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Sitzender Mann mit Rückenschmerzen © Engine Images

Morbus Bechterew: Ursachen & Symptome

Entstehung und genaue Ursache des Morbus Bechterew sind nach wie vor nicht geklärt. Im Vordergrund der Beschwerden stehen meist entzündungsbedingte tiefe Rückenschmerzen, v.a. in Ruhe. Heute setzen sich auch im deutschen Sprachgebrauch immer mehr die Bezeichnungen Spondylitis ankylosans oder ankylosierende Spondylitis („versteifende Wirbelentzündung“) bzw. axiale Spondyloarthritis durch . . .

Erbfaktoren spielen eine wichtige Rolle

Es werden mehrere Hypothesen über die Ursachen der ankylosierenden Spondylitis diskutiert. Da die Krankheit nicht die typischen Merkmale einer Autoimmunerkrankung aufweist, ordnen sie einige Expertinnen/Experte der Gruppe immunmediierter – d.h. über das Immunsystem vermittelte – autoentzündlicher Krankheiten zu.

Erbfaktoren, wie das HLA-B27 und nach neuesten Erkenntnissen auch andere Gene (ERAP1, IL23R) spielen, wahrscheinlich in Kombination mit Infektionen und anderen Umweltbedingungen, eine wichtige Rolle. So haben Trägerinnen/Träger des Gens HLA-B27 ein erhöhtes Erkrankungsrisiko, insbesondere, wenn bereits Verwandte ersten oder zweiten Grades von Morbus Bechterew oder einer seiner Begleiterkrankungen betroffen sind.
Mehr als 90 Prozent aller gesicherten Morbus-Bechterew-Fälle tragen dieses Gen. Andererseits erkrankt nur ein kleiner Teil aller Trägerinnen/Träger an ankylosierender Spondylitis. Damit die Krankheit ausbricht, sind wahrscheinlich zusätzliche Faktoren, wie z.B. Infektionen, erforderlich.

Individueller Krankheitsverlauf

Morbus Bechterew beginnt meistens mit einer Entzündung der Kreuzdarmbeingelenke (Sakroiliitis), die sich durch tiefsitzende, im Beckenbereich lokalisierte Rückenschmerzen mit möglicher Ausstrahlung in die Hüftregion und den Lendenwirbelsäulenbereich äußert. Sie treten typischerweise in der zweiten Nachthälfte oder am frühen Morgen auf und „treiben“, da sie sich bei Bewegung bessern, die Betroffenen häufig aus dem Bett. Hinzu kommt morgendliches Steifigkeitsgefühl an der Wirbelsäule und/oder dem Rückenteil des Beckens (Kreuz). Im weiteren Verlauf können sich die Beschwerden über die gesamte Wirbelsäule und den Brustkorb ausdehnen.

Im Laufe der Zeit können die betroffenen Wirbelsäulenabschnitte durch Verknöcherung zunehmend versteifen (Ankylose). Verlauf und Schweregrad der Erkrankung sind individuell unterschiedlich und lassen sich nicht voraussagen. Morbus Bechterew kann kontinuierlich fortschreiten oder in Schüben mit unterschiedlich langen beschwerdefreien Intervallen verlaufen.

Ein Geschlechtsunterschied besteht insofern, als röntgenologisch nachweisbare Wirbelsäulenveränderungen und der Befall der Hüftgelenke sowie auch eine schlechtere Prognose im Krankheitsverlauf bei Männern häufiger sind. Ebenso bedeutet ein früher Krankheitsbeginn (jugendliche Form) meist eine schlechtere Prognose. Neben dem Achsenskelett (Wirbelsäule und Becken) können auch andere Skelettanteile und Organe durch Begleiterkrankungen betroffen sein:

  • Entzündung großer Gelenke (Arthritis): v.a. Hüfte, Knie, Schulter.
  • Entzündung von Sehnen- und Muskelansätzen, Schleimbeutel: v.a. Achillessehne, Sitzbeinhöcker, seitlicher Rollhügel der Hüften (Trochanter),
  • Entzündung von Knochen-Knorpel-Verbindungen:
    • Schambeinfuge,
    • Verbindungen zwischen Brustbein und Rippen,
    • Rippen-Wirbel-Gelenke.
  • Augen: Regenbogenhautentzündung (Iridozyklitis, Uveitis) in bis zu 50 Prozent der Fälle. Sie tritt praktisch immer einseitig auf und ist mit Schmerzen, Rötung des Auges, Lichtempfindlichkeit und Sehstörungen (Schleiersehen) verbunden. Wiederholte Attacken, manchmal mehrmals im Jahr, sind möglich und stellen unbehandelt eine Gefahr für das Sehvermögen dar. Da sie fallweise auch einige Zeit vor der Diagnose eines Morbus Bechterew auftreten können, sind sie ein wichtiges Verdachtsmoment für dessen Diagnose.
  • Haut: Schuppenflechte (Psoriasis) bei zehn bis 25 Prozent der Betroffenen.
  • Darm: chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (Colitis ulcerosa, Morbus Crohn) bei vier bis zehn Prozent der Betroffenen.
  • Knochen: Osteoporose (elf bis 18 Prozent).
  • Herz: Herzrhythmusstörungen, Entzündung der Aorta.
  • Lunge: Lungenfibrose (selten).

Typisch für ankylosierende Spondylitis ist – wahrscheinlich als Reparaturversuch gegen den durch den Entzündungsprozess bewirkten Schaden – die Syndesmophytenbildung. Diese von den Wirbelkörperkanten ausgehenden Verknöcherungen können in der Folge benachbarte Wirbelkörper spangenartig verbinden und mit den auch an den kleinen Wirbelgelenken möglichen Verknöcherungsprozessen im Extremfall zur kompletten Versteifung der Wirbelsäule führen. Entsprechende Veränderungen an Muskel- und Sehnenansätzen können diesen Effekt verstärken.

Die Körperhaltung kann sich schleichend, über Monate oder Jahre, verändern. Die schmerzbedingte Schonhaltung führt zu einer Abflachung der Lendenwirbelsäule und einer mehr oder weniger starken Krümmung der oberen Brustwirbelsäule (Hyperkyphosierung). Durch Einengung des Brustkorbs werden die Atmung und damit die Sauerstoffversorgung eingeschränkt. Um den horizontalen Blickkontakt zu ermöglichen, muss die zunehmende Vorwärtsneigung durch maximale Hebung des Kopfes mit Überstreckung der Halswirbelsäule ausgeglichen werden. Die verstärkte Kyphose (Bildung eines Rundrückens, „Buckel“) bedingt auch eine Verlagerung des Körperschwerpunktes nach vorne und abwärts. Ein Ausgleich kann nur über die beweglichen Gelenke der unteren Gliedmaßen erfolgen (Beugung in den Kniegelenken und Streckung in den Hüftgelenken mit Kippung des Beckens nach hinten). Dadurch verkürzen sich allmählich die Muskeln an der Rückseite der Oberschenkel.

Erhöhtes Risiko für Osteoporose

Häufig ausgeprägte Müdigkeit und Erschöpfung führen zur weiteren Verminderung der Lebensqualität. Zumindest bei längerem Verlauf steigt das Risiko für die Entstehung einer Osteoporose. Eine Verminderung der Knochendichte (Osteopenie) ist meist bereits nach kurzer Krankheitsdauer nachweisbar. Die Kombination dieser verminderten Knochenqualität mit der durch die Versteifung herabgesetzten Flexibilität der Wirbelsäule stellt eine erhöhte Bruchgefahr für die Wirbelkörper, insbesondere im Bereich der Halswirbelsäule, dar (z.B. bei Unfällen mit Peitschenschlageinwirkung).
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