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Symbolfoto Gewalt © sdecoret
Symbolfoto Gewalt © sdecoret

Seelisches Trauma: Was ist das?

Der Begriff Trauma (Mehrzahl Traumata) bedeutet psychische Ausnahmesituation („Psychotrauma“). Ausgelöst durch überwältigende Ereignisse (z.B. Gewalttat, Krieg oder Katastrophe), die eine Bedrohung für das Leben oder die körperliche Unversehrtheit des Betroffenen oder einer nahestehenden Person darstellt. Nicht immer muss das traumatische Ereignis außerhalb normaler menschlicher Erfahrungen liegen.

Auch Unfälle (z.B. beim Sport oder im Straßenverkehr) können sich etwa traumatisierend auswirken. In der medizinischen Fachsprache wird der Begriff Trauma übrigens auch für akute schwere Verletzungen des Körpers (z.B. Polytrauma nach schwerem Verkehrsunfall) verwendet. 

Welche Ursachen hat ein seelisches Trauma?

Unterschiedlichste schreckliche Geschehnisse können traumatisierend wirken. Ein Trauma geschieht unerwartet – eine Vorbereitung ist daher nicht möglich. Betroffene Menschen sind Erfahrungen von extremer Angst, Kontrollverlust und Ohnmacht ausgesetzt. Die meisten Menschen sind zunächst kaum in der Lage, solche Situationen „extremer“ Hilflosigkeit zu verarbeiten. Die Bewältigungsmechanismen reichen momentan nicht aus, um mit einer derartigen Situation umgehen zu können – wörtlich stürzt eine Welt zusammen. In großen Stresssituationen hat der Mensch instinktiv den Impuls, entweder zu fliehen oder zu kämpfen. Ist beides nicht möglich, erscheint die Situation ausweglos.

In Summe gibt es noch viel Forschungsbedarf zu diesem Thema. Verschiedene Ansätze versuchen zu erklären, warum es nach einem traumatischen Ereignis bei manchen Menschen zu einer Traumafolgestörung kommt und bei anderen nicht und was ein Trauma eigentlich ausmacht. Es scheint einen direkten Zusammenhang zwischen der Schwere des traumatischen Ereignisses und dem Auftreten und der Schwere einer Traumafolgestörung zu geben. Die individuelle Lebenssituation und ihre Rahmenbedingungen dürften eine wesentliche Rolle spielen. Biologische, psychische sowie soziale Faktoren spielen mit traumaspezifischen Umständen zusammen.

Untersuchungen zeigten, dass Einflüsse vor und rund um die Geburt sowie auch spätere Lebensumstände genetische Faktoren beeinflussen können. Das nennt man Epigenetik. Vieles ist jedoch in diesem Bereich noch unklar. Epigenetik könnte eine Erklärung dafür sein, warum Traumafolgen über Generationen hinweg wirken können (z.B. Kriegstraumata). 

Welche Risiko- & Schutzfaktoren gibt es?

Ob ein Ereignis tatsächlich im Sinne einer Traumatisierung erlebt wird, hängt auch vom Erleben der jeweiligen Person und den Umständen des Traumas ab. Wird jemandem Gewalt von einem nahestehenden Menschen zugefügt (z.B. aus der Familie bzw. dem Freundeskreis), hinterlässt dies besonders tiefe Spuren, da es einen massiven Vertrauensbruch darstellt. Auch das Vorliegen von bereits vorbestehenden psychischen Störungen oder Erkrankungen (z.B. Angsterkrankungen) oder früherer Traumatisierungen (besonders in der Kindheit) erhöhen das Risiko an einer Traumafolgestörung zu erkranken. Hohe wahrgenommene Bedrohung, Selbstaufgabe, fehlende soziale Unterstützung sowie körperliche Verletzung/Schmerzen, intensive Gefühle von Scham und eigener Schuldzuweisung erhöhen ebenfalls das Risiko.

Gewisse Umstände und Eigenschaften wirken hingegen wie ein „Schutzschild“ gegenüber traumatischen Einflüssen. Dazu gehören etwa gute Bindungen an andere Menschen, sozialer Rückhalt, Schutz vor weiteren Belastungen und Selbstwirksamkeit. Dies bedeutet, dass sich ein Mensch frei fühlt, über seine Handlungen zu entscheiden, und daran glaubt, seine Vorhaben gut in die Tat umsetzen zu können. Selbstwirksamkeit bedeutet somit Kontrolle über das eigene Leben und über Ereignisse in der eigenen Umwelt zu haben. „Frau/Herr über sein Leben sein“ und sich nicht hilflos zu fühlen. Doch bei schwerwiegenden traumatischen Erlebnissen stößt dieser Schutz an seine Grenzen. Das ist vollkommen normal und hat nichts mit fehlender Stärke zu tun. Auch das sogenannte Kohärenzgefühl kann unterstützend sein. Dieses ist eine Lebenseinstellung, die mit dem Gefühl der Zuversicht, Verständnis für Zusammenhänge, Selbstwirksamkeit und Sinnempfinden einhergeht.

Wie reagieren Psyche & Körper auf ein Trauma?

Stress ist biologisch sinnvoll. Extremer und dauerhafter Stress wirken sich jedoch nachteilig auf Körper und Seele aus. Nähere Informationen finden Sie unter Stress: Auswirkungen auf Körper & Psyche. Im Falle eines Traumas handelt es sich um Extrembelastungen, die auch im Gehirn Spuren hinterlassen können. In akuten, massiven Belastungssituationen ist das stressverarbeitende System überfordert. Als Folge können die typischen sogenannten peritraumatischen Symptome auftreten. Dazu zählen etwa  ständiges Wiedererleben des Traumas, Albträume, allgemeine Alarmiertheit, massive Angst oder Betäubung und Erstarrung. Dies ist zunächst eine normale Reaktion auf ein außergewöhnliches Ereignis.

Neurobiologische Vorgänge und die Stressregulation spielen dabei eine wichtige Rolle. So zeigen sich etwa nach Kriegserlebnissen, Unfällen, zivilen Katastrophen, Gewalttaten und kindlichen Traumata Veränderungen im Gehirnstoffwechsel manchmal sogar Strukturveränderungen des Hirns. Durch die übermäßige Ausschüttung von Stresshormonen und die stärkere Aktivierung des sympathischen Nervensystems (z.B. erhöhter Puls, hoher Stresshormonspiegel, Schlafschwierigkeiten) zu einer körperlichen Übererregtheit. Dies wirkt sich auch auf die Gedächtnisleistung aus.

Hält die extreme Stressreaktion an, kommt es zur negativen Auswirkung auf die Informationsverarbeitung. Unter anderem im Bereich des sogenannten Hippocampus. Dieser ist eine Struktur im Gehirn in der die Wichtigkeit von Erfahrungen bewertet wird und die dann für den „Transport“ als wichtig bewerteter Inhalte in die Großhirnrinde sorgt. Dort wird die Erfahrung

kognitiv eingeordnet und man kann daraus lernen. Bildgebende Verfahren mittels MRT konnten zeigen, dass die Hippocampus-Region bei chronischer Posttraumatischer Belastungsstörung ein vermindertes Volumen zeigen kann. Dies ist jedoch nicht immer der Fall.

Trauma & Gedächtnis

Eine durch das Trauma ausgelöste Störung im Hippocampus kann dazu führen, dass die Speicherung des traumatischen Erlebnisses im Gedächtnis unmöglich wird (vor allem im Kurzzeitgedächtnis), Lernen wird schwierig. In der Nähe des Hippocampus liegen die „Mandelkerne“ (Amygdalae; Einzahl: Amygdala). Dort werden Gefühle gespeichert, die mit einer bestimmten Erfahrung verknüpft sind (negativ wie positiv). Es wird vermutet, dass bei Traumafolgestörungen eine Übererregung der Amygdalae stattfindet.

Die mit dem Trauma in Verbindung stehenden Sinneseindrücke, körperlichen Zustände und Gefühle werden also in den sogenannten Mandelkernen im Gehirn gespeichert. Sie zerfallen mitunter bei/nach einem Trauma wie die Splitter eines zerbrochenen Spiegels in viele Einzelteile und können daher nicht mehr als sinnvolles Ganzes wahrgenommen bzw. zugeordnet werden. So können sich auch nicht als zukünftig nutzbare Lernerfahrung in die Persönlichkeit integriert werden.

Diese Fragmente beginnen ein Eigenleben und können auf allen Sinneskanälen als sogenannte Intrusionen (innere Bilder des traumatischen Erlebnisses) wiederkehren. Sie überlagern die aktuelle Realität. In solchen Situationen werden zusätzlich einzelne Hirnfunktionen unterdrückt, z.B. ist das Broca’sche Sprachzentrum nicht mehr uneingeschränkt arbeitsfähig. Damit fehlen die Worte, um das Erlebte auszudrücken. Die Reizschwelle gegenüber möglicherweise bedrohlichen Außenreizen ist zudem deutlich erniedrigt. Das Zusammenspiel von teilweisem Erinnern, Erinnerungslücken und immer wieder auftauchenden Bildern und Gefühlen stellt für Betroffene eine große Belastung dar. Man ist eben nicht mehr „Herr/Frau im eigenen Haus“.

„Flashbacks“ & Schlafstörungen

Schlafstörungen, Albträume, Gefühlseinschränkungen, Reizbarkeit sowie große Angst, um sich und die eigene Gesundheit können auftreten. Das plötzliche Wiedererleben des Traumas wird auch Flashback genannt. Diese treten auch in anderen Zusammenhängen auf, z.B. nach Drogeneinnahme.

Bei Betroffenen wechselt der Wunsch, sich immer wieder mit dem Ereignis auseinanderzusetzen, mit dem Gefühl, nicht darüber sprechen zu wollen. Daraus folgend versucht der Mensch unter Umständen alles zu vermeiden, was sie/ihn an das Trauma erinnern könnte. Alle diese Reaktionen rund um das Trauma können als Verarbeitungsversuch verstanden werden. Man versucht, sich vor Überwältigung zu schützen. Im weitesten Sinne dienen sie dem Überleben. Es sind normale Reaktionen auf eine außergewöhnliche Situation.

Was ist eine akute Belastungsreaktion?

Die akute Belastungsreaktion (im Volksmund Nervenzusammenbruch genannt) ist eine stunden- bis tagelang anhaltende Reaktion auf außergewöhnliche körperliche und/oder seelische Belastungen bei ansonsten psychisch gesunden Personen. Dies kann z.B. nach einer Vergewaltigung, Katastrophe (wie Seuchenausbrüche, Erdbeben, Hochwasser) oder unerwarteten bedrohlichen Veränderungen der sozialen Beziehungen vorkommen (z.B. Tod einer nahestehenden Person). Die akute Belastungsreaktion beginnt meist unmittelbar innerhalb von Minuten nach einem belastenden Ereignis.

Folgende Beschwerden können sich zeigen:

  • Verzweiflung,
  • Niedergeschlagenheit,
  • Übererregung, Alarmiertheit
  • Angst,
  • Ärger,
  • Überaktivität oder sozialer Rückzug,
  • Erstarrung und Betäubung.

Oft treten auch spürbare körperliche Beschwerden auf, z.B. schnellerer Herzschlag oder starkes Schwitzen. Nach Stunden bzw. Tagen ist diese Störung bei passender Unterstützung weitestgehend verschwunden. Eine Krisenintervention kann in Fällen einer akuten Belastungsreaktion notwendig sein. Oft kommen Menschen aber auch – besonders wenn sie in ein tragfähiges soziales Netz eingebunden sind – alleine mit der Situation zurecht.

Was versteht man unter einer Traumafolgestörung?

In vielen Fällen werden traumatische Erlebnisse nach und nach bewältigt und bleiben ohne schwerwiegende längerfristige Folgen. Es kann sich jedoch auch in der Folge eine sogenannte Traumafolgestörung entwickeln. Laut der Mehrzahl der bisherigen Studien zum Thema sind Frauen etwa doppelt so häufig von Traumafolgestörungen betroffen. 

Posttraumatische Belastungsstörung

Die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) stellt eine verzögerte oder verlängerte Reaktion auf eine schwere Belastung bzw. Bedrohung dar. Nähere Informationen finden Sie unter Posttraumatische Belastungsstörung: Diagnose sowie Posttraumatische Belastungsstörung: Therapie.

Weitere Traumafolgestörungen

Zu weiteren Traumafolgestörungen zählen Depressionen, Angststörungen, Zwangsstörungen, Suchterkrankungen sowie auch Emotional-instabile Persönlichkeitsstörung (meist als Folge schwerer Traumata in der Kindheit) und sexuelle Funktionsstörungen. Reagieren Personen nach anderen belastenden (nicht traumatischen) Ereignissen vorübergehend mit Symptomen (z.B. depressiven oder Angstsymptomen), spricht man von einer sogenannten Anpassungsstörung.

Traumatische Belastungen von Helferinnen/Helfern

Vielen Menschen sind in Österreich etwa bei Rettung, Feuerwehr – meist ehrenamtlich – tätig und leisten einen unschätzbar wertvollen Beitrag für die Gesellschaft. Dabei sind sie immer wieder sehr belastenden Eindrücken ausgesetzt – wie allgemein Menschen in helfenden Berufen. Diese können als traumatisch empfunden werden. Eine sogenannte sekundäre Traumatisierung ist möglich.

Bei dieser ist die Helferin/der Helfer dem Trauma nicht direkt ausgesetzt, sondern hilft einem Betroffenen. Das oft unfassbare Geschehen, das unmittelbare Erleben des starken Leidensdrucks und verzweifelten Verhaltens setzt auch helfenden Personen mitunter sehr zu. In der Folge kann es zu Beschwerden wie etwa kommen:

  • Grübelneigung,
  • Schlafstörungen,
  • Erschöpfung,
  • getrübte Stimmung,
  • Sinnfragen (z.B. „Hat das alles Sinn?“),
  • Ohnmachtsgefühlen,
  • Aggressionen,
  • Angstzuständen oder Herzklopfen.

Auch eigene schlimme Erfahrungen können wieder „reaktiviert“ werden und die Psyche belasten. Helferinnen und Helfer im sozialen Bereich haben zudem ein erhöhtes Risiko, ein Burnout zu erleiden. Es ist daher für Einsatzkräfte bzw. Helferinnen/Helfer oft sinnvoll, Erlebtes in einer Supervision zu besprechen, um es entsprechend verarbeiten zu können. Angebote und Schulungen zum Umgang mit belastenden Situationen gibt es direkt bei den sozialen Organisationen, z.B. beim Roten Kreuz. Weitere Hilfsmöglichkeiten finden Sie unter Wenn die Psyche Hilfe braucht. Tipps zur „Seelenpflege“ finden Sie unter Tipps für die seelischer Balance. Infos zu seelischer Widerstandskraft unter Krisenkompetent mit Resilienz.

Hinweis Körperliche Beschwerden müssen immer medizinisch abgeklärt werden!

Rechtzeitige Hilfe und Unterstützung

Ein frühzeitiges Hilfsangebot – unmittelbar nach dem Ereignis (möglichst noch vor Ort) – hilft bei der Bewältigung und setzt das Risiko für die Entwicklung späterer Traumafolgestörungen herab. Dieses Angebot sollte sich jedoch flexibel an den Bedürfnissen der Betroffenen orientieren. Ist das Trauma sehr schwerwiegend oder ist die/der Betroffene sehr beeinträchtigt, sollte anschließend an die Erstintervention eine Krisenintervention Anspruch genommen werden. Dabei wird durch Gespräche akut geholfen, die belastende Situation zu bewältigen.

In den folgenden Wochen sollte die/der Betroffene je nach Ihren/seinen Bedürfnissen begleitet werden, um verzögerte Traumafolgen rechtzeitig zu erkennen und zu behandeln. Ziel jeder Unterstützung nach akuter Traumatisierung ist es, das Trauma in einen Gesamtzusammenhang zu bringen, um zu der Erkenntnis zu gelangen: „Es war schrecklich, aber ich habe es überstanden.“

Hinweis Es kann im Zusammenhang mit traumatischen Belastungen auch zu Suizidgedanken bis hin zu einem Selbsttötungsversuch kommen. Es ist daher wichtig, Warnsignale rasch zu erkennen! Nähere Informationen finden Sie auf dem Österreichischen Suizidpräventionsportal.

Was bedeutet posttraumatisches Wachstum?

Traumatisierung kann – so erstaunlich es klingen mag – in manchen Fällen sogenanntes posttraumatisches Wachstum/posttraumatische Reifung nach sich ziehen. Das bedeutet, dass die betroffene Person das Erlebte verarbeitet und bewältigt hat und daraus für das weitere Leben Zuversicht bezieht. Hierbei spielt unter anderem die seelische Widerstandskraft (Resilienz) eine Rolle.

Das bedeutet jedoch keinesfalls, dass jede/jeder „gestärkt“ aus einem Trauma hervorgehen soll bzw. muss. Auch sollte man posttraumatisches Wachstum nicht mit uneingeschränktem Wohlbefinden verwechseln. Schreckliche Erfahrungen sollen dadurch keinesfalls verharmlost werden. Sie bleiben furchtbar. Dieses Konzept sollte auch in keinem Fall als Entschuldigung für Täterinnen/Täter herangezogen werden.

Forschungen haben ergeben, dass Betroffene folgende positive Reaktionen durchleben können, beispielsweise:

  • sich im Lauf der Zeit ihrer eigenen Stärken bewusst werden,
  • neue Möglichkeiten im Leben entdecken,
  • negative Beziehungen abbrechen, positive intensivieren,
  • das Leben intensiver wertschätzen.

Professionelle Unterstützung z.B. durch Psychotherapie kann helfen, das Leid erträglicher zu machen und das Leben mit Wachstum und Sinn zu füllen.

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