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Frau geht gähnend zum Kühlschrank © Blend Images

Schlafwandeln – Mythen versus Fakten

Sie schlafen. Plötzlich hören Sie ein irritierendes Geräusch und wachen davon auf. Sie sehen, wie Ihre Partnerin/Ihr Partner im Schlafzimmer herumirrt und nicht auf Ihre Ansprache reagiert – möglicherweise ein Fall von Schlafwandeln (Somnambulismus). In den Medien wird oftmals das Bild eines Menschen verbreitet, der mit ausgestreckten Armen und geschlossenen Augen – womöglich noch mit einer Zipfelmütze – bei Vollmond durch die Nacht streift. Schlafwandeln ist von vielen Mythen umgeben. Soll man eine betroffene Person wecken oder lieber in Ruhe lassen? Was passiert dabei im Gehirn? Schlafwandeln ist eine sogenannte Aufwachstörung. Betroffene wachen nicht ganz auf, sondern befinden sich in einem Zustand zwischen Schlafen und Wachen . . .

Häufiges Phänomen in der Kindheit

Schlafwandeln ist im Kindesalter nicht selten. Der Häufigkeitsgipfel liegt zwischen dem vierten und siebenten Lebensjahr. Bei Erwachsenen handelt es sich um ein seltenes Phänomen. Der Leidensdruck Betroffener ist allerdings oft groß. Es wird meist als peinlich empfunden, wenn eine Handlung nachts getätigt wird, an die man sich morgens nicht mehr erinnern kann. Selten dauert das Schlafwandeln länger als ein paar Minuten. Zumeist tritt es in der Mitte bzw. gegen Ende der Nacht auf.

Pavor nocturnus (Nachtangst) und Schlafwandeln sind eng miteinander verknüpft. So kommt es in etwa 30 bis 50 Prozent der Fälle von Nachtangstanfällen im Anschluss daran zu Schlafwandelaktivitäten. Bei Pavor nocturnus schrecken Betroffene förmlich aus dem Schlaf auf – oft mit einem lauten Schrei. Sie sind in dieser Situation schwer weckbar und häufig orientierungslos.

Wenn nur ein Teil des Gehirns schläft

Es wird vermutet, dass den schlafwandlerischen Aktivitäten ein Weckreiz vorangeht, der allerdings nicht zu einem vollständigen Erwachen führt. Stattdessen schaltet das Gehirn in einen Modus, der weder Schlafen noch Wachsein ist. Einige Teile des Gehirns schlafen, während andere wach sind. Schlafwandeln findet im NREM-(NonREM)-Schlaf bzw. Tiefschlaf statt. Während des NREM-Schlafs sind Bewegungsabläufe und Gehirnaktivität deutlich reduziert. Nähere Informationen zu den Schlafphasen finden Sie unter Schlaf & Schlafstadien.

Schlafwandeln bedeutet nicht unbedingt, sein Bett zu verlassen. Viele Aktivitäten währenddessen werden in der Liegestätte ausgeführt. Stehen Betroffene auf, finden meist automatisierte Aktionen (z.B. Kleidung anziehen) oder zum Teil sinnlos erscheinende Tätigkeiten statt. Die Augen sind geöffnet. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Schlafwandlerinnen/Schlafwandler alles uneingeschränkt wahrnehmen. Glas und Tiefen sind während des Schlafwandelns nicht wahrnehmbar. Auch Gesichter können nicht immer als bekannt eingestuft werden. Zudem zeigt sich eine verminderte Ansprechbarkeit. Erinnerungen an die nächtlichen „Ausflüge“ sind meist nicht vorhanden. Bei manchen Betroffenen werden allerdings traumartige Erinnerungen bewusst und ein Gefühl, dass in der Nacht „irgendetwas passiert sei“.

Von „Mondsüchtigen“ und ausgelebten Träumen

Früher wurde unter anderem die Anziehungskraft des Mondes für Schlafwandeln verantwortlich gemacht. Man sprach davon, dass jemand „mondsüchtig“ sei. Das Zusteuern auf den Mond ist durch seine Helligkeit zu erklären. Ist es heller, sieht man nachts besser. Ebenfalls widerlegt ist die These, dass währenddessen Träume ausgelebt werden. Das aktuelle wissenschaftliche Erklärungsmodell zum Schlafwandeln ist das Veranlagungs-Stress-Modell. Schlafwandeln tritt gehäuft familiär auf – ebenso wie andere Parasomnien wie Pavor nocturnus oder Albträume.

Stressfaktoren des Alltags, z.B. Schulbeginn bei Kindern, beruflicher Druck oder private Streitigkeiten, können Schlafwandeln begünstigen. Andere Stressoren wie beispielsweise Alkoholkonsum, körperliche Krankheiten oder Schlafentzug können ebenfalls begünstigend wirken. Schlafstörungen, die zu einem sogenannten fragmentierten Schlafprofil führen – etwa das Restless-Legs-Syndrom oder Schlafapnoe –, können die Häufigkeit von Schlafwandeln erhöhen. Bei einem gestörten, fragmentierten Schlaf wird der komplexe Schlafprozess so gestört, dass nur eine eingeschränkte Regenerierung stattfinden kann.

Hinweis Schlafwandeln kann gefährlich werden – vor allem, wenn Fenster geöffnet werden oder das Haus verlassen wird.

Schlafmedizinische Abklärung

Um Schlafwandeln abklären zu können, ist es notwendig, Schilderungen von beobachtenden Personen zu erhalten (Fremdanamnese) sowie Betroffene detailliert nach Schlafverhalten sowie -erleben, Müdigkeit, körperlichen Erkrankungen, Medikamenten, eventuellen Stressfaktoren, familiärer Veranlagung etc. zu befragen. Die Beschreibungen erleichtern es auch, andere Diagnosen auszuschließen (z.B. Epilepsie mit stereotypen Bewegungen). Die wichtigste Differenzialdiagnose ist die sogenannte REM-Schlaf-Verhaltensstörung, bei der lebhaft geträumt wird. Dieses Erkrankung wird auch als Schenck-Syndrom bezeichnet. Bei der REM-Schlaf-Verhaltensstörung fällt die Lähmung der willkürlichen Muskulatur in der REM-Schlafphase weg. Die Träume von Betroffenen werden ausagiert und können zu Verletzungen führen. Auch bei Demenz und der Einnahme von Schlafmitteln können Zustände auftreten, die dem Schlafwandeln sehr ähnlich sind.

Bei Erwachsenen kann eine allgemeinmedizinische bzw. auch internistische und neurologische/psychiatrische Untersuchung erfolgen. Die Ableitung eines Elektroenzephalogramms (EEG) ist eine hilfreiche diagnostische Maßnahme. Ein Screening auf eine nächtliche Atemstörung in einer Schlafambulanz ergänzt die Diagnostik. Gegebenenfalls kann auch eine psychologische Testung durch eine klinische Psychologin/einen klinischen Psychologen erfolgen.

Eine Diagnostik im Schlaflabor über zwei Nächte erleichtert es, Schlafwandeln zu diagnostizieren und von anderen möglichen Störungsbildern abzugrenzen. „Ausflüge“, in denen das Bett verlassen wird, treten unter Schlaflaborbedingungen sehr selten auf. Es können jedoch andere Verhaltensweisen darauf hindeuten (z.B. Aufsetzen im Bett). Sind die Symptome gut erfassbar und gibt die Anamnese genügend Aufschluss bzw. tritt das Schlafwandeln selten auf, ist keine Untersuchung im Schlaflabor notwendig. Kinder können kinderärztlich bzw. von einer Kinderpsychiaterin/einem Kinderpsychiater untersucht werden.

Was kann man gegen Schlafwandeln tun?

Selbst wenn Schlafwandeln sehr selten vorkommt, sollte es behandelt werden. Jede Episode birgt auch Verletzungsgefahr. Als unterstützend hat sich erwiesen, Betroffene – Kinder und Erwachsene – über das Schlafwandeln zu informieren. So ist ein Verständnis für die Vorgänge möglich, und Ängste können genommen werden. Auch das Umfeld sollte in Kenntnis gesetzt werden, damit das Schlafwandeln nicht ganz überraschend kommt und man entsprechend reagieren kann. Aus Sicherheitsgründen ist es wichtig, die Räumlichkeiten abzusichern (z.B. Tür zusperren und Schlüssel verstecken, Ecken von Möbeln mit Schutzkappen versehen).

Hinweis Beobachten Sie eine Person beim Schlafwandeln, sprechen Sie diese ruhig an und begleiten Sie sie ohne Druck und Hektik zurück ins Bett. Aufgeweckt sollten Schlafwandler nur dann werden, wenn sie sich selbst oder andere gefährden.

Schlafhygiene

Ebenso sollte auf eine gute Schlafhygiene geachtet werden. Ein Ratgeber der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) informiert über empfehlenswertes Verhalten in Zusammenhang mit Schlaf. Alkohol sollte nur in Maßen getrunken werden – wie generell aus Gesundheitsgründen angeraten wird. Auch ein Mittagsschläfchen oder Nickerchen zwischendurch kann Schlafwandeln vorbeugen. Ein wesentlicher Faktor ist die Stressreduktion. Nähere Informationen zu Stress sowie Entspannungsmöglichkeiten finden Sie unter Stress & Erholung. Mittels spezieller Techniken des Autogenen Trainings ist es möglich, das Aufwachen während einer Schlafwandel-Phase zu trainieren. Dies sollte jedoch nur unter professioneller Anleitung erlernt werden. Bei stärkerem Leidensdruck und psychosozialen Stressfaktoren (z.B. persönliche Krise) empfiehlt es sich, eine Psychotherapie in Betracht zu ziehen. Zur medikamentösen Therapie von Schlafwandeln gibt es derzeit keine verlässlichen Wirksamkeitsnachweise.

Wohin kann ich mich wenden?

Wenn Sie den Verdacht haben schlafzuwandeln, können Sie sich an eine Neurologin/einen Neurologen bzw. eine Psychiaterin/einen Psychiater oder auch an eine Ambulanz für Schlafmedizin wenden. Die Österreichische Gesellschaft für Schlafmedizin informiert auf ihrer Website über auf Schlafmedizin spezialisierte Einrichtungen. Weitere Gesundheitsberufe wie etwa Psychotherapeutinnen/Psychotherapeuten oder Psychologinnen/Psychologen können in weiterer Diagnostik und Therapie mit eingebunden werden. Bei Kindern sind Kinderärztinnen/Kinderärzte bzw. Kinderpsychiaterinnen/Kinderpsychiater die erste Anlaufstelle.

Wer übernimmt die Kosten?

Die Kosten für die ärztliche Untersuchung und Behandlung krankheitswertiger Störungen werden im Normalfall von den Sozialversicherungsträgern übernommen. Nähere Informationen finden Sie unter Kosten und Selbstbehalte und Kostenübernahme von Medikamenten. Über die jeweiligen Bestimmungen informieren Sie sich bitte bei Ihrem Krankenversicherungsträger, den Sie über die Website der Sozialversicherungsträger finden.

Wenn Sie eine Psychotherapie bei niedergelassenen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten machen, haben Sie die Möglichkeit, einen Antrag auf Kostenzuschuss durch die Krankenversicherung zu stellen. Wird dieser genehmigt, erhalten Sie vom Krankenversicherungsträger einen Zuschuss. Dieser beträgt derzeit in der Regel 21,80 Euro pro Einheit Einzeltherapie. Eine volle Kostenübernahme für Psychotherapie (zum Teil auch mit Selbstbehalten) ist in eigenen bzw. mit den Krankenversicherungsträgern vertraglich gebundenen Einrichtungen möglich sowie weiters in Institutionen, die von der öffentlichen Hand subventioniert werden. Nur bei Vorhandensein einer krankheitswertigen Störung ist jedoch eine Kostenübernahme bzw. -beteiligung möglich.

Weitere Informationen zu „Psychotherapie auf Krankenschein“, Kostenzuschüssen und Adressen niedergelassener Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten finden Sie unter Services.

Die klinisch-psychologische Diagnostik ist eine Leistung der Sozialversicherung. Die Behandlung oder Beratung bei niedergelassenen klinischen Psychologinnen/klinischen Psychologen hingegen muss privat bezahlt werden. Es gibt hierfür keine Kostenübernahme bzw. Zuschüsse vom Krankenversicherungsträger. Behandlungen und Beratungen in Einrichtungen des Gesundheits- oder Sozialwesens oder eines anderen öffentlich finanzierten Bereiches (z.B. Familienberatungsstellen) können teilweise auch kostenlos bzw. kostengünstig in Anspruch genommen werden.

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