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Symbolfoto Stress in der Arbeit © Kaspars Grinvalds

Psychosomatik: Was ist das?

Psychosomatik beschäftigt sich mit der Wechselwirkung von Körper und Seele. Sie untersucht, wie sich psychische Einflüsse auf den Körper auswirken und körperliche Erkrankungen psychische Prozesse beeinflussen. Auch Forschungen bestätigen die Einflüsse, die Psyche und Körper aufeinander nehmen.

Wie sich Körper und Seele beeinflussen

Werden z.B. seelische Überbelastungen nicht ausgeglichen, kann es zu Erkrankungen oder Funktionsstörungen von Organen kommen. Aber auch „körperliche“ Erkrankungen wie z.B. Krebs, ein Schlaganfall oder eine HIV-Infektion können das Seelenleben stark beeinflussen.

Der Vorreiter der Psychosomatik Thure von Uexküll führte den Begriff des „biopsychosozialen Systems“ ein. Er betonte, dass alle Erkrankungen in Zusammenhang mit biologischen (organischen und körperlichen) Funktionen und psychischen/seelischen Funktionen stehen. Daneben spielen auch Beruf, Wohnverhältnisse und andere soziale Bedingungen eine große Rolle. Nach dem Neurowissenschafter Antonio Damasio bilden Psyche, Geist und Körper mit motorischen und vegetativen (unwillkürlichen) Reaktionen eine Einheit. Alle Erfahrungen eines Menschen werden nach seiner Auffassung in sogenannten „Nervenzellnetzwerken“ abgespeichert. Demnach spiegeln sich Konflikte oder Traumatisierungen nicht nur psychisch, sondern auch körperlich wider.  

Wissenschaftliche Erklärungsmodelle

Die Neurowissenschaften beschäftigen sich unter anderem damit, dass allen Lernprozessen eine Veränderung von Verbindungen im Nervensystem zugrunde liegt. Man spricht von neuronaler Plastizität. Eric Kandel, der berühmte Nobelpreisträger, meinte sogar, dass sich Verknüpfungen im Gehirn verändern, wenn zwei Menschen miteinander sprechen und sich dieses Gespräch merken – so wie dies auch bei einer Psychotherapie der Fall ist.

Der Forschungszweig der Psychoneuroimmunologie hat es sich zum Ziel gemacht, Zusammenhänge zwischen Psyche und Körper, speziell dem Immunsystem, zu ergründen. Unser Gehirn kann die Abwehrkräfte über Sympathikus und Vagus (Teile des unwillkürlichen Nervensystems), aber auch über Hormone (z.B. Kortisol) beeinflussen. Kortisol kann beispielsweise das Immunsystem bei Stress oder bei schweren Depressionen hemmen. Dadurch erhöht sich die Infektanfälligkeit.

Diese und andere Ergebnisse der Forschung bestätigen den Zusammenhang zwischen Körper und Seele.

Entstehung von psychosomatischen Erkrankungen

Der Prozess, der zur Entstehung von psychosomatischen Beschwerden führt, ist vielschichtig. Genetische, biologische, soziale und psychische Aspekte beeinflussen deren Entstehung. Folgende Theorien versuchen, den Entstehungsmechanismus von psychosomatischen Krankheitsbildern zu erklären.

Die Konversionstheorie

Konversion bedeutet „Verdrehung“. Man spricht von einem Konversionssymptom, wenn ein innerer wichtiger Wunsch nicht gelebt werden kann – ja sogar teilweise nicht einmal gedacht werden darf, weil es Verbote von außen und innen gibt. So bildet sich ein unbewusster Konflikt. Dieser wird ins Körperliche verlagert („verdreht“) und bildet Symptome, wie z.B. Schmerzen, nicht organisch erklärbare Erkrankungen oder Lähmungen.

Die vegetative Neurose

Die Theorie der vegetativen Neurose ist mittlerweile überholt, jedoch sind folgende Erkenntnisse weiterhin Grundlage der Psychosomatik:

Gefühle wie Angst, Wut oder Enttäuschung gehen mit Reaktionen des unwillkürlichen Nervensystems (vegetatives Nervensystem) einher. Es kommt zu Herzklopfen, Schwitzen, Erhöhung des Blutdrucks etc. Das sind Reaktionen des Körpers, die evolutionsgeschichtlich sehr alt und wichtig sind, um auf die Anforderungen der Umgebung zu reagieren. Parallel dazu ist es von Bedeutung, Gefühle zuzulassen, damit sich kein „Gefühlstau“ bildet. Es ist nicht gut, seine Emotionen in sich „hineinzufressen“. Nähere Informationen finden Sie unter Tipps für den Umgang mit Gefühlen.

In der Psychotherapie wird etwa versucht, eine neue Betrachtungsweise zu ermöglichen – die Gefühle wieder mit den vegetativen Reaktionen in Verbindung zu bringen und sie der Patientin/dem Patienten bewusst zu machen. Manchmal können negative Emotionen auch in positive Gefühle umgewandelt und dadurch unterbrochen werden (z.B. indem man nicht nur den Nachteil, sondern auch den Vorteil einer gewissen Situation betrachtet).

Die De- und Resomatisierungstheorie

Dieses Modell vertritt die These, dass im Laufe der kindlichen Entwicklung verschiedene Organsysteme im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Bereits Sigmund Freud ordnete z.B. den ersten Säuglingsmonaten die oral-dermatale Phase zu (Mund und Haut stehen dabei im Mittelpunkt).

Wird diesen Organsystemen auch Beachtung von außen geschenkt, werden positive Erlebnisse damit verknüpft (z.B. sanfte Babymassagen in der oral-dermatalen Phase). Dies wirkt unterstützend auf die kindliche Entwicklung. Die Organsysteme zum Zeitpunkt der jeweiligen Phase stehen für mehr als nur beispielsweise Essen oder Trinken. Sie stehen auch für Emotionen und Nähe. Man geht davon aus, dass jene Werte, die entwicklungsgeschichtlich zu Beginn liegen, wie z.B. Liebe und Zuneigung, die Basis für spätere Anforderungen des Lebens sind (z.B. Leistungsbereitschaft).  

Die Stresstheorie

Bis heute existiert kein allgemein akzeptiertes Stressmodell. Laut dem „Vater“ der Stresstheorie, Hans Selye, gibt es zwei Arten von Stress:

  • Eustress (Herausforderung, Muntermacher, gesteigerte Leistungsfähigkeit und Kreativität etc. – „positiver“ Stress),
  • Distress (Bewältigungsmechanismen sind erschöpft oder überfordert – „negativer“ Stress).

Nach dem heutigen Verständnis gibt es aber nur eine Art von Stress. Ob er angenehm oder unangenehm ist, hängt davon ab,

  • wie lange der Stress dauert,
  • wie stark er ist und
  • ob der Stress mit einer Situation oder Aufgabe verbunden ist, bei der die betroffene Person glaubt, diese bewältigen zu können.

Erfolgen bei Dauerstress keine Gegenmaßnahmen, wie etwa Entspannung, Änderung der Situation, Konfliktlösung etc., schüttet der Körper kontinuierlich Kortisol aus. Dieser Stress kann krank machen. Beispiele, die zur ständigen Kortisolausschüttung führen können, sind unlösbare Konflikte, Überforderung am Arbeitsplatz oder in der Schule, familiäre Probleme und vieles mehr. In dieser Phase kann es passieren, dass sich Menschen zurückziehen und Depression, Burnout oder andere Erkrankungen entstehen. Auch das Immunsystem wird durch andauernden Stress geschwächt.

Sonstige Faktoren, die psychosomatische Krankheiten begünstigen können, sind Armut, fehlende oder übersteigerte Selbstliebe/-annahme oder mangelnde Abgrenzung, Einnehmen einer Opferrolle, Mangel an Problemlösungsbereitschaft etc.

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