AIDS-definierende Erkrankungen
Inhaltsverzeichnis
Klassifikation der HIV-Infektion
Die Einteilung einer HIV-Infektion erfolgt nach der sogenannten CDC-Klassifikation (benannt nach den US Centers for Disease Control and Prevention).
Im folgenden Abschnitt sind „Indikatorerkrankungen“ für die drei Stadien (Kategorien) der HIV-Infektion beschrieben. Jede dieser Erkrankungen ist imstande, das Immunsystem zeitweilig oder langfristig zu schwächen. Erkennbar ist dies sowohl durch eine deutliche Abnahme der CD4+-Helferlymphozyten im Blutbefund (Immunstatus, FACS) als auch durch eine erhöhte Infektanfälligkeit. Auf diese Weise forcieren Infektionskrankheiten das Fortschreiten der HIV-Infektion und somit auch den Ausbruch von AIDS. Das fortgeschrittene Stadium der HIV-Infektion (Kategorie C: AIDS) liegt laut Definition dann vor, wenn eine der AIDS-definierenden Erkrankungen auftritt. Die klinischen Kategorien der CDC-Klassifikationen lauten wie folgt:
Asymptomatische HIV-Infektion (Kategorie A)
Dazu zählen:
- Akute (primäre) HIV-Infektion.
- Länger andauernde Schwellung der Lymphknoten (Lymphadenopathie).
- Beschwerdefreie (asymptomatische) HIV-Infektion.
Klinische Zeichen der gestörten zellulären Immunabwehr (Kategorie B)
Dazu zählen folgende Krankheitssymptome oder Erkrankungen:
- Ausgedehnte Gürtelrose (Herpes Zoster mit Befall mehrerer Dermatome oder Rezidiv in einem Dermatom).
- Pilzinfektion im Mund- und Rachenraum (oropharyngeale Candidiasis).
- Orale Haarleukoplakie, weißliche, streifige Veränderungen in der Mundschleimhaut der Wangen oder am seitlichen Zungenrand (nicht wegwischbar, Epstein-Barr-Virus-Infektion).
- Pilzinfektion im Genitalbereich (vulvo-vaginale Candidiasis) über vier Wochen oder schwierig zu behandeln.
- Bei Frauen Entzündungen im kleinen Becken (Eileiter-, Eierstockentzündungen, Abszesse).
- Lokal sehr oberflächlich begrenzter Gebärmutterhalskrebs oder Vorstufen davon.
- HIV-induzierter Blutplättchenmangel (Thrombozytopenie) mit erhöhter Blutungsneigung.
- HIV bedingte periphere Nervenschädigung (periphere Polyneuropathie).
- Konstitutionelle Symptome wie Fieber (ab 38,5°C), Durchfall länger als einen Monat.
- Listeriose (bakterielle Infektion, meist durch verdorbene bzw. verschmutzte Lebensmittel).
- Bazilläre Angiomatose, eine seltene Hautkrankheit, verursacht durch Bakterien (Bartonella henselae und Bartonella quintana),
- Hodgkin-Lymphom.
- invasives Analkarzinom.
AIDS (Kategorie C)
Bei AIDS befindet sich die HIV-Infektion in einem sehr fortgeschrittenen Stadium. Das HI-Virus hat bereits viele CD4+T-Lymphozyten zerstört und meist ihre Zahl im Blut auf weniger als 200 pro Mikroliter gesenkt. Kennzeichen von klinischem AIDS ist das Auftreten von mindestens einer der sogenannten AIDS-definierenden Erkrankungen. Das entspricht auch der österreichischen Definition von AIDS. In manchen Ländern wird bereits eine alleinige Reduktion der CD4+T-Lymphozyten auf Werte unter 200 pro Mikroliter (oder unter 14 Prozent) dem Stadium AIDS zugeordnet.
Zu den AIDS-definierenden Erkrankungen zählen:
| Erkrankung | Erreger | Symptome |
|---|---|---|
| Pneumocystis jirovecii Pneumonie | Pneumocystis jiroveci (früher carinii) (Askomyceten) | Reizhusten, Atemnot, Fieber |
| Zerebrale Toxoplasmose | Toxoplasma gondii | Kopfschmerzen, subfebrile Temperaturen, Verlangsamung, Krampfanfall, diverse neurologische Defizite |
| Tuberkulose | Mycobacterium tuberculosis | Fieber, Nachtschweiß, Gewichtsverlust, produktiver Husten, Atemnot |
| Infektionen mit atypischen Mykobakterien | Mycobacterium avium complex, kansasii etc. (MOTT) | Fieber, Durchfall, Gewichtsabnahme, Bauchschmerzen, Anämie, Nachtschweiß, Schüttelfrost |
| Rezidivierende bakterielle Pneumonien innerhalb eines Jahres (Lungenentzündungen) | Streptokokken, Staphylokokken etc. | Husten, Auswurf, Atemnot, Fieber |
| Zytomegalievirus (CMV), Retinitis (Netzhautentzündung), Pneumonie, Magen-Darm-Trakt-Erkrankung, Enzephalitis, Polyradikulitis oder generalisierte CMV-Infektion | Zytomegalievirus (CMV) (Herpesviren) | Augensymptome, Symptome des Magen-Darm-Trakts, seltener des Zentralnervensystems (ZNS) oder der Lunge |
| Candidiasis von Speiseröhre (Ösophagus), Luftröhre (Trachea), Bronchien oder Lungen | Candida spp. | typische Lokalsymptome |
| Kaposi-Sarkom | Humanes Herpesvirus (HHV) 8 assoziiert | Flecken, Plaques oder Knoten (Haut, Schleimhaut) |
| Progressive multifokale Leukenzephalopathie | JC-Virus (im Gehirn) | Gedächtnis- und Sprachstörungen, Wesensveränderungen, zunehmende neurologische Ausfälle |
| HIV-Enzephalopathie | HIV | Beeinträchtigung von Konzentration und Gedächtnis, Antriebsminderung sowie Störungen von Gang und Feinmotorik, Depression, Enthemmung |
| invasives Zervixkarzinom | HPV-assoziiert | Ausfluss, Blutungen, ev. Schmerzen |
| Kryptokokken-Infektion, die nicht in der Lunge angesiedelt ist, z.B. Meningitis | Cryptococcus neoformans (Hefepilz) | Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit, Fieber, Schwindel, Erbrechen, schmerzhafte Nackensteifigkeit (Meningismus), Lichtscheue, neurologische Ausfälle |
| Herpes-simplex-Infektionen, z.B. chronische Geschwüre, Bronchitis, Pneumonie, Ösophagitis | HSV 1/2 | typische Lokalsymptome, z.B. auf der Zunge, dem harter Gaumen, in der Speiseröhre oder im Genitalbereich |
| Salmonellen-Septikämie(rezidivierend) | Salmonella spp. (außer Salmonella typhi) | Brechdurchfall, Fieber, Schüttelfrost, Kopfschmerzen |
| Maligne Lymphome (Non-Hodgkin-Lymphom, Burkitt-Tumor, immunoblastisches Lymphom, primäres Lymphom des ZNS) | teilweise Epstein-Barr-Virus (EBV) assoziiert | Symptome vonseiten der befallenen Organe |
| Kokzidioidomykose | Coccidioides immitis (Schimmelpilz) | grippale Symptome, Fieber, Milzvergrößerung (Splenomegalie), bronchopulmonale Symptome (Husten, Atemnot etc.) |
| Intestinal oder extrapulmonaleKryptosporidiose (Enteritis über ein Monat) | Cryptosporidium (Protozoon) | wässrige Durchfälle, schmerzhafter Stuhl- und Harndrang, Elektrolytverlust, Austrocknung |
| Isosporiasis, chronisch, intestinal, > 1 Monat bestehend | Isospora belli (Protozoon) | Beschwerden des Magen-Darm-Trakts, z.B. wässrige Durchfälle, Bauchkrämpfe |
| Disseminierte oder extrapulmonale Histoplasmose | Histoplasma capsulatum (Pilz) | In Europa äußerst selten; disseminierter Befall von Haut und Organen |
Die Kategorien in der Labormedizin
In der Labormedizin werden in Zusammenhang mit HIV/AIDS folgende Kategorien unterschieden:
- Kategorie 1: mehr als 500 CD4+T-Lymphozyten pro Mikroliter Blut
- Kategorie 2: 200 bis 500 CD4+T-Lymphozyten pro Mikroliter Blut
- Kategorie 3: weniger als 200 CD4+T-Lymphozyten pro Mikroliter Blut (bzw. CD4+T- Lymphozyten unter 14 Prozent)
Diese Kategorien können in allen drei klinischen Stadien der HIV-Infektion (Kategorie A, B oder C) auftreten. Weitere Informationen finden Sie in der Laborwert-Tabelle unter HIV/AIDS.
Falldefinition von AIDS
Die EU-Kommission hat zur Überwachung von AIDS in Europa eine einheitliche Falldefinition festgelegt. Demnach ist ein AIDS-Fall gegeben, wenn eine HIV-infizierte Person einen der klinischen Befunde (AIDS-definierende Erkrankungen) aufweist, die in der europäischen Falldefinition für AIDS festgelegt sind. Die Diagnose HIV-Infektion darf dabei je nach Untersuchungsmethode erst nach zwei bzw. drei positiven HIV-Tests gestellt werden. Die Falldefinition der EU-Kommission enthält nicht das Kriterium der Zahl der CD4+-T-Lymphozyten.
Nähere Informationen zur europäischen Falldefinition für AIDS finden Sie auf den folgenden Websites:
- EuroHIV unter „Case definitions“
- Entscheidung der Kommission der Europäischen Gemeinschaften betreffend der „Festlegung von Falldefinitionen für die Meldung übertragbarer Krankheiten an das Gemeinschaftsnetz" (2008).
- AIDSinfo (2017): Guidelines for the Prevention and Treatment of Opportunistic Infections in HIV-Infected Adults and Adolescents - Geographic Opportunistic Infections of Specific Consideration – Malaria. Online unter: www.aidsinfo.nih.gov (Zugriff: April 2018)
- AGES: HIV-Surveillance in Österreich. 37th Report of the Austrian HIV Cohort Study. Online unter: www.ages.at (Zugriff: November 2020)
- Deutsche AIDS-Gesellschaft: Deutsch-Österreichische Leitlinie zur medikamentösen Postexpositionsprophylaxe nach HIV-Exposition (2018). Online unter: www.awmf.org
- Bundesministerium für Soziales, gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz: Statistiken und Fallzahlen. Epidemiologie übertragbarer Krankheiten in Österreich. Online unter: www.sozialministerium.at (Zugriff: November 2020)
- Centers for Disease Control and Prevention (2018): HIV/AIDS. Online unter: www.cdc.gov (Zugriff: April 2018)
- Cochrane Collaboration (2017): Micronutrient supplements for non-pregnant adults with HIV infection. Online unter: www.cochrane.org (Zugriff: April 2018)
- Cochrane Collaboration (2018): Antidepressant drugs for treatment of depression in people living with HIV. Online unter: www.cochrane.org (Zugriff: April 2018)
- Cochrane Collaboration (2018): Does group therapy improve well-being in people living with HIV? Online unter: www.cochrane.org (Zugriff: April 2018)
- Deutsche AIDS-Gesellschaft e.V. (2018): Deutsch-Österreichische Leitlinien zur HIV-Präexpositionsprophylaxe. Online unter: www.daig.net (Zugriff: November 2020)
- Deutsche Gesellschaft für Tropenmedizin und Internationale Gesundheit e.V. (2018): Reisende mit Vorerkrankungen. Online unter: www.dtg.org (Zugriff: April 2018)
- Dynamed Plus (2018): Overview of HIV infection. Online unter: www.dynamed.com (Zugriff: April 2018)
- EUR-Lex (2018): DURCHFÜHRUNGSBESCHLUSS DER KOMMISSION vom 8. August 2012 zur Änderung der Entscheidung 2002/253/EG zur Festlegung von Falldefinitionen für die Meldung übertragbarer Krankheiten an das Gemeinschaftsnetz gemäß der Entscheidung Nr. 2119/98/EG des Europäischen Parlaments und des Rates. Online unter: www.eur-lex.europa.eu (Zugriff: April 2018)
- European Center for Disease Prevention and Control (2017): HIV/AIDS surveillance in Europe - 2016 data. Online unter: www.ecdc.europa.eu (Zugriff: Mai 2018)
- European Center for Disease Prevention and Control: Pre-Exposure Prophylaxis (PrEP). Online unter: www.ecdc.europa.eu
- Löscher, T., Buchard G.-D. (2010): Tropenmedizin. Stuttgart: Thieme Verlag. Online unter: www.who.int (Zugriff: Mai 2018)
- Österreichische AIDS-Gesellschaft (2017): Statement der Österreichischen AIDS Gesellschaft zum Einsatz von TDF/FTC (Truvada®) als präexpositionelle Prophylaxe (PrEP). Online unter: www.aidsgesellschaft.info (Zugriff: Mai 2018)
- Robert-Koch-Institut (2015): Talaromyces marneffei- (syn. Penicillium marneffei-) Mykose. Online unter: www.rki.de (Zugriff: April 2018)
- The Global Database on HIV related travel restrictions (2018). Online unter: www.hivtravel.org (Zugriff: April 2018)
- UNAIDS – Region Eastern Europe and Central Asia (2018): Data. Online unter: www.unaids.org (Zugriff: April 2018)
- UNAIDS (2017): UNAIDS Data 2017.Online unter: www.unaids.org (Zugriff: April 2018)
- UpToDate (2017): Administration of pre-exposure prophylaxis against HIV infection. Online unter: www.uptodate.com (Zugriff: Mai 2018)
- UpToDate (2018): Patient evaluation and selection for HIV pre-exposure prophylaxis. Online unter: www.uptodate.com (Zugriff: Mai 2018)
- WHO (2015): Guideline on when to start antiretroviral therapy and on pre-exposure prophylaxis for HIV. Online unter: www.who.int (Zugriff: Mai 2018)
- WHO (2016): Consolidated guidelines on the use of antiretoviral drugs for treating and preventing HIV infection – Recommendations for a Public Health approach. 2. Auflage.
- WHO (2017): Preventing HIV during pregnancy and breastfeeding in the context of PREP. Online unter: www.who.int (Zugriff: Mai 2018)
- WHO (2018): Fact sheet HIV/AIDS. Online unter: www.who.int (Zugriff: April 2018)
- WHO (2018): Fact sheet Zika virus. Online unter: www.who.int (Zugriff: April 2018)
- Zangerle, R. et al. (2019): HIV/AIDS in Austria - 34th Report of the Austrian HIV Cohort Study. Online unter: www.ages.at (Zugriff: November 2020)
Letzte Aktualisierung: 30. November 2021
Erstellt durch: Redaktion Gesundheitsportal
Expertenprüfung durch: Priv.-Doz. Univ.Prof. (SFPU) Dr. Alexander Zoufaly, Facharzt für Innere Medizin und Infektiologie, Facharzt für Innere Medizin