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Kind bei der Physiotherapie © Photographee.eu

Kindliches Rheuma: Diagnose & Therapie

Die kindliche Rheumaerkrankung (Juvenile Idiopathische Arthritis, JIA) wird in mehrere Untergruppen eingeteilt, die sich nach der Art des Verlaufes und einiger anderer Besonderheiten unterscheiden. Wichtig ist eine frühzeitige Diagnose und Therapie, um ein Fortschreiten der Erkrankung bzw. eine irreversible Zerstörung von Gelenkstrukturen zu verhindern. Mit den heute verfügbaren Behandlungsmethoden kann die Krankheit nicht geheilt, aber fast immer in ihrem Verlauf gemildert werden. In vielen Fällen wird eine dauerhafte Abschwächung der Symptome (Langzeitremission) erreicht . . .

Diagnose

Für die Diagnose von kindlichem Rheuma sind neben einer körperlichen Untersuchung diverse Labortests (Blut, Niere, Leber, Entzündungsparameter wie CRP) hilfreich. Hat das Kind in jüngster Zeit eine Infektion erlitten, sollte ein Antikörper- oder Erregernachweis (z.B. Streptokokken, Borrelien) durchgeführt werden. Bei Bedarf werden bildgebende Verfahren wie Ultraschall, Röntgen oder Magnetresonanztomographie ergänzt, um das Ausmaß der Gelenkveränderungen zu ermitteln.

Die konkrete Einteilung der Juvenilen Idiopathischen Arthritis in verschiedene Subtypen erfolgt nach einem Beobachtungszeitraum von sechs Monaten. Unterschieden werden je nach Beschwerdebild zu Beginn der Erkrankung unter anderem folgende Formen:

  • Oligoarthritis: Zu Beginn der Erkrankung sind ein bis vier Gelenke betroffen, wobei die großen Gelenke wie Knie- und Sprunggelenk meist asymmetrisch befallen sind. Diese Form kommt v.a. bei Kindern unter sieben bis acht Jahren vor, bei Mädchen häufiger als bei Buben. Jedes vierte Kind mit einer frühkindlichen JIA erkrankt an einer Entzündung der Augenkammer (Uveitis). Wird diese erst über eine Fehlsichtigkeit entdeckt, führt sie in 80 Prozent beinahe zur kompletten Erblindung. Bei Verdacht auf eine JIA sollten vor allem Kinder unter sieben Jahren in den ersten zwei Jahren häufiger zur Kontrolle zur Fachärztin/zum Facharzt für Augenheilkunde gehen, danach in längeren Intervallen.
  • Polyarthritis: tritt eher bei kleinen und älteren Kindern auf, wobei mehr als vier, meist eher kleine Gelenke symmetrisch – also an beiden Körperhälften gleichzeitig – betroffen sind.
  • Systemische Arthritis (Morbus Still): Auffällig ist lang andauerndes Fieber mit Entzündungszeichen wie bei einer Sepsis. Bereits zu Beginn oder erst später tritt eine Arthritis der großen und/oder kleinen Gelenke auf. Eine Beteiligung innerer Organe ist möglich.
  • Psoriasis-Arthritis: Bei dieser Sonderform kann die Arthritis zunächst gänzlich ohne Schuppenflechte (Psoriasis) auftreten. Meist folgt die Hauterkrankung innerhalb von 15 Jahren nach oder die Gelenkentzündung steht in direktem zeitlichem Zusammenhang mit einer positiven Familienanamnese (d.h. es sind bereits Krankheitsfälle in der Familie aufgetreten). Vielleicht besteht sogar bereits eine Psoriasis der Haut, –eine Entzündung eines ganzen Fingers oder einer ganzen Zehe im Strahl (Daktylitis) bei der Patientin/beim Patienten selbst.
  • Enthesitis assoziierte Arthritis (EAA): Diese JIA-Form befällt vorwiegend Sehnen oder Faserplatten am Übergang in den Knochen sowie Gelenke. Betroffen sind meist mehrere Gelenke, v.a. Knie-, Sprung- und Zehengrundgelenke, eventuell auch Gelenke der Wirbelsäule und des Beckens.
  • Undifferenzierte Arthritis: Hier lässt sich die Art der Gelenkerkrankung nicht in die angeführten Formen einordnen.

Therapie

Mit den heute verfügbaren Behandlungsmethoden kann die Krankheit nicht geheilt, aber fast immer in ihrem Verlauf deutlich gemildert werden. Bei mehr als der Hälfte der Betroffenen wird das Gelenkrheuma vor Erreichen des Erwachsenenalters zum Stillstand gebracht. Die meisten Kinder können im späteren Leben fast komplett berufstätig sein. Die Neigung Gelenkentzündungen bleibt aber in der Regel bestehen. Voraussetzungen für gute Behandlungsergebnisse sind frühzeitiges Erkennen der Krankheit und konsequente Therapie.

Die Behandlung richtet sich nach der Diagnose, dem Alter des Kindes und der Intensität der Erkrankung. Ziel ist es, den Krankheitsverlauf zu bremsen, die Funktionsfähigkeit bzw. Beweglichkeit der Gelenke zu erhalten sowie ein normales Wachstum zu ermöglichen. Die Therapie sollte interdisziplinär an einer Spezialambulanz für Kinderrheumatologie erfolgen, z.B. an folgenden Krankenhäusern:

  • Universitätskinderkliniken Wien, Graz und Innsbruck,
  • Kinderkliniken in Linz, Salzburg, Bregenz und Klagenfurt,
  • SMZ Ost und Preyer'sches Kinderspital (nun im SMZ Süd) in Wien.

Medikamentöse Therapie

Die Behandlung der Arthritis erfolgt nach einem Stufenschema:

  • Nicht steroidale Antirheumatika (NSAR) wie z.B. Ibuprofen, Diclofenac, Naproxen oder Indometacin: wirken schmerzlindernd, entzündungshemmend und fiebersenkend.
  • Basistherapie (v.a. Methotrexat, seltener Leflunomid, Sulfasalazin): greift regulierend in das Immunsystem ein und ist bei schweren Verlaufsformen erforderlich. Da sich die Wirkung von Methotrexat erst nach drei bis vier Wochen entfaltet, kann eine zusätzliche Einstiegstherapie mit niedrig dosiertem Kortison notwendig sein. Sind nur einzelne Gelenke entzündet, ist es auch sinnvoll, diese zu punktieren und Kortison direkt in die Gelenke zu verabreichen (intraartikuläre Injektion).
  • Biologika (z.B. Etanercept, Abatacept, Adalimumab, Anakrina, Tocilizumab, Canakinumab): kommen zum Einsatz, wenn Basismedikamente nicht vertragen werden oder innerhalb von zwölf Wochen zu keiner adäquaten Besserung der Gelenkbeschwerden führen. Sie greifen ebenfalls regulierend in das Immunsystem ein.Bei der systemischen Form führt die Therapie mit Hemmern von Interleukin1 und Interleukin6 zu einer meist raschen Reduktion des Kortikosteroidbedarfs. Dadurch können kortikosteroidbedingte Folgeschäden heute meist vermieden werden.

Bei rheumatischer Augenentzündung werden von der Fachärztin/dem Facharzt für Augenheilkunde entzündungshemmende Tropfen und Salben verordnet. Eventuell erfolgt eine Injektion von Kortikosteroiden ins Auge. Ist eine systemische Therapie erforderlich, erfolgt diese nach den Richtlinien der JIA-Behandlung.

Nicht medikamentöse Therapie

Als oberstes Therapieziel gelten die Funktionserhaltung und ein normales Wachstum. Dazu sind eine ergänzende Physio- und Ergotherapie (Erlernen gelenkschonender Bewegungen und Alltagstätigkeiten) unerlässlich. Tag- und Nachtschienen helfen dabei, die Funktionalität der Gelenke zu erhöhen und Fehlstellungen zu korrigieren oder zu vermeiden. Die Begleitung durch eine Psychologin/einen Psychologen ist wichtig und hilfreich, insbesondere auch bei der Vorbereitung auf die Übergabe in die Erwachsenenmedizin.

Zusätzlich kann eine Ernährungsumstellung mit reduzierter Zufuhr von Arachnidonsäure einerseits und erhöhter Zufuhr entzündungshemmender Substanzen (z.B. Pflanzen- und Lachsöl oder Antioxidantien  wie Vitamin E und C) einen positiven Einfluss auf die Schmerzempfindung haben. Durch diese diätische Maßnahme kann eventuell NSAR eingespart werden. In jedem Fall sollte eine altersentsprechende Kalziumzufuhr angestrebt werden.

Rheumacamps

Für Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 18 Jahren werden jeden Sommer zweiwöchige Therapie- und Erholungsaufenthalte angeboten. Sie werden vom Österreichischen Jugendrotkreuz mit der Rheumaambulanz der Wiener Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde, dem Preyer'schen Kinderspital Wien und der Orthopädischen Abteilung des AKH Wien und des KH Linz veranstaltet.

Den Teilnehmern/Teilnehmerinnen wird die Möglichkeit geboten, bei optimaler medizinischer und pädagogischer Betreuung mit gleichaltrigen, ebenfalls von rheumatischen Krankheiten betroffenen Kindern und Jugendlichen erlebnisreiche Ferienwochen zu verbringen. Die medizinische Betreuung liegt in den Händen eines erfahrenen Teams, bestehend aus einer Ärztin/einem Arzt für Kinder- und Jugendheilkunde und einem Orthopäden/einer Orthopädin, Ergo- und Physiotherapeuten/-therapeutinnen sowie diplomiertem Krankenpflegepersonal.

Durch tägliche Ergo- und Physiotherapie (Bewegungstherapie auf der Matte und unter Wasser, Schlingentherapie, Schwimmen, Radfahren, Anfertigung oder Kontrolle von Schienen sowie Gelenkschutzmaßnahmen im Alltag) und eine vielfältige Freizeitgestaltung sollen die Betroffenen lernen, mit ihrer Krankheit besser umzugehen und die eigenen Grenzen und Möglichkeiten zu erfahren.

Wohin kann ich mich wenden?

Gelenkbeschwerden von Kindern sollten immer ernst genommen und durch spezialisierte Ärztinnen/Ärzte abgeklärt werden. Beim Verdacht sollten Eltern mit ihrem Kind eine Fachärztin/einen Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde oder eine Ärztin/einen Arzt für Allgemeinmedizin aufsuchen.

Wie erfolgt die Abdeckung der Kosten?

Die Kosten für Diagnose und Therapie von Rheuma bei Kindern werden normalerweise von den Sozialversicherungsträgern übernommen. Grundsätzlich rechnet Ihre Ärztin/Ihr Arzt bzw. das Ambulatorium direkt mit Ihrem Krankenversicherungsträger ab. Bei bestimmten Krankenversicherungsträgern kann jedoch ein Selbstbehalt für Sie anfallen (BVA, SVA, SVB, VAEB). Über die jeweiligen Bestimmungen informieren Sie sich bitte bei Ihrem Krankenversicherungsträger, den Sie über die Website der Sozialversicherung finden.

Sie können allerdings auch eine Wahlärztin/einen Wahlarzt (d.h. Ärztin/Arzt ohne Kassenvertrag) oder ein Privatambulatorium in Anspruch nehmen. Nähere Informationen finden Sie unter Kosten und Selbstbehalte. Für den zweiwöchigen Aufenthalt eines Kindes in einem Rheumacamp ist ein Elternbeitrag erforderlich.

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