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Mädchen blickt traurig © Antonio Ordóñez

Emotional instabile Persönlichkeitsstörung: Diagnose

Menschen mit einer Persönlichkeitsstörung blicken meist auf negative Beziehungserfahrungen in ihrer Lebensgeschichte zurück. Auch im Alltag spielen Beziehungsprobleme eine zentrale Rolle – so auch bei Personen mit emotional instabiler Persönlichkeitsstörung. Wie die Bezeichnung besagt, leiden Betroffene an starken Stimmungsschwankungen und Gefühlsausbrüchen. Sie stehen meist unter massiver Anspannung. Der Umgang mit diesen Emotionen und der starken Spannung ist für Betroffene und ihr soziales Umfeld eine große Herausforderung. Es kommt zu zwischenmenschlichen Problemen, z.B. zu sehr konflikthaften oder instabilen Beziehungen. Die Angst vor Nähe steht im Gegensatz zu der Furcht vor dem Verlassenwerden – ein Spannungsbogen, der schwer zu ertragen ist. Es werden zwei Formen der emotional instabilen Persönlichkeitsstörung unterschieden: der impulsive Typ und der Borderline-Typ . . .

Hochschaubahn der Gefühle

Die Schwierigkeit, Gefühle zu steuern und innere Anspannung zu bewältigen, spielt vor allem in sozial anspruchsvollen Situationen eine Rolle, z.B. bei Konflikten, Enttäuschungen oder großer Nähe zu einem anderen Menschen. Es kommt zu starker Selbstabwertung sowie zu einem oft plötzlichen bzw. radikalen Wechsel zwischen Idealisierung und Entwertung einer Person oder Situation („Schwarz-Weiß-Denken“). Unkontrollierbare Gefühlsausbrüche (z.B. Wut/Aggression), starke Impulsivität, aber auch Gefühlsleere treten auf. Betroffene reagieren häufig mit Rückzug oder Entwertung der eigenen Person.

Auch Selbstverletzungen (z.B. Ritzen, Schneiden, Verbrennungen, sich selbst schlagen), starke Angstzustände sowie innere Leere kommen vor. Die Selbstschädigung kann sich zudem durch riskantes Verhalten zeigen (z.B. ungezügeltes Essen, exzessiver Konsum von Alkohol/Drogen, unkontrolliertes Geldausgeben oder riskantes Sexualverhalten). Auch Suizidgedanken treten bei Menschen mit emotional instabiler Persönlichkeitsstörung häufig auf. Diese Hochschaubahn der Gefühle macht es Betroffenen schwer, ein stabiles Identitätsgefühl zu entwickeln – zu wissen, „wer man eigentlich ist“.

In Studien mit Magnetresonanztomographie des Gehirns konnte wiederholt festgestellt werden, dass diese Persönlichkeitsstörung mit Überaktivität der Amygdala sowie Unteraktivität des Hippocampus verbunden ist. Diese Hirnstrukturen liegen im limbischen System, das vor allem für Gefühle zuständig ist.

Risikofaktoren

Wichtigste Risikofaktoren dürften frühe negative Beziehungserfahrungen sowie Traumatisierungen sein. Den meisten Betroffenen fehlten Schutz und Geborgenheit in der Kindheit. Stattdessen waren sie bereits früh massiv belastenden Situationen ausgesetzt (z.B. Sucht eines Elternteils, Gewalt, Armut). Es gibt aber Menschen mit emotional instabiler Persönlichkeitsstörung, die kein seelisches Trauma erlitten haben. Auch etwa ein krankhaftes Bindungs- oder Beziehungsmuster mit einer Bezugsperson kann begünstigend auf die Entstehung einer Persönlichkeitsstörung wirken. Zu weiteren Risikofaktoren für eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung zählen junges Lebensalter sowie psychiatrische Belastungen in der Familie.

Symptome & Diagnose

Unbehandelt führt eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung zu vielen Schwierigkeiten (in der Schule, im Job, in Beziehungen) sowie zu einem erhöhten Risiko psychischer oder körperlicher Erkrankungen – bis hin zum vorzeitigen Versterben (z.B. aufgrund selbstschädigenden Verhaltens oder Suizid – vor allem bei jungen Erwachsenen). Daher ist eine möglichst frühzeitige Diagnosestellung und Therapie wichtig. Gut ausgebildete Spezialistinnen/Spezialisten können die Diagnose bereits nach einem fundierten diagnostischen Gespräch stellen. In manchen Fällen bestätigt sich allerdings eine Verdachtsdiagnose erst im Verlauf der Behandlung.

Impulsiver Typ und Borderline-Typ

Es werden zwei Typen der emotional instabilen Persönlichkeitsstörung unterschieden:

  • Impulsiver Typ (aggressiv, reizbar bis „explosiv“): emotionale Instabilität, mangelnde Impulskontrolle

  • Borderline-Typ: zusätzlich zu oben genannten Symptomen veränderte Wahrnehmung der eigenen Person, dauerhaftes Gefühl der inneren Leere, instabile Beziehungen sowie Neigung zu selbstschädigendem Verhalten bis hin zur Suizidalität.

Anhand der Klassifikation der ICD-10 sowie des DSM-IV wird die Diagnose anhand bestimmter Kriterien gestellt. Bei Frauen wird die Diagnose Borderline-Typ öfter gestellt. Das liegt jedoch eventuell daran, dass diese in vielen Fällen öfter Hilfe suchen als Männer.

Erfassen der Lebens- und Krankheitsgeschichte

Erste Ansprechstelle zur Abklärung einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung sind Fachärztinnen/Fachärzte für Psychiatrie sowie Psychotherapeutinnen/Psychotherapeuten. Zu Beginn steht die Anamnese im Mittelpunkt. Dabei wird die bisherige Lebensgeschichte erfragt und ob Krankheiten oder seelische Krisen aufgetreten sind. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf den bisherigen zwischenmenschlichen Beziehungen (Eltern, Geschwister, Freundinnen/Freunde, Partnerinnen/Partner etc.) sowie auf Gefühlsregulation und selbstschädigendem Verhalten.

Des Weiteren können auch begleitende psychische Störungen auftreten, z.B. Depressionen. Auch eine Überschneidung mit einer posttraumatischen Belastungsstörung ist möglich. Die Symptome einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung überschneiden sich manchmal auch mit jenen einer Bipolaren Störung, einer ADHS oder einer Bulimie. Körperlich zeigen sich z.B. Folgen von Selbstverletzungen (Narbenetc.).

Wohin kann ich mich wenden?

Haben Sie den Verdacht, an einer Persönlichkeitsstörung zu leiden, möchten Sie jemandem aus Ihrer Umgebung helfen oder benötigen Sie als Angehöriger/Angehörige seelische Unterstützung, ist die Fachärztin/der Facharzt für Psychiatrie oder die Psychotherapeutin/der Psychotherapeut für Sie die Anlaufstelle erster Wahl. Für Jugendliche unter 18 Jahren stehen auch spezialisierte Kinder- und Jugendpsychiaterinnen/Jugendpsychiater zur Verfügung. Für Angehörige bietet beispielsweise HPE (Hilfe für Angehörige psychisch Erkrankter) Information und Unterstützung. Unter Services, Links und Broschüren finden Sie hilfreiche Informationen zur Arzt- bzw. Therapeutensuche sowie Suche nach Selbsthilfegruppen (auch für Angehörige). In akuten Krisen bzw. bei schweren Verletzungen rufen Sie bitte umgehend die Rettung unter der Telefonnummer 144.

Wie erfolgt die Abdeckung der Kosten?

Bei Inanspruchnahme einer Psychotherapie ist eine volle Kostenübernahme in eigenen bzw. vertraglich gebundenen Einrichtungen der Krankenversicherungsträger möglich sowie in Institutionen, die von der öffentlichen Hand subventioniert werden. Es besteht in diesen Fällen jedoch die Möglichkeit, dass ein Selbstbehalt zu leisten ist. Ansonsten haben Sie die Möglichkeit, einen Antrag auf Kostenzuschuss durch die Krankenversicherung zu stellen, wenn Sie eine Psychotherapie bei einer niedergelassenen Psychotherapeutin/einem niedergelassenen Psychotherapeuten machen. Wird dieser genehmigt, erstattet Ihnen der Krankenversicherungsträger einen Teil des an die Psychotherapeutin/den Psychotherapeuten bezahlten Honorars zurück. Die Krankenversicherungsträger leisten allerdings nur dann einen Zuschuss, wenn eine sogenannte krankheitswertige Störung vorliegt. Näheres zur Kostenerstattung erfahren Sie auf der Website der Sozialversicherungsträger

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