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Anzeige einer Körperwaage © Omid Mahdawi
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Mangel- und Unterernährung im Alter

Mangelernährung (Malnutrition) ist ein häufiges Problem bei Seniorinnen und Senioren, wobei der Anteil der Betroffenen mit steigendem Alter zunimmt. Die Veränderungen im Ess- und Trinkverhalten führen oft unbemerkt zu einer nicht bedarfsdeckenden Energieaufnahme, das Körpergewicht verringert sich, zum Teil bis zu starkem Untergewicht (Altersanorexie). Gleichzeitig sind die Betroffenen unterversorgt an essentiellen Nährstoffen, Vitaminen und Mineralstoffen. Häufig wird die Mangelernährung nicht als solche erkannt, sondern fälschlicherweise als „Altersschwäche“ bezeichnet. Dabei kann sie den Verlauf vieler Krankheiten negativ beeinflussen und sogar die Sterblichkeitsrate erhöhen. Daher gilt: Genau hinschauen, frühzeitig erkennen und sofort handeln.

Was versteht man unter Mangelernährung?

Bei einer Mangelernährung kommt es zu einem Mangel an Energie, Eiweiß (Protein) oder anderen Nährstoffen (z.B. Vitamin B12). Dabei kann zwischen der quantitativen und der qualitativen Mangelernährung unterschieden werden. Wird über einen längeren Zeitraum weniger Energie aufgenommen, als dem tatsächlichen Bedarf entspricht, handelt es sich um eine quantitative Mangelernährung. Liegt ein Mangel an Eiweiß oder einem anderen Nährstoff (z.B. Vitamine, Mengen- und Spurenelemente) vor, handelt es sich um eine qualitative Mangelernährung. Zudem leiden Seniorinnen und Senioren häufig an einer Kombination aus quantitativer und qualitativer Mangelernährung.

Jüngere Seniorinnen/Senioren sind häufiger von qualitativer Mangelernährung betroffen, die auch oftmals mit Übergewicht einhergehen kann. Denn auch bei einer unausgewogenen Zusammenstellung der Nahrung kann bei einem Zuviel an Kalorien ein Mangel an wichtigen essenziellen Nährstoffen entstehen. Die quantitative Mangelernährung ist vorrangig ein Problem der älteren Seniorinnen und Senioren.

Hinweis Die Mangelernährung kann den Verlauf vieler Krankheiten verschlechtern und sich auf viele Körperfunktionen negativ auswirken (z.B. auf die Wundheilung und die Infektanfälligkeit). 

Weitere Informationen zu „Wichtige Nährstoffe für Seniorinnen & Senioren“.

Welche Ursachen hat Mangelernährung?

Die Mangelernährung kann verschiedene Ursachen haben. Hierzu zählen zahlreiche körperliche und psychische Faktoren, wie Kau- und Schluckstörungen, abnehmender Geruchs- und Geschmackssinn, verringerte Magendehnung und gesteigerte Aktivität der Sättigungshormone, Appetitlosigkeit (z.B. durch Medikamenteneinnahme) und soziale Faktoren (z.B. Einsamkeit, Verlust der Partnerin/des Partners, Angst und Scham, etwa wenn um Hilfe beim Essen gebeten werden muss). Zudem können zahlreiche akute und chronische Krankheiten (z.B. Demenz, das Zittern bei Morbus Parkinson und Lähmungen nach einem Schlaganfall) die Nahrungsaufnahme erschweren und damit vermindern.

Wie kann eine Mangelernährung festgestellt werden?

Es gibt verschiedene Methoden eine Mangelernährung bzw. das Risiko für eine Mangelernährung festzustellen. Dabei sollte nicht nur eine Methode alleine (z.B. BMI oder Messung des Wadenumfangs) angewandt werden, sondern eine Kombination mehrerer, wie es in einem Screening gemacht wird (z.B. MNA). Hierzu zählen:

  • Regelmäßige Gewichtskontrolle und aufmerksame Beobachtung der Seniorin/des Seniors (z.B. Verhalten während des Essens, Essmenge etc.).
  • Messung des Wadenumfangs und der Trizepshautfaltendicke.
  • Berechnung des BMI: Gemäß DGE gilt eine Seniorin/ein Senior (ab 65 Jahren) bereits ab einem BMI von unter 20 als mangelernährt. Seniorinnen/Senioren mit einem BMI von 20 bis unter 22 gelten als gefährdet eine Mangelernährung zu entwickeln. Diese Unterteilung unterscheidet sich maßgeblich von der BMI-Einteilung für Erwachsene (19 bis unter 65 Jahre). Weitere Informationen unter Der Body-Mass-Index.
  • Dokumentation des Gewichtsverlaufs der letzten Monate bis Jahre: Der BMI alleine ist zur Beurteilung des Ernährungszustandes nicht ausreichend. Daher ist zur Beurteilung des aktuellen Körpergewichts der Gewichtsverlauf sehr wichtig. War etwa eine Seniorin/ein Senior zeitlebens immer „etwas fester“ und nimmt binnen kurzer Zeit deutlich an Körpergewicht ab (über fünf Prozent in drei Monaten oder über zehn Prozent in sechs Monaten), ist dies ein deutliches Warnsignal für eine etwaige Mangelernährung.
  • Durchführung eines Screenings (z.B.Mini Nutritional Assessment – MNA) in Betreuungseinrichtungen: Dieses Screening sollte im Rahmen einer Anamnese gleich nach der Aufnahme etwa in eine Pflegeeinrichtung erfolgen. Das Screening sollte regelmäßig in Abständen von drei Monaten, mindestens jedoch einmal jährlich wiederholt werden. Liegen Risiken oder Anzeichen einer Mangelernährung vor, so wird eine ausführliche Erfassung des Ernährungszustandes und aller beeinflussenden Faktoren empfohlen (Assessment). Aus diesen Informationen lassen sich geeignete Therapiemaßnahmen ableiten (Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege – DNQP).

Welche Folgen kann eine Mangelernährung haben?

Die unzureichende Zufuhr an Energie und Nährstoffen über einen längeren Zeitraum hat gravierende Auswirkungen auf zahlreiche Körperfunktionen. Daher weisen mangelernährte Seniorinnen/Senioren eine höhere Sterblichkeitsrate auf und haben ein deutlich erhöhtes Risiko für zahlreiche Krankheiten. Hierzu zählen u.a.

  • Abnehmende Muskelmasse und -kraft (Sarkopenie) sowie Gebrechlichkeit („Frailty“); dies kann sich auch auf die Atmung bzw. Verdauung (Darm) auswirken, da auch die inneren Organe auf eine kräftige Muskulatur angewiesen sind.
  • Abnehmende Beweglichkeit.
  • Verlangsamte Genesungszeit (Rekonvaleszenz).
  • Beeinträchtigte Wundheilung und erhöhtes Risiko für Dekubitus („Wundliegen“).
  • Erhöhtes Risiko für Stürze und Knochenbrüche (Frakturen).
  • Neurologische und kognitive Störungen (z.B. bei Erinnerung und Wahrnehmung).
  • Erhöhtes Risiko für verschiedene Erkrankungen (z.B. diverse Krebserkrankungen).
  • Erhöhtes Sterblichkeitsrisiko.
  • Verminderte Lebensqualität. 

Wie erfolgt die Behandlung einer Mangelernährung?

Die Behandlung einer Mangelernährung ist umso wirkungsvoller, je früher diese erfolgt und v.a. bevor ein erheblicher Gewichtsverlust eintritt. Denn im Alter ist ein Gewichtsverlust nur schwer oder gar nicht auszugleichen. Wichtig ist, die Ursache(n) für die Mangelernährung herauszufinden. Zudem erfolgt die Behandlung individuell auf Basis der Essbiographie (z.B. Was wurde früher gerne gegessen? Welche Speisen schmecken gar nicht?).

Hinweis Gute Kommunikation zwischen unterschiedlichen Berufsgruppen (Medizin, Pflege, Diätologie, Logopädie, Küche) und Angehörigen sind die beste Voraussetzung für die optimale Betreuung, Pflege und Therapie der Seniorinnen/Senioren.

Die Ernährungstherapie der Mangelernährung erfolgt nach einem Stufenplan. Ziel ist, mittels oraler Ernährung (ev. mit Supplementen und/oder Trinknahrungen) eine vollwertige Ernährung durch Lebensmittel sicherzustellen, die eine hohe Nährstoffdichte aufweist. Speisen oder einzelne Speisenkomponenten wie Soßen, Suppen, Breie, Kartoffelpüree und diverse Desserts können angereichert werden, um die Kalorienzufuhr zu erhöhen. So sind etwa hochwertige Pflanzenöle oder Margarine, gemahlene Nüsse und Samen, Schlagobers, Creme Fraiche und Butter geeignet, um Speisen anzureichern. Kann der Bedarf nicht über die orale Ernährung gedeckt werden, können die Speisen mit Kohlenhydrat- und Eiweißkonzentraten, Vitamin- oder Mineralstoffsupplementen ergänzt werden. Zudem stehen speziell angereicherte Lebensmittel sowie Trinknahrungen zur Verfügung.

Die enterale Ernährung wird notwendig, wenn durch die orale Ernährung (ev. angereichert mit Nährstoffkonzentraten und/oder Trinknahrungen) der Energie- und Nährstoffbedarf nicht gedeckt werden kann. Ziel ist, die Energie- und Nährstoffdefizite durch die enterale Ernährung auszugleichen. Daher ist eine Kombination aus oraler und enteraler Ernährung häufig sinnvoll.

Kann die Ernährung weder oral noch enteral in ausreichendem Maß erfolgen, ist die parenterale Ernährung die einzige Möglichkeit die Energie- und Nährstoffversorgung sicherzustellen. Mittels einer parenteralen Ernährung wird der Magen-Darm-Trakt umgangen. Zudem sind Mischformen aus oraler, enteraler und parenteraler Ernährung möglich.

Hinweis Der Einsatz von Supplementen und Trinknahrungen sollte immer mit einer Ärztin/einem Arzt sowie einer Diätologin/einem Diätologen besprochen werden. Diese können auch über die etwaige Kostenübernahme durch die Krankenkassa informieren und fundierte Beratung in puncto Ernährung geben. 

Die enterale wie auch die parenterale Ernährung müssen von der behandelnden Ärztin/dem behandelndem Arzt angeordnet werden.

Tipps bei Mangel- und Unterernährung

  • Ursachen erkennen und ihnen nachgehen: Bereits kleine Veränderungen können die Ursache einer Mangel- oder Unterernährung beheben (z.B. die Anpassung einer Zahnprothese).
  • Verhalten beobachten: Werden Mahlzeiten und Getränke teils vollständig abgelehnt und hat die/der Betroffene keinen Appetit und Freude mehr am Essen, können das Alarmsignale sein.
  • Gewichtsverlauf beobachten: Muss der Gürtel enger geschnallt werden oder rutschen Ringe vom Finger? Regelmäßige Gewichtskontrollen lassen rechtzeitig erkennen und erleichtern das Gegensteuern. Auch das Messen des Oberarmumfanges ist hilfreich, um einen Gewichtstrend zu erkennen. Ess- und Trinkprotokolle helfen, die verzehrten Mengen einzuschätzen.
  • Energie- und Nährstoffdichte erhöhen: Lebensmittel mit hoher Energiedichte (z.B. fettreiche Milchprodukte) und das Anreichern von Speisen (z.B. Saucen, Suppen und Breie mit hochwertigen Pflanzenölen, gemahlenen Nüssen oder Samen) können eine Unterversorgung an Energie beheben. Milch und Milchprodukte sowie Getreide und Hülsenfrüchte liefern wertvolles Eiweiß, an dem es älteren Menschen häufig mangelt. Maßnahmen sollten immer erst nach Rücksprache mit einer Ärztin/einem Arzt sowie einer Diätologin/einem Diätologen erfolgen.
  • Appetit & Geschmack anregen: Kräftiges Würzen mit Kräutern und Gewürzen verstärkt Geruch und Geschmack der Speisen und der Appetit wird angeregt. Achtung: Es sollte aber nicht mehr Salz verwendet werden!
  • Handling der Speisen verbessern: Kleine Speisen (z.B. Fingerfood) in mundgerechter Form sind leichter zu kauen und der mitunter beschwerliche Umgang mit Messer und Gabel lässt sich umgehen. Dazu eignen sich z.B. kleingeschnittene Obst- und Gemüsestückchen, Brothäppchen, Käsewürfel, kleine Laibchen aus Fleisch, Gemüse oder Fisch, Kroketten, stichfeste Aufläufe, Trockenobst, Früchteriegel etc. Spezialgeschirr und -besteck sowie Zubehör können zudem Erleichterung schaffen. Die Beratung in Bezug auf die Hilfsmittel kann durch eine Ergotherapeutin/einen Ergotherapeuten erfolgen.
  • Bedarfsdeckende Zufuhr über den Tag verteilen: Da sich der Magen älterer Menschen nicht mehr so gut dehnen kann und die Sättigung schneller einsetzt, werden meist nur kleine Portionen verzehrt. Viele kleine (Zwischen-)Mahlzeiten, die über den Tag verteilt werden, sind besser geeignet, als wenige große Mahlzeiten. Auch eine Spätmahlzeit (z.B. Joghurt, Milchdrink, Obst oder Käsewürfel) kann einer Unterversorgung vorbeugen.
  • Angenehme Essatmosphäre schaffen, individuelle Bedürfnisse beachten und für Abwechslung sorgen: Dies fördert den Appetit und die Bereitschaft zum Essen und Trinken.

Hinweis Ältere Menschen müssen mitunter viele Medikamente einnehmen (Multimedikation oder Polypharmazie). Unerwünschte Nebenwirkungen (z.B. Mundtrockenheit, Übelkeit, Appetitverlust und die verringerte Aufnahme mancher Nährstoffe, etwa Vitamin B12 über den Magen-Darm-Trakt) können die Entstehung von Mangelernährung begünstigen. Sprechen Sie mit Ihrer Ärztin/Ihrem Arzt sowie Ihrer Diätologin/ihrem Diätologen darüber.

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