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Tastatur, Stethoskop und Reflexhammer © Thomas Berg

Tics und Tourette-Syndrom: Diagnose & Therapie

Ticstörungen und das Tourette-Syndrom sind in der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD) unter Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend klassifiziert. Die diagnostische Abklärung übernimmt eine (Kinder-)Psychiaterin/ein -Psychiater, eine (Kinder-)Psychologin/ein -Psychologe beziehungsweise eine (Kinder-)Neurologin/ein -Neurologe. Nicht immer ist eine medikamentöse Therapie notwendig.

Diagnose

Ticstörungen lassen sich laut ICD (International Classification of Diseases) wie folgt definieren:

  • Unwillkürliche, schnelle, sich wiederholende Bewegungen (nicht-rhythmisch) bestimmter Muskelgruppen, z.B. Blinzeln, Zucken mit den Schultern, Schneiden von Grimassen.
  • Plötzlich ausgestoßene Laute, die aus dem Zusammenhang gerissen sind, z.B. mehrmals gesagte Wörter, manchmal auch Schimpfwörter (Koprolalie) und auch eigens produzierte Laute oder Wörter (Palilalie).

Weiters erfolgt eine Einteilung in vorübergehende oder bestehende Tics sowie die Unterscheidung nach sprachlichen (Wörter) und motorischen (Bewegungen) Symptomen. Es erfolgt ggf. die Zuordnung zum Tourette-Syndrom. Klinisch ist die Erhebung der Krankengeschichte (Anamnese) und die Beobachtung der Tics relevant. Eine Bildgebung (z.B. MRT) oder ein EEG ist in den meisten Fällen nicht notwendig. Im Rahmen einer neurologischen Untersuchung können andere Erkrankungen ausgeschlossen werden. Zudem wird festgestellt, ob andere Krankheiten bestehen, die einer Behandlung bedürfen z.B. Zwangsstörungen oder ADHS. Der Schweregrad von Tics kann anhand von Selbst- und Fremdbeurteilungsskalen eingeschätzt werden. Videoaufnahmen helfen bei erschwerter Diagnosestellung.

Therapie einer Ticstörung

Empfohlen wird eine Behandlung vor allem in stark ausgeprägten Fällen sowie bei erheblichem Leidensdruck (psychisch sowie im sozialen Umfeld). Gemeinsam mit der behandelnden Ärztin/dem behandelndem Arzt wird festgelegt, welche Symptome vorwiegend gelindert werden sollen. Begleiterkrankungen werden entsprechend mit behandelt.

Medikamentöse Therapie

Medikamente können Symptome lindern, haben aber keinerlei Wirkung auf die Auslöser oder den Verlauf der Erkrankung. Sie können die Beschwerden zudem nicht gänzlich beseitigen. Bei einer Linderung um 50 Prozent spricht man bereits von einem Therapieerfolg. Im Kindesalter werden vor allem Neuroleptika der sogenannten zweiten Generation als Wirkstoffe der ersten Wahl eingesetzt. Diese beeinflussen den Stoffwechsel des Botenstoffs Dopamin. Die Wirkstoffe Aripiprazol oder Risperidon haben – niedrig dosiert – relativ geringe Nebenwirkungen. Bei schweren Ticerkrankungen und Therapieversagen dieser Medikamente empfiehlt sich das etwas ältere Neuroleptikum Pimozid. Erwachsene werden mit Aripiprazol, Risperidon oder mit Sulpirid (bei begleitenden Zwängen) behandelt.

Weitere Wirkstoffe wie Clonidin, Guanfecin, SSRI-Antidepressiva oder muskelentspannende Medikamente (zentrale Muskelrelaxantien, z.B. Benzodiazepine oder Baclofen) können bei Nichtansprechen auf die primäre Behandlung allein oder in Kombination in Erwägung gezogen werden. Stehen eine ADHS-Symptomatik oder aggressives Verhalten im Vordergrund, erfolgt eine Behandlung meist mit Atomoxetin. In sehr seltenen Fällen können ab dem 18. Lebensjahr auch Cannabinoide oder tiefe Hirnstimulation (Implantation einer Elektrode) in Erwägung gezogen werden.

Psychotherapie/Verhaltenstherapie

Derzeit wird vermutet, dass Spezialformen der Verhaltenstherapie z.B. das Habit-Reversal-Training bzw. die Comprehensive Behavioral Intervention (CBIT) nicht nur Symptome bekämpfen können. Diese Methoden haben auch das Potenzial, sich günstig auf den weiteren Krankheitsverlauf auszuwirken.

Das Habit-Reversal-Training setzt sich zusammen aus:

  • Entspannungs- und Wahrnehmungstraining,
  • Erlernen eines alternativen Verhaltens (andere Bewegung, anderer Laut etc.),
  • Übertragen dieses Verhaltens in Alltagssituationen.

Diese Therapieform macht sich ein Phänomen, von dem Betroffene oft berichten, zunutze: das sogenannte Vorgefühl. Dabei handelt es sich um eine etwa ab dem 10. Lebensjahr spürbare zunehmende Anspannung, die dem Tic unmittelbar vorausgeht. Dieses Vorgefühl ermöglicht es, dem Tic durch entsprechende Gegenbewegung vorzubeugen.

Bei der Comprehensive Behavioral Intervention wird das Habit-Reversal-Training um Funktionsanalyse, Psychoedukation und Achtsamkeitstraining erweitert. Etwa 50 Prozent Symptomlinderung können durch Verhaltenstherapie erreicht werden. Auch Bio- oder Neurofeedback unterstütztes Entspannungstraining hat einen günstigen Einfluss auf die Ticsymptomatik.

Was können Eltern tun?

Wurde eine Ticstörung diagnostiziert, ist es wichtig, dass Eltern in die Therapie mit einbezogen werden. Sie können helfen, Belastungssituationen zu entlarven und zu entschärfen. Eine gute Beziehung zum Kind und Unterstützung im selbstbewussten Umgang mit der Erkrankung („Ach, das ist bloß mein Tic!“) hat positive Auswirkungen auf die Lebensqualität der Betroffenen. Austausch in einer Selbsthilfegruppe kann hilfreich sein. Achten Sie darauf, dass sich nicht immer alles um die Erkrankung dreht!

Wohin kann ich mich wenden?

Erste Ansprechpartner sind spezialisierte (Kinder- und Jugend-)Psychiaterinnen/-Psychiater oder Neurologinnen/Neurologen. Hilfestellung zur Suche finden Sie unter Arztsuche. Selbsthilfegruppen dienen als weitere wichtige Ansprechstellen sowie Informationsvermittler für Betroffene und Angehörige. Diese finden Sie unter Suche nach Selbsthilfegruppen.

Wie erfolgt die Abdeckung der Kosten?

Alle notwendigen und zweckmäßigen Therapien werden von den Krankenversicherungsträgern übernommen. Grundsätzlich rechnet Ihre Ärztin/Ihr Arzt bzw. das Ambulatorium direkt mit Ihrem Krankenversicherungsträger ab. Bei bestimmten Krankenversicherungsträgern kann jedoch ein Selbstbehalt für Sie anfallen (BVA, SVA, SVB, VAEB). Sie können allerdings auch eine Wahlärztin/einen Wahlarzt (d.h. Ärztin/Arzt ohne Kassenvertrag) oder ein Privatambulatorium in Anspruch nehmen. Nähere Informationen finden Sie unter Kosten und Selbstbehalte. Informationen zu Kosten bei einem Spitalsaufenthalt finden Sie unter Was kostet der Spitalsaufenthalt?.

Bei Inanspruchnahme einer Psychotherapie ist eine volle Kostenübernahme in eigenen bzw. vertraglich gebundenen Einrichtungen der Krankenversicherungsträger möglich sowie in Institutionen, die von der öffentlichen Hand subventioniert werden. Es besteht in diesen Fällen die Möglichkeit, dass ein Selbstbehalt zu leisten ist. Ansonsten haben Sie die Möglichkeit, einen Antrag auf Kostenzuschuss durch die Krankenversicherung zu stellen, wenn Sie eine Psychotherapie bei einer niedergelassenen Psychotherapeutin/einem niedergelassenen Psychotherapeuten machen. Wird dieser genehmigt, erstattet Ihnen der Krankenversicherungsträger einen Teil des an die Psychotherapeutin/den Psychotherapeuten bezahlten Honorars zurück.

Die klinisch-psychologische Diagnostik ist eine Leistung des Gesundheitswesens, deren Kosten von den Krankenversicherungsträgern übernommen werden. Die Kosten für die Behandlung oder Beratung bei niedergelassenen klinischen Psychologinnen/klinischen Psychologen müssen Sie, da es sich um keine Leistung der Krankenversicherung handelt, selbst tragen. 

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