Gesundheitsportal
Inhaltsbereich
Bub sieht traurig aus © beletskaya18

Autismus

Das Autismussyndrom ist vor allem durch eine Störung in der Wahrnehmungsverarbeitung charakterisiert. Umweltreize für Auge, Ohr oder Tastsinn bereiten Betroffenen starke Probleme – sie werden von Sinneseindrücken förmlich „überrollt“. In weiterer Folge kommt es zu Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion. In den letzten Jahren entwickeln sich medizinische und therapeutische Ansätze weg von einem Behinderungsbegriff des Autismus, hin zu einer Definition einer Wahrnehmungsstörung/„autistischen Wahrnehmung“. 

Autismus: Was ist das?

Autismus wird als tiefgreifende kindliche Entwicklungsstörung betrachtet. Diese besteht von Geburt an und tritt in den ersten Lebensjahren auf. Zuerst fällt auf, dass die Eltern-Kind-Beziehung und -Kommunikation beeinträchtigt ist. Zudem kommt es zu kognitiven und motorischen Einschränkungen sowie zu Störungen der Gefühlslage. Die Entstehung ist noch weitgehend ungeklärt. Mehrere Faktoren könnten zusammenwirken. Genetische sowie neurophysiologische Ursachen gelten als wahrscheinlich. Umwelteinflüsse beeinflussen den Verlauf.

Merkmale einer autistischen Störung

Autismus ist bei jedem Kind anders ausgeprägt und verändert sich im Lauf der Entwicklung. Das Spektrum reicht von schwerer Behinderung bis hin zu kaum auffälligem Verhalten. Es ist eine normale oder Hochbegabung möglich, jedoch auch eine geistige Beeinträchtigung. Auffälligkeiten zeigen sich vor allem im sozialen Verhalten. Es fällt dem Kind schwer, sich sprachlich oder nonverbal (z.B. durch Gestik oder Mimik) auszudrücken. Das Interesse beschränkt sich auf einige wenige Tätigkeiten oder Spiele, oft zeigt sich ein stereotypes (immer wieder gleich auftretendes) Verhalten.

Im Säuglings- und Kleinkindalter macht sich Autismus z.B. durch Schlafprobleme, mangelnde Initiative, reduziertes Imitationsverhalten oder gestörte Nahrungsaufnahme bemerkbar. Betroffene Kinder reagieren in manchen Fällen äußerst sensibel auf Umwelteinflüsse, die ersten Laut- und Sprechversuche fehlen oder sind verzögert. Die Kleinen beginnen häufig später zu gehen. Im Vorschulalter kann es zu Aggressionen, Hyperaktivität sowie sich wiederholenden, stereotypen Verhaltensweisen kommen. Ab dem Schulalter lassen die Symptome oft etwas nach.

In vielen Fällen zeigen sich Begleiterkrankungen wie Epilepsie, Depressionen, Ängste, Zwänge oder Ess- sowie Schlafstörungen.

Frühkindlicher oder atypischer Autismus?

Zu Beginn einer diagnostischen Abklärung steht eine genaue Erhebung der Krankengeschichte (Anamnese) sowie ein eingehendes Gespräch mit den Bezugspersonen. Mittels Verhaltensbeobachtung und psychologischen Untersuchungen werden Auffälligkeiten der Wahrnehmung, sozialen Interaktion, Sprache, Intelligenz oder Motorik festgestellt. Eine neurologische/psychiatrische sowie körperliche Untersuchung ist ebenso notwendig. Weitere Abklärungen werden nach Bedarf in die Wege geleitet. Es gibt mehrere für Autismus entwickelte Therapieprogramme. Um Autismus von anderen Störungen (z.B. Intelligenzminderung, Mutismus, Bindungsstörungen) abzugrenzen, bedarf es einer Diagnostik durch darauf spezialisierte Klinische Psychologinnen/Psychologen sowie Fachärztinnen/Fachärzte für Kinderpsychiatrie bzw. Fachärztinnen/Fachärzte mit Weiterbildung in Kinderpsychiatrie. Auch Psychotherapeutinnen/Psychotherapeuten können in die Diagnostik involviert sein. Eine Abklärung in einem Entwicklungsambulatorium ist hilfreich.

Laut ICD-10 (International Classification of Diseases) zählt Autismus zu den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen. Darin werden vor allem unterschieden:

  • Frühkindlicher Autismus: tiefgreifende Entwicklungsstörung, die vor dem dritten Lebensjahr eintritt. Soziales Verhalten und Kommunikation sind verändert. Es zeigen sich wiederholende, stereotype (immer wieder gleich auftretende) Verhaltensmuster. Andere Symptome können Ängste, verstärkte Aggressionen sowie Schlafstörungen sein.
  • Atypischer Autismus: Der Unterschied zum frühkindlichen Autismus liegt im Alter des Auftretens oder darin, dass oben genannte Diagnosekriterien nicht vollständig zutreffen. Vor allem schwer entwicklungsverzögerte Kinder mit Störung der Sprachentwicklung sind von dieser Form betroffen.
  • Asperger-Syndrom: Die Störung unterscheidet sich vom frühkindlichen Autismus im Wesentlichen durch fehlende allgemeine Entwicklungsverzögerung bzw. fehlenden Entwicklungsrückstand der Sprache und der kognitiven Entwicklung. Nähere Informationen finden Sie unter Asperger-Syndrom: Was ist das?

Einflüsse auf den Verlauf

Für die erfolgreiche Behandlung eines betroffenen Kindes spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Entwickeln Betroffene eine gute Sprachfähigkeit bis zum fünften Lebensjahr, bedeutet das eine günstige Prognose. Etwaige körperliche Beschwerden (z.B. Epilepsie) sowie die Gestaltung des sozialen und schulischen Umfelds beeinflussen den Verlauf sowie die Linderung der Störung.

Viele Autismus-Betroffene benötigen langfristig Pflege oder Betreuung.

Therapeutische Ziele

Die Therapie wird individuell auf die Symptomatik und die Bedürfnisse des Kindes abgestimmt. Die Behandlung zielt vor allem auf:

  • Verbesserung der Kommunikation (auch durch Symbol- oder Gebärdensprache);
  • Förderung der einzelnen Entwicklungsbereiche;
  • Förderung des Spielverhaltens;
  • Training des Verhaltens (vor allem des Sozialverhaltens sowie zielgerichteter Handlungen).

Die Bezugspersonen sowie das Kindergarten- und Lehrpersonal werden in die Therapie mit einbezogen. Meist können Kinder mit Autismus im Rahmen von Integrationskindergärten bzw. -klassen gut gefördert werden.

Spezifische Autismustherapie

Es gibt mehrere speziell für Autismus entwickelte Therapieprogramme. Eines der Bekanntesten ist das sogenannte TEACCH-(Treatment and Education of Autistic and Communication Handicapped Children)-Programm. Es besteht aus:

  • einer förderorientierten Diagnostik,
  • Unterstützung im schulischen Unterricht/in der Berufsausbildung,
  • Training der Bezugspersonen,
  • Förderung von sozialen Fähigkeiten,
  • Kommunikationstraining sowie
  • Kompetenzvermittlung für eine passende Freizeitgestaltung.

Die Strukturierung des Alltags ist zudem für Betroffene sehr hilfreich und ein wichtiges Instrument für die Lebensgestaltung.

Für viele Autismus-Therapie-Programme stellen lerntheoretische Methoden eine wesentliche Säule dar. Wichtige verhaltenstherapeutische Programme im Autismus-Bereich sind die Techniken des sogenannten diskreten Lernformats und der modernen angewandten Verhaltensanalyse (ABA – „Applied Behavior Analysis“). Ziele hierbei sind die Förderung von Sprachverständnis und -ausdruck, die Erhöhung der Aufmerksamkeit gegenüber sozialen Eindrücken, der Aufbau von Imitationsverhalten, das Erlernen vorschulischer Fertigkeiten und das Erreichen von Selbstständigkeit in der Verrichtung von Alltagsaktivitäten.

Sonstige Therapiemöglichkeiten

Zu weiteren Behandlungsformen bei Autismus zählen spezifische Kommunikationstrainings, Einzel- oder Gruppenpsychotherapie (mit Schwerpunkt auf Förderung der sozialen Fähigkeiten), Spielgruppen, Frühförderung, Logopädie, Physiotherapie sowie Ergotherapie. Auch Musiktherapie kann zum Einsatz kommen. Ein medikamentöser Einsatz erfolgt bei begleitenden psychischen Auffälligkeiten oder körperlichen Krankheiten.

Tipps für Eltern autistischer Kinder

Laut DGKJP (Deutscher Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie) bewähren sich folgende Verhaltensmaßnahmen im Umgang mit autistischen Kindern:

  • Versuchen, die Erkrankung zu akzeptieren, und Vermeiden von Schuldzuweisungen;
  • gut informiert und vernetzt sein (z.B. mit anderen Eltern, speziellen Einrichtungen);
  • ggf. professionelle Hilfe für sich selbst in Anspruch nehmen, um mit der Situation besser fertig zu werden (z.B. psychologische Beratung oder Psychotherapie, Selbsthilfegruppen);
  • offen sein für Unterstützung durch andere (Angehörige, Freundeskreis oder professionelle Helfer);
  • fördern des Kindes, ohne zu viel von ihm zu verlangen;
  • realistisch bleiben – keine zu hohen Therapieerfolge erwarten;
  • mit familiären Problemen rechnen und dementsprechend auch Beratung in Anspruch nehmen (z.B. Familienberatung);
  • für sich selbst sorgen: vitale Bedürfnisse pflegen, die eigenen Interessen nicht komplett vernachlässigen, soziale Kontakte aufrechterhalten.

Eltern beziehungsweise Bezugspersonen können auch andere Menschen im Umfeld über Autismus informieren, um das Verständnis dafür zu fördern.


Anlaufstellen (z.B. über unsere Arztsuche) finden Sie unter Services.

Drucken RSS-Feed Teilen Feedback
Zum Seitenanfang springen Transparente Grafik zwecks Webanalyse