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Mädchen mit roten Haaren blickt schüchtern © ave_mario

Hochsensibilität

Eine gewisse Sensibilität spielt eine wichtige Rolle für das menschliche Gefühlsleben und soziale Miteinander. Begriffe wie Hyper- oder Hochsensibilität prägen den modernen Alltag. Doch was hat es damit auf sich? Fest steht, dass jeder Mensch von Natur aus in unterschiedlicher Ausprägung sensibel ist.

Nicht auf den ersten Blick erkennbar

Den Grad der Sensibilität erkennt man jedoch nicht immer auf den ersten Blick. Nicht jede Gefühlsregung dringt nach außen. Ein weiterer Aspekt ist die Fähigkeit, sich abzugrenzen. Diese ist – wie alle Persönlichkeitseigenschaften – individuell ausgeprägt. Je stärker eine Abgrenzung gegen „außen“ erfolgt, desto weniger Eindrücke müssen bzw. können verarbeitet werden. Menschen werden mit zunehmendem Alter und unter bestimmten Bedingungen generell sensibler – im Sinne eines natürlichen Prozesses. Mittlerweile bestätigen Forschungen zunehmend, dass bei Hochsensibilität Reize auf besondere Art verarbeitet werden. Das Thema wird allerdings sehr kontrovers diskutiert.

Erhöhte Reizempfindlichkeit

Auf manche Menschen wirken sich Reizeinflüsse intensiver aus als auf andere. Introvertierte Menschen etwa haben eine niedrigere Reizschwelle. Die Psychologin Elaine Aron entdeckte in den Neunzigerjahren das Phänomen der erhöhten Reizempfindlichkeit und nannte es „sensory-processing sensitivity“ (sensorische Verarbeitungssensitivität) oder umgangssprachlich „Hochsensibilität“. Die Sinneswahrnehmung scheint dabei gesteigert zu sein, wobei nicht jeder Sinn gleich stark ausgeprägt sein muss. Ob Reize dabei von innen oder außen kommen, spielt keine entscheidende Rolle. Aron verknüpfte die erhöhte Empfindsamkeit auch mit einer Neigung zur Kreativität.

Die Hirnforschung liefert Hinweise darauf, dass sich Prozesse der gesteigerten Reizverarbeitung im Gehirn bei Menschen mit Hochsensibilität nachweisen lassen. So scheinen Regionen des Neokortex, die für Steuerung der Aufmerksamkeit und Sinnesverarbeitung mitverantwortlich sind, bei „Hochsensiblen“ hochaktiv zu sein. Auch der Thalamus, der ein „Filter“ für Sinnes- und Gedankenwahrnehmungen ist, dürfte eine teils adaptierte Aktivität aufweisen. Bis dato gibt es allerdings keine anerkannte Theorie zu Ursachen der Hochsensibilität. Neueren Forschungen zufolge nimmt man eine genetische Neigung an, die bedingt, dass Reize im Nervensystem anders verarbeitet werden. Es wird ebenso vermutet, dass der Hypothalamus als „Gefühlsmanager“ auf andere Weise reagiert.

Hochsensibilität als Temperamentsmerkmal

Es ist nicht genau geklärt, ob zuerst Hochsensibilität als psychologisches Phänomen auftritt, das physiologische Veränderungen (z.B. erhöhte Alarmbereitschaft durch Ausschüttung von Botenstoffen) nach sich zieht, oder umgekehrt. Aktuelle wissenschaftliche Arbeiten zeigen, dass das sogenannte Verhaltensinhibitionssystem (behavioral inhibition system, BIS) stärker aktiviert ist. Dies führt zu einer höheren Verhaltenshemmung, zu einer erhöhten Erregung und verstärkten Reizwahrnehmung sowie Ängstlichkeit. Ob hochsensible Menschen zur Hochbegabung neigen, darüber ist man sich im Expertenkreis nicht einig.

Die Tendenzen gehen dahin, dass Hochsensibilität, wie sie heutzutage verstanden wird, keine psychische Störung ist, sondern als Temperamentsmerkmal verstanden werden kann. Es gibt allerdings auch wissenschaftliche Meinungen zum Thema, die Eigenschaften hochsensibler Personen eher dem Persönlichkeitsmerkmal Neurotizismus (emotionale Instabilität z.B. sich leicht aus der Ruhe bringen lassen, nervös zu werden) zuordnen. Dabei schließt die eine These die andere nicht aus (z.B. hochsensibles Temperament und ausgeprägter Neurotizismus).

Herausforderungen und Chancen

Reize vermehrt und intensiver wahrzunehmen kann ganz schön zusetzen. Es gibt Hinweise darauf, dass besonders sensible Menschen ein erhöhtes Risiko haben, an Depressionen, ADHS, Angststörungen oder Schmerzen zu leiden. Auch nehmen sie sich häufig „anders als andere“ wahr, wodurch das Selbstwertgefühl beeinträchtigt sein kann. Die Eigenschaften von Hochsensiblen können für soziale Gemeinschaften jedoch auch viele Vorteile mit sich bringen, z.B. frühes Erkennen von Konflikten oder eine ausgeprägte Fähigkeit zur Empathie. Zudem kann man persönlich sehr davon profitieren, z.B. durch genussvolle und intensive Wahrnehmung. Es ist hilfreich, Hochsensibilität möglichst neutral als Eigenart zu sehen.

Was kann ich selbst tun?

Die oft von nahestehenden Menschen empfohlene Abhärtung bringt wenig bis gar nichts. Vermeidung könnte eher negativ verstärkend wirken. Was können Sie aber selbst aktiv tun, um gut mit einer hochsensiblen Neigung zu leben?

  • Achten Sie auf entsprechende Umgebungsoptimierungen (z.B. Lärmmodulierung).
  • Bringen Sie zum Ausdruck, wenn Sie etwas stört – auch wenn Sie damit nicht immer auf Verständnis stoßen. Jede/jeder hat andere Bedürfnisse, ob hochsensibel oder nicht.
  • Gönnen Sie sich Rückzugs- und Ruhephasen.
  • Sagen Sie öfter mal „Nein“. Dies will natürlich geübt sein. Es hilft allerdings, sich abzugrenzen. Rechnen Sie auch hier nicht immer mit Verständnis und versuchen Sie, Kritik nicht allzu persönlich zu nehmen.
  • Abwechslung tut gut – Aktivität und Passivität sollten sich die Waage halten. Ein Beispiel: Sitzen Sie viel tagsüber, versuchen Sie, sich abends mehr zu bewegen. Bewegung wirkt generell stressabbauend.
  • Sie können sich auch einen imaginären Schutz vorstellen, z.B. als Hülle gegen äußere Einwirkungen. Das sollte allerdings nach und nach geübt werden. Eine gewisse Durchlässigkeit sollte schon vorhanden bleiben, damit Sie sich nicht ganz „abkapseln“.

Wo finde ich Rat?

Wenn Sie sich fragen, ob Sie hochsensibel sein könnten, wenden Sie sich an Psychologinnen/Psychologen, Psychotherapeutinnen/Psychotherapeuten oder Psychiaterinnen/Psychiater, die praktische und möglichst auch wissenschaftliche Erfahrung mit dem Thema haben. Fragen Sie diesbezüglich nach. Die meisten Fragebögen zum Selbstausfüllen im Internet sind nicht wissenschaftlich abgesichert. Achten Sie auch bei Ihrer Lektüre auf die Qualität und Seriosität. Es gibt diverse Veröffentlichungen, die kaum oder gar nicht fachlich untermauert sind.

Nur bei Leidensdruck ist eine Behandlung/Therapie notwendig, wobei eine psychologische oder psychotherapeutische Beratung generell helfen kann, mit der Situation besser zurechtzukommen. Die Krankenversicherungsträger übernehmen allerdings nur bei krankheitswertigen Störungen die Kosten – etwa für eine Psychotherapie.

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