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Symbolfoto Gewalt © sdecoret

Das psychische Trauma & seine Folgen

Der Begriff Trauma (Mehrzahl Traumata) findet in den letzten Jahrzehnten zunehmend Verwendung, allerdings in unterschiedlicher Weise. In der Fachsprache wird der Ausdruck verwendet für: akute schwere Verletzung (z.B. Polytrauma nach schwerem Verkehrsunfall) und psychische Ausnahmesituation („Psychotrauma“) ausgelöst durch überwältigende Ereignisse (z.B. Gewalttat, Krieg oder Katastrophe), die eine Bedrohung für das Leben oder die körperliche Unversehrtheit des Betroffenen oder einer geliebten Person darstellt.

Über der Grenze des Belastbaren

Unterschiedlichste schreckliche Geschehnisse können traumatisierend wirken. Ein Trauma geschieht unerwartet – eine Vorbereitung ist daher nicht möglich. Betroffene Menschen sind Erfahrungen von extremer Angst, Kontrollverlust und Ohnmacht ausgesetzt. Die meisten Menschen sind zunächst kaum in der Lage, solche Situationen extremer Hilflosigkeit zu verarbeiten. Die Bewältigungsmechanismen reichen nicht aus, um mit einer derartigen Situation umgehen zu können – wörtlich stürzt eine Welt zusammen. In großen Stresssituationen hat der Mensch instinktiv den Impuls, entweder zu fliehen oder zu kämpfen. Ist beides nicht möglich, ist der Mensch in einer ausweglosen Situation.

Ob ein Ereignis tatsächlich im Sinne einer Traumatisierung erlebt wird, hängt auch von der jeweiligen Person und den Umständen des Traumas (Dauer, Intensität etc.) ab. Wird jemandem Schaden von einem nahestehenden Menschen zugefügt (z.B. aus Familie bzw. Freundeskreis), hinterlässt dies besonders tiefe Spuren, da dies einen massiven Vertrauensbruch darstellt. Üblicherweise wird mit Traumata, die durch andere Menschen, vielleicht sogar durch Vertrauenspersonen, verursacht werden, anders umgegangen als etwa mit Naturkatastrophen.

Gewisse Umstände und Eigenschaften wirken wie ein „Schutzschild“ gegenüber traumatischen Einflüssen. Dazu gehören etwa gute Bindung an andere Menschen, sozialer Rückhalt und Selbstwirksamkeit. Dies bedeutet, dass sich ein Mensch frei fühlt, über seine Handlungen zu entscheiden, und daran glaubt, seine Vorhaben gut in die Tat umsetzen zu können. Selbstwirksamkeit bedeutet somit Kontrolle über das eigene Leben und über Ereignisse in der eigenen Umwelt. „Frau/Herr über sein Leben sein“ und sich nicht hilflos fühlen. Doch in massiven Fällen stößt dieser Schutz an seine Grenzen. Das ist vollkommen normal und hat nichts mit fehlender Stärke zu tun.

Reaktionen von Körper und Seele

Stress ist biologisch sinnvoll. Extremer und dauerhafter Stress wirken sich jedoch nachteilig auf Körper und Seele aus. Nähere Informationen finden Sie unter Auswirkungen von Stress auf Körper und Psyche. Im Falle eines Traumas handelt es sich um Extrembelastungen, die auch im Gehirn Spuren hinterlassen können. In akuten, massiven Belastungssituationen ist das stressverarbeitende System überfordert. Als Folge können Betäubung und Erstarrung auftreten.

Hält die extreme Stressreaktion an, kommt es zur negativen Auswirkung auf die Informationsverarbeitung. Die Informationen können nicht mehr zum sogenannten Hippocampus weitergeleitet werden. Dieser ist eine Struktur im Gehirn, in der entschieden wird, welche Erfahrungen für uns wichtig sind, und die dann für den „Transport“ dieser wichtigen Inhalte in die Großhirnrinde – den Langzeitgedächtnisspeicher – zuständig ist. Dort wird die Erfahrung kognitiv eingeordnet und man kann daraus lernen. Die Störung im Hippocampus führt dazu, dass die Speicherung des traumatischen Erlebnisses im Gedächtnis unmöglich wird, Lernen wird unmöglich. In der Nähe des Hippocampus liegen die „Mandelkerne“ (Amygdalae; Einzahl: Amygdala). Dort werden Gefühle gespeichert, die mit einer bestimmten Erfahrung verknüpft sind (negativ wie positiv).

Belastende Erinnerungslücken

Die mit dem Trauma in Verbindung stehenden Sinneseindrücke, körperlichen Zustände und Gefühle werden in den Mandelkernen gespeichert. Sie zerfallen wie die Splitter eines zerbrochenen Spiegels in viele Einzelteile und können daher nicht mehr als sinnvolles Ganzes wahrgenommen und zugeordnet werden und aus diesem Grund auch nicht als zukünftig nutzbare Lernerfahrung in die Persönlichkeit integriert werden. Die Reizschwelle gegenüber potenziell bedrohlichen Außenreizen ist deutlich erniedrigt. Die Fragmente beginnen ein Eigenleben und können auf allen Sinneskanälen als sogenannte Intrusionen (innere Bilder des traumatischen Erlebnisses) wiederkehren. Sie überlagern die aktuelle Realität. In solchen Situationen werden zusätzlich einzelne Hirnfunktionen unterdrückt, z.B. ist das Broca’sche Sprachzentrum nicht mehr arbeitsfähig. Damit fehlen die Worte, um das Erlebte auszudrücken. Der Mensch fühlt sich wie in einem permanenten Horrorfilm.

Das Zusammenspiel von teilweisem Erinnern, Erinnerungslücken und immer wieder auftauchenden Bildern und Gefühlen stellt für Betroffene eine große Belastung dar. Schlafstörungen, Albträume, Gefühlseinschränkungen (z.B. nicht lieben oder nicht weinen können), Reizbarkeit sowie große Angst um sich und die eigene Gesundheit können auftreten. Das plötzliche imaginative Wiedererleben des Traumas wird auch Flashback genannt. Flashbacks treten auch in anderen Zusammenhängen auf, z.B. nach Drogeneinnahme

Bei Betroffenen wechselt der Wunsch, sich immer wieder mit dem Ereignis auseinanderzusetzen, mit dem Gefühl, nicht darüber sprechen zu wollen. Daraus folgend versucht der Mensch unter Umständen alles zu vermeiden, was sie/ihn an das Trauma erinnern könnte. Alle diese Reaktionen rund um das Trauma können als Verarbeitungsversuch verstanden werden. Man versucht, sich vor Überwältigung zu schützen. Im weitesten Sinne dienen sie dem Überleben. Es sind normale Reaktionen auf eine außergewöhnliche Situation.

Krieg, Folter und Flucht

Nicht jeder Flüchtling ist traumatisiert. Doch Traumata sowie Traumafolgestörungen treten bei Menschen, die flüchten mussten, sehr häufig auf. Im Gegensatz zu Naturkatastrophen, wiegt ein sogenanntes „Man-made disaster“ (durch Menschen verursachtes Desaster) wie etwa Krieg in der Psyche von Betroffenen wesentlich schwerer. Das Gemeinschaftsgefühl fehlt, das Vertrauen zueinander ist erschüttert, jegliche Zukunft scheint ungewiss. Institutionen wie ESRA oder Hemayat haben sich auf die Behandlung von traumatisierten Flüchtlingen spezialisiert

Aktueller Hinweis für Einsatzkräfte oder z.B. Flüchtlingshelferinnen/-helfer

Ein Drittel der Menschen, die traumatische Erlebnisse hatten, entwickelt Traumafolgeerscheinungen, z.B. eine posttraumatische Belastungsstörung. Achten Sie auf Warnsignale und ziehen Sie gegebenenfalls Fachpersonal (vor allem aus den Bereichen Psychologie, Psychotherapie und Psychiatrie) hinzu. Schauen Sie zudem auch auf sich selbst und tauschen Sie sich untereinander, z.B. in einer Supervision, aus. Das oft unfassbare Leid von Betroffenen kann auch Helferinnen/Helfern sehr an die Substanz gehen. Nähere Informationen finden Sie unter Akute und posttraumatische Belastungsreaktion.

Rechtzeitige Hilfe und Unterstützung

Psychische Traumata können akute Belastungsreaktionen, posttraumatische Belastungsstörungen sowie anhaltende Persönlichkeitsveränderungen nach sich ziehen. Auch weitere psychische Störungen sowie Erkrankungen können Folge traumatischer Erfahrung sein (z.B. Suchterkrankungen, Depression, dissoziative Störungen, Suizidgefahr etc.). Daher ist es wichtig, im Falle eines Auftretens von Psychotrauma-Symptomen professionelle Hilfe zu suchen. Ein frühzeitiges Hilfsangebot – unmittelbar nach dem Ereignis (möglichst noch vor Ort) – hilft bei der Bewältigung und setzt das Risiko für die Entwicklung späterer Traumafolgestörungen herab. Dieses Angebot sollte sich jedoch flexibel an den Bedürfnissen der Betroffenen orientieren. Ist das Trauma sehr schwerwiegend oder ist die/der Betroffene sehr beeinträchtigt, sollte anschließend an die Erstintervention eine Krisenintervention in Anspruch genommen werden. Dabei wird akut geholfen, die belastende Situation zu bewältigen. Gelingt dies nicht in ausreichendem Maß, gibt es spezielle Therapieformen, um in weiterer Folge das Ereignis aufzuarbeiten bzw. mit ihm zurechtzukommen.

Ziel jeder Unterstützung nach akuter Traumatisierung ist es, das Trauma in einen Gesamtzusammenhang zu bringen, um zu der Erkenntnis zu gelangen: „Es war schrecklich, aber ich habe es überstanden.“

Tipp Wie Sie in psychischen Notfällen handeln sollten, erfahren Sie unter So leisten Sie Erste Hilfe für die Psyche.

Posttraumatisches „Wachstum“

Traumatisierung kann – so erstaunlich es klingen mag – in manchen Fällen auch positive Folgen (posttraumatisches Wachstum) nach sich ziehen. Hierbei spielt die seelische Widerstandskraft (Resilienz) eine Rolle. Das bedeutet jedoch keinesfalls, dass jede/jeder „gestärkt“ aus einem Trauma hervorgehen soll bzw. muss. Auch sollte man posttraumatisches Wachstum nicht mit uneingeschränktem Wohlbefinden verwechseln. Schreckliche Erfahrungen sollen dadurch auch nicht verharmlost werden. Sie bleiben furchtbar. Dieses Konzept darf auch in keinem Fall als Entschuldigung für Täterinnen/Täter herangezogen werden.

Forschungen haben ergeben, dass Betroffene folgende positive Reaktionen durchleben können, beispielsweise:

  • sich im Lauf der Zeit ihrer eigenen Stärken bewusst werden,
  • neue Möglichkeiten im Leben entdecken,
  • negative Beziehungen abbrechen, positive intensivieren,
  • das Leben intensiver wertschätzen.

Professionelle Unterstützung z.B. durch Psychotherapie kann helfen, das Leid erträglicher zu machen und das Leben mit Wachstum und Sinn zu füllen.

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