Persönlichkeitsstörungen im Überblick

Persönlichkeitsstörungen sind sehr komplex und weisen deshalb verschiedenste Symptome auf. Es hat sich als sinnvoll und hilfreich für die Diagnose und Behandlung erwiesen, verschiedene Arten von Persönlichkeitsstörungen nach zentralen Merkmalen zu unterscheiden.

Folgender Überblick über die wichtigsten Persönlichkeitsstörungen kann Betroffene und Angehörige unterstützen und den Weg zu professioneller Hilfe erleichtern.

Welche Arten von Persönlichkeitsstörungen gibt es?

Man geht davon aus, dass international gesehen elf Prozent der Menschen unter einer Persönlichkeitsstörung leiden. In der internationalen Forschungslandschaft herrscht keine endgültige Einigkeit über die Definition von Persönlichkeitsstörungen. Allgemeine Informationen was man unter einer Persönlichkeitsstörung versteht finden Sie unter Persönlichkeitsstörungen: Was ist das?

Orientierung bieten offizielle Klassifikationen, die Persönlichkeitsstörungen einteilen. In Österreich geben der ICD-10 (International Classification of Diseases) sowie andere internationale Diagnoseschemata (z.B. DSM-V) Orientierung. Bei DSM-V steht die Krankheitswertigkeit eher im Hintergrund. ICD-10 steht jedoch in Österreich im Vordergrund als offizielle sogenannte Kodierung von Krankheiten für die Diagnosestellung. DSM-V hilft z.B. dabei, Persönlichkeitsstörungen in drei sogenannte Cluster einzuteilen:

Cluster A

In Cluster A werden Persönlichkeitsstörungen zusammengefasst, die sich vor allem durch sonderbares, exzentrisches Verhalten bemerkbar machen. Dazu zählen die paranoide, die schizoide und die schizotypische Persönlichkeitsstörung.

Cluster B

In Cluster B finden sich Persönlichkeitsstörungen, die durch sehr emotionales, dramatisches oder stimmungsschwankendes Verhalten definiert werden. Dazu zählen die antisoziale (dissoziale), die histrionische, die narzisstische und die emotional instabile Persönlichkeitsstörung.

Cluster C

Zu Cluster C zählen Persönlichkeitsstörungen, die durch Angst und Furcht oder Zwang gekennzeichnet sind: die vermeidend-selbstunsichere, die dependente und die zwanghafte (sowie passiv-aggressive) Persönlichkeitsstörung.

Die folgende Auflistung der wichtigsten Persönlichkeitsstörungen kann Betroffenen und Angehörigen dazu dienen, eigener oder fremder Befindlichkeit Aufmerksamkeit entgegenzubringen und den Weg zu professioneller Hilfe zu erleichtern.

Cluster Persönlichkeitsstörung Beispiele für Merkmale
A paranoide Persönlichkeitsstörung
  • sehr misstrauisch/eifersüchtig
  • besonders leicht kränkbar
  • bezieht Gesagtes/Handlungen allgemein stark auf sich selbst
  • große Empfindlichkeit gegenüber Grenzüberschreitungen (z.B. Eindringen in Privatsphäre)
  • ausgeprägtes Bedürfnis nach Selbstständigkeit
  • „Streitsüchtigkeit“
A schizoide Persönlichkeitsstörung (nicht zu verwechseln mit Schizophrenie)
  • Einzelgängertum
  • scheinbare oder tatsächliche Gefühlskälte bzw. Gleichgültigkeit
  • verdeckte Wünsche nach Anerkennung
  • Distanziertheit bis hin zu „Unnahbarkeit“
  • Rückzug in Phantasiewelten
A schizotype Persönlichkeitsstörung (nicht zu verwechseln mit Schizophrenie)
  • sehr „schrullig“ und zurückgezogen
  • Vorliebe für esoterische/magische Denkweisen
  • umständliche Ausdrucksweise
  • Schwierigkeiten im passenden Gefühlsausdruck
B emotional instabile Persönlichkeitsstörung (impulsiver Typ)
  • Tendenz zu unerwarteten Handlungen ohne Rücksicht auf Konsequenzen
  • Neigung zu Streit/Konflikten – vor allem bei Unterbindung von impulsivem Verhalten
  • Neigung zu unkontrollierten Wut- und/oder Gewaltausbrüchen
  • Angewiesenheit auf Belohnung für Handlungen
  • Stimmungsschwankungen
B

emotional instabile Persönlichkeitsstörung

(Borderline-Typ)
  • Oben erwähnte Eigenschaften des impulsiven Typs in gewissem Ausmaß
  • Störungen des Selbstbilds
  • Neigung zu intensiven, instabilen, krisenhaften Beziehungen
  • große Bemühungen, nicht verlassen zu werden
  • wiederholte Drohungen/Handlungen in Bezug auf Selbstschädigung
  • anhaltende Gefühle von Leere
B narzisstische Persönlichkeitsstörung
  • verminderte Kritikfähigkeit
  • Selbstüberschätzung
  • gleichzeitig bestehende (meist unbewusste) Minderwertigkeitsgefühle
  • sehr starker Drang, immer im Mittelpunkt zu stehen
  • hohes Bedürfnis nach Solidarität
B histrionische Persönlichkeitsstörung
  • Neigung zu „dramatischen Auftritten“
  • leicht durch andere zu beeinflussen
  • stark ausgeprägtes Aufmerksamkeitsbedürfnis und Suche nach aufregenden Aktivitäten
  • große Rolle der eigenen Attraktivität
B dissoziale (antisoziale) Persönlichkeitsstörung
  • Missachtung sozialer/gesellschaftlicher Regeln
  • Fehlendes Schuldbewusstsein („Andere sind schuld“)
  • Neigung zu Gewalt
  • herzloses Unbeteiligtsein/fehlendes Mitgefühl („eiskalt“)
  • nach außen teilweise aber oft auch charmant („Wolf im Schafspelz“)
  • Kriminalität
  • eventuell in Verbindung mit Alkohol beziehungsweise Drogenabhängigkeit
C ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung
  • Drang, sich ständig Sorgen zu machen
  • Vermeidungsverhalten
  • Angst, vor Zurückweisung bei gleichzeitiger Sehnsucht nach Nähe
  • eventuell in Verbindung mit einer Angststörung
C zwanghafte (anankastische) Persönlichkeitsstörung
  • „Übergenauigkeit“ („Pedanterie“)
  • von starken Zweifeln geplagt
  • „Übervorsichtigkeit“
  • übermäßige Leistungsbezogenheit
  • eventuell in Verbindung mit einer Zwangsstörung
C abhängige (asthenische, dependente) Persönlichkeitsstörung
  • verminderte Selbstständigkeit/Hilflosigkeit
  • Vernachlässigung eigener Bedürfnisse zugunsten anderer
  • herabgesetzte Belastbarkeit
  • große Ängste, verlassen zu werden
  • starkes Bedürfnis nach Geborgenheit und Bindung
C passiv-aggressive Persönlichkeitsstörung
  • Neigung zu dauerhaftem Groll
  • Starke Selbstbezogenheit
  • großes Misstrauen
  • sehr distanziert
  • starkes Bedürfnis, eigene Grenzen zu wahren


Es gibt zudem sogenannte kombinierte Persönlichkeitsstörungen. Menschen mit einer Persönlichkeitsstörung fällt es schwer, ihren Meinungen und Empfindungen Ausdruck zu verleihen. Sie haben in vielen Fällen die Erfahrung gemacht, dass sie mit einer meist offenen Art nicht wahrgenommen oder wertgeschätzt werden. Um Ziele im zwischenmenschlichen Bereich zu erreichen (z.B. Anerkennung, Liebe), benehmen sie sich oft eigenartig und beeinflussen – unbemerkt für das Gegenüber – dessen Reaktionen. Diese Verhaltensweisen entstanden meist im Laufe des Lebens und haben nach näherer Betrachtung oft einen greifbaren Nährboden (z.B. problematische Beziehungserfahrungen). Allerdings gelingt es vielen Menschen mit einer Persönlichkeitsstörung, sich möglichst nicht auffällig zu zeigen. Dennoch kann ein großer innerer Leidensdruck herrschen. Manchmal herrscht der Leidensdruck jedoch auch im Umfeld.

Persönlichkeitsstörungen beziehen sich auf bestimmte, prägende und im Vordergrund stehende Persönlichkeitseigenschaften von Menschen. Da sie sich auf den Charakter einer Person beziehen, lassen sie sich nicht 1:1 mit anderen Erkrankungen vergleichen. Denn Menschen mit Persönlichkeitsstörungen verfügen über noch viele – z.B. auch positive – andere Eigenschaften ihrer Persönlichkeit als jene, die diese Störungen definieren. Somit kann und soll ein ganzer Mensch nicht „kategorisiert“ werden. Die Zuordnungen erleichtern jedoch Diagnose- und Therapieschritte. Persönlichkeitsstörungen können sich auch im Laufe des Lebens verändern.

Hinweis

Menschen mit Persönlichkeitsstörungen können ein erhöhtes Risiko aufweisen, sich das Leben zu nehmen (Suizidrisiko). Spricht eine Betroffene/ein Betroffener von Suizid, ist das immer ernst zu nehmen und sofort eine Ärztin/ein Arzt zu konsultieren. Die/der Betroffene darf in dieser Situation keinesfalls alleine gelassen werden. Nähere Informationen finden Sie unter Sie kennen jemanden mit Suizidgedanken?

Akzentuierte Persönlichkeitsmerkmale/Persönlichkeitsveränderungen

Von Persönlichkeitsstörungen sind akzentuierte Persönlichkeitsmerkmale zu unterscheiden. Bei diesen sind die genannten Merkmale nicht so stark ausgeprägt. Zudem besteht wenig oder kaum Leidensdruck. Der Übergang hin zu einer Persönlichkeitsstörung kann fließend sein.

Weiters gibt es sogenannte Persönlichkeitsänderungen. Diese kommen als Folge von schwerer bzw. andauernder Belastung, schweren psychiatrischen Erkrankungen, schwerer Deprivation (Entbehrung/Mangel von etwa emotionaler Zuneigung oder sozialen Kontakten) oder Erkrankungen/Verletzungen des Gehirns vor.

Im Allgemeinen geht die Tendenz in der Fachwelt dahin, dass sie von leichten Formen, die als weitgehend „normal“ gelten, bis hin zu schweren Ausprägungen gehen und damit Extremformen von ursprünglich „normalen“ Persönlichkeitsmerkmalen darstellen könnten. Prinzipiell möchte man damit auch der Stigmatisierung von Menschen mit Persönlichkeitsstörungen vorbeugen. Auch wenn sie keine Krankheiten in ganz engem Sinne darstellen, ist eine Behandlung oft sinnvoll.

Die verwendete Literatur finden Sie im Quellenverzeichnis.

Letzte Aktualisierung: 30. Januar 2020

Abgenommen durch: Redaktion Gesundheitsportal

Expertenprüfung durch: Herwig Hinterhofer, BA, MSc

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