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Schwangere Frau mit ihrem Mann im Kreißsaal © Kzenon

Werdende Väter: Bei der Geburt dabei sein oder nicht?

Viele Männer begleiten heutzutage ihre Partnerin bei der Geburt des gemeinsamen Kindes. Sie wollen ihr eine liebevolle Stütze sein und dieses unvergessliche Ereignis gemeinsam erleben. Manche sind dabei, weil sie glauben, dass „Mann“ das heutzutage einfach muss. Andere Männer möchten lieber vor dem Kreißsaal auf die Ankunft ihres Sprösslings warten, ganz wie es früher üblich war. Egal, welche Entscheidung getroffen wird – in jedem Fall ist es wichtig, dass sich Paare gemeinsam genügend Zeit dafür nehmen . . .

Unterschiedliche Wahrnehmungen

Viele Väter berichten von der Geburt ihres Kindes oft als dem bewegendsten Ereignis ihres Lebens. Vom Anfang bis zum glücklichen Ende dabei gewesen zu sein, habe sie Frau und Kind in besonderer Weise nahegebracht. Oft sind sie stolz auf die Kraft und Leidensfähigkeit ihrer Partnerin und in der Erinnerung tief berührt.

Für manchen Vater ist die Geburt jedoch ein nachhaltig verstörendes Erlebnis. Vielleicht, weil er eine schwere, komplikationsreiche Geburt miterleben musste, deren unvorhergesehener Verlauf ihn regelrecht überrollt hat. Vielleicht hatte er eine unrealistische Vorstellung von dem furiosen Akt der Geburt eines Kindes. Möglich, dass er Dinge zu sehen bekam, die er nicht sehen wollte, dass ihn die Schmerzen der Partnerin überwältigten, weil er nichts dagegen tun konnte und sich deshalb hilflos und geradezu schuldig gefühlt hat.

Gründe dafür und dagegen

Es gibt viele gute Gründe für werdende Väter, bei der Geburt ihres Kindes dabei zu sein. Beispielsweise ist im Spital eine Eins-zu-eins-Betreuung der Gebärenden nur selten möglich. Der Mann ist der einzige vertraute Mensch, der ohne Unterbrechung bei der Frau sein kann und ihr das Gefühl gibt, in dieser Ausnahmesituation nicht allein zu sein. Speziell bei einer Hausgeburt vermittelt die Anwesenheit des werdenden Vaters ein Gefühl von Sicherheit. Viele Frauen sagen, der Beistand ihres Partners sei außerordentlich wichtig gewesen, auch wenn er meist nicht mehr tun konnte, als einfach „nur“ da zu sein.

Oft wünschen Paare sich das gemeinsame Erlebnis als symbolträchtige „Geburtsstunde“ ihrer neuen Familie. Es soll ein Ausdruck ihrer Zusammengehörigkeit sein. Und in der Tat: Die Geburt verbindet ein Paar oft auf ganz innige Weise.

Andererseits lassen sich auch gute Gründe dafür anführen, dass ein Paar oder ein werdender Vater sich gegen ein gemeinsames Geburtserlebnis entscheidet, und der Mann lieber vor dem Kreißsaal wartet, bis ihm die Hebamme das Neugeborene in die Arme legt. Vielleicht finden er und seine Partnerin, dass eine Geburt alleinige Frauensache ist. Vielleicht fühlt die Frau sich mit einer Wahlhebamme, der Mutter oder einer geburtserfahrenen Freundin ungehemmter und sicherer. Oder es wissen beide aus Erfahrung, dass sie in Stress-Situationen nicht immer ein gutes Team sind.

Gesellschaftlichen Druck hinterfragen

Manche Väter berichten später, in ihrer Entscheidung nicht ganz frei gewesen zu sein. Dass der werdende Vater die Geburt zu begleiten hat, ist ein gesellschaftlicher Standard geworden, dessen Nichterfüllung oftmals gerechtfertigt werden muss: Stimmt vielleicht in der Beziehung etwas nicht? Ist er nicht Manns genug, der Frau in diesen schweren Stunden beizustehen? Wie soll aus ihm ein guter Vater werden, wenn er sich jetzt schon drückt?

Unter solchen Bedingungen in Ruhe darüber nachzudenken, ob man ein guter Geburtsbegleiter wäre, wird einem noch unentschiedenen Mann nicht leichtfallen. Auch eine Schwangere, die überlegt, ob sie lieber jemand anderen mitnehmen möchte, ist kaum frei in ihrer Entscheidung.

Der gesellschaftliche Druck verhindert manchmal, dass sich in dieser Frage unsichere Paare innerlich ausreichend auf die Geburt vorbereiten. Um keinen Konflikt heraufzubeschwören oder keine heimlichen Ängste zu aktivieren, werden Befürchtungen und Bedenken ausgeblendet und Gespräche darüber vermieden. So bleibt nur die Hoffnung, es möge schon irgendwie gutgehen. Glücklicherweise ist dies auch fast immer der Fall, denn die geburtshilflichen Teams in den Spitälern und Geburtshäusern leisten ausgezeichnete Arbeit. Trotzdem kommt es vor, dass ein verunsichertes Paar gerade bei einer schweren Geburt von regelrechten Panikattacken heimgesucht wird. Studien zeigen: Die Gefahr, von dem Geburtserlebnis traumatisiert zu werden, steigt, wenn der Mann nicht wirklich freiwillig dabei ist und die Gebärende sich nicht ausreichend geborgen fühlt.

Gute Vorbereitung

Gelingt es werdenden Eltern, die Qualität ihrer Beziehung nicht von der Frage der Geburtsbegleitung abhängig zu machen, kann der Blick auf mögliche Alternativen frei werden: Ein gutes Verhältnis der Gebärenden zur betreuenden (Wahl-)Hebamme vorausgesetzt, kann etwa vereinbart werden, dass der Mann den Geburtsraum verlässt, wann immer er möchte – sei es kurz vor der Austreibungsphase oder wenn es ihm „zu viel" wird. Oder der Mann teilt sich die Geburtsbegleitung mit einer Vertrauensperson der Frau.

Werdende Väter sollten sich klarmachen, dass sie bei der Geburt nicht bloß Zuschauer, Motivator und Händchenhalter sind. Sie werden ein wesentlicher Teil des Geburtsgeschehens sein und dieses auf eine ganz eigene Weise erleben. Dabei sein bedeutet, sich auf ein Ereignis einzulassen, dessen Verlauf nur begrenzt kontrollierbar ist. Wichtig ist auch, dass der begleitende Vater während der oft langen Geburtsphase auf sich selbst schaut und z.B. nicht vergisst, ausreichend zu essen und zu trinken.

Gut vorbereitet spricht jedoch nichts dagegen, dass auch hochdramatische Geburten glücklich enden und sowohl von der Mutter als auch vom Vater gut bewältigt werden. Deshalb sollten werdende Väter einen Geburtsvorbereitungskurs besuchen, bei dem auch ihre Fragen und Bedürfnisse vor, während und nach der Geburt zur Sprache kommen.

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