Zeichen von Nebenwirkungen ist zu achten und die Ärztin/der Arzt umgehend zu informieren – vor allem wenn es zu Suizidgedanken, Aggressionen sowie Ängsten und Schlaflosigkeit kommt. Tritt innerhalb von zwölf Wochen Psychotherapie oder vier Wochen Medikamenteneinnahme keine Besserung ein, sollte die Therapie verändert werden (andere Psychotherapieform, anderes Medikament). Auch wenn Betroffene mindestens zwei Monate symptomfrei sind, sollten sie für mindestens ein halbes Jahr Medikamente nehmen. Die weitere Therapie hängt vom Schweregrad der ersten Episode bzw. von der Häufigkeit bisheriger Episoden, verbliebenen Symptomen (Residualsymptome) sowie den Nebenwirkungen ab. Es ist wichtig, dass Eltern/Bezugspersonen sowie ab einem gewissen Alter auch Jugendliche selbst erneute depressive Symptome möglichst rasch erkennen, um frühzeitig therapeutisch gegenzusteuern. Denn das Risiko für eine weitere er aufgetretenen Episode. 

Hinweis Für Johanniskraut liegen keine Wirksamkeitsnachweise zur Behandlung von depressiven Zuständen bei Kindern und Jugendlichen vor.

Behandlung einer bipolaren Depression

Depressive Phasen im Rahmen einer bipolaren Störung werden anders behandelt als reine Depressionen. So werden z.B. keine Antidepressiva (außer mitunter bei Jugendlichen) in diesem Fall angewandt, da sie einen sogenannten „Switch“ (Stimmungshoch fällt rasch in ein Stimmungstief bzw. umgekehrt) begünstigen. Arzneimittel für depressive Episoden im Rahmen einer bipolaren Störung bei Kindern und Jugendlichen sind momentan nur außerhalb dafür zugelassener Medikamente – im Sinne eines „Off-label-Usebzw. im Rahmen einer klinischen Studie möglich. Dabei werden Stimmungsstabilisierer bzw. atypische Neuroleptika hinzugezogen.

Behandlung von Manie

Bei der Therapie einer reinen Manie hat die medikamentöse Behandlung einen zentralen Stellenwert. Bei hoher Erregung mit Selbstüberschätzung oder risikoreichem Verhalten (ggf. mit Suizidalität) kann ein stationärer Aufenthalt (mitunter nach dem Unterbringungsgesetz) notwendig sein.

Wesentlich ist, dass eine genaue Psychoedukation erfolgt – sowohl der Patientin/des Patienten als auch der Familie. Das Krankheitsbild sollte genau erläutert sowie die möglichen individuellen Behandlungsmaßnahmen besprochen werden.

Die Behandlung der Manie bei Kindern und Jugendlichen bietet bis dato nur einige wissenschaftlich nachgewiesene Maßnahmen. Empfohlen wird ein sogenanntes atypisches Neuroleptikum z.B. Aripiprazol (ab dem 13. Lebensjahr zugelassen), Quetiapin, Olanzapin bzw. Risperdon. Es kann auch ein stimmungsstabilisierender Wirkstoff zum Einsatz kommen (z.B. Valproat oder Lithium). Nach der Akutbehandlung folgt eine sogenannte Phasenprophylaxe (gegebenenfalls auch mit Lamotrigin). Diese wird bereits nach der zweiten manischen Phase empfohlen. Wie lange diese Behandlung erfolgt, wird individuell abgestimmt. Zudem gehört die Psychotherapie zu den Behandlungssäulen der Manie. Da die meisten Medikamente nicht an Kindern untersucht sind, müssen diese „off-label“ eingesetzt werden. Dies betrifft generell viele Substanzen, die in der Kinderheilkunde und in der Kinder- und Jugendpsychiatrie eingesetzt werden.

An wen kann ich mich wenden?

Sollten Sie den Verdacht haben, dass Ihr Kind an einer Depression, bipolaren Störung oder Manie leidet, wenden Sie sich an eine Kinderpsychiaterin/einen Kinderpsychiater oder eine spezialisierte Ambulanz. In akuten Fällen rufen Sie bitte die Rettung unter der Telefonnummer 144. Kontaktadressen zu Hilfseinrichtungen in Krisen finden Sie unter Krisentelefone und Notrufnummern sowie unter Kriseneinrichtungen und psychosoziale Hilfsangebote

Wenn du Jugendlicher bist und das Gefühl hast, du könntest an einer Depression, Manie oder bipolaren Störung leiden, sprich mit einer verlässlichen nahen Bezugsperson darüber bzw. hole dir Hilfe. Es ist gut, wenn du deine Gefühle ernst nimmst.

Wie erfolgt die Abdeckung der Kosten?

Alle notwendigen und zweckmäßigen Therapien werden von den Krankenversicherungsträgern übernommen. Grundsätzlich rechnet Ihre Ärztin/Ihr Arzt bzw. das Ambulatorium direkt mit Ihrem Krankenversicherungsträger ab. Bei bestimmten Krankenversicherungsträgern kann jedoch ein Selbstbehalt für Sie anfallen (BVA, SVA, SVB, VAEB). Sie können allerdings auch eine Wahlärztin/einen Wahlarzt (Ärztin/Arzt ohne Kassenvertrag) oder ein Privatambulatorium in Anspruch nehmen. Nähere Informationen finden Sie unter Kosten und Selbstbehalte. Informationen zu Kosten bei einem Spitalsaufenthalt finden Sie unter Was kostet der Spitalsaufenthalt?

Bei Inanspruchnahme einer Psychotherapie ist eine volle Kostenübernahme in eigenen bzw. vertraglich gebundenen Einrichtungen der Krankenversicherungsträger möglich sowie in Institutionen, die von der öffentlichen Hand subventioniert werden. Es besteht in diesen Fällen die Möglichkeit, dass ein Selbstbehalt zu leisten ist. Ansonsten haben Sie die Möglichkeit, einen Antrag auf Kostenzuschuss durch die Krankenversicherung zu stellen, wenn Sie eine Psychotherapie bei einer niedergelassenen Psychotherapeutin/einem niedergelassenen Psychotherapeuten machen. Wird dieser genehmigt, erstattet Ihnen der Krankenversicherungsträger einen Teil des an die Psychotherapeutin/den Psychotherapeuten bezahlten Honorars zurück.

Die klinisch-psychologische Diagnostik ist eine Leistung des Gesundheitswesens, deren Kosten von den Krankenversicherungsträgern übernommen werden. Die Kosten für die Behandlung oder Beratung bei niedergelassenen klinischen Psychologinnen/klinischen Psychologen müssen Sie, da es sich um keine Leistung der Krankenversicherung handelt, selbst tragen. 

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