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Arzt-Patienten-Gespräch © Alexander Raths

Multiple Sklerose: Therapie

Multiple Sklerose ist zurzeit nicht heilbar. Der Krankheitsverlauf lässt sich jedoch in vielen Fällen positiv beeinflussen. Ziel der Therapie ist es, die Selbstständigkeit und Lebensqualität der Betroffenen so lange und so gut wie möglich zu erhalten. Die Chancen, eine anhaltende Stabilisierung zu erzielen, sind umso höher, je früher eine immunmodulierende Behandlung begonnen wird . . .

Die Behandlung sollte immer individuell auf die Patientin/den Patienten und den Krankheitsverlauf abgestimmt werden. Ein umfassendes Therapiekonzept sieht vor:

  • Therapie eines akuten Erkrankungsschubes,
  • immunmodulierende Langzeitbasistherapie zur Beeinflussung des Krankheitsverlaufes,
  • Behandlung der einzelnen Symptome, die im Krankheitsverlauf auftreten (medikamentöse symptomatische Therapien, Physio- und Ergotherapie, neuropsychologisches Training),
  • Rehabilitation,
  • sozialmedizinische Maßnahmen, Krankenpflege, eventuell Änderungen des Lebensstils.

Therapie des akuten Schubes

Meist werden Glukokortikoide („Kortison“) hochdosiert intravenös für drei bis fünf Tage verabreicht, um den Entzündungsprozess und die Aktivität des Immunsystems einzudämmen. In manchen Untergruppen der MS können mittels Plasmapherese (Blutwäsche) aus dem Blut bestimmte Bestandteile entfernt werden, die zur Schädigung des Myelins beitragen.

Langzeitbasistherapie

Möglichst frühzeitig wird eine sogenannte kausal orientierte, verlaufsmodifizierende („immunmodulierende“) Langzeitbasistherapie begonnen. Ziel ist es, den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen. Angestrebt werden dabei v.a.:

  • Verhinderung neuer Schübe bzw. Verminderung ihrer Häufigkeit und Schwere,
  • Verlängerung der beschwerdefreien Intervalle,
  • Verlangsamung des Fortschreitens von Erkrankung und Behinderung,
  • Rückbildung der akuten Krankheitserscheinungen,
  • Verminderung der entzündlichen Krankheitsaktivität, im Idealfall ein stabilisierter Zustand „frei von Krankheitsaktivität“ (das bedeutet: klinisch keine Schübe und keine Progression und in der MRT keine neuen Entzündungsherde).

Zur Verfügung stehen verschiedene Medikamente. In erster Linie kommen derzeit Interferon-beta-Präparate (Injektionen s.c. oder i.m.), Glatirameracetat (Injektionen s.c.), Natalizumab (monatliche Infusionen) und Fingolimod (Kapseln zur oralen Einnahme) zur Anwendung. Nur in seltenen Ausnahmefällen werden Mitoxantron, Azathioprin, Methotrexat, Rituximab oder Kortison-Präparate, welche in zeitlichen Abständen in den Liquor-Raum verabreicht werden, herangezogen. Darüber hinaus stehen seit 2015 weitere Arzneimittel zur Verfügung, u.a. : Alemtuzumab (jährliche Infusionen), Teriflunomid (Tabletten) und Dimethylfumarat (Kapseln). Die Entscheidung, welche Therapie durchgeführt wird, treffen Patientinnen/Patienten und Ärztinnen/Ärzte gemeinsam (sogenannte partizipative Entscheidungsfindung). Die Wahl des Arzneimittels wird von der Verlaufsform mitbestimmt, ob eine milde/moderate oder eine (hoch-)aktive Verlaufsform vorliegt.

Wichtig für den Behandlungserfolg ist, dass die Patientin/der Patient die von der Neurologin/dem Neurologen verordneten Medikamente regelmäßig einnimmt bzw. injiziert. Dies fällt manchen Menschen besonders auch deshalb schwer, weil ein positiver Therapieeffekt nicht „direkt sichtbar" ist. Er lässt sich oft nur indirekt erkennen, z.B. am Ausbleiben oder selteneren Auftreten von Schüben, einer milderen Ausprägung von Schüben oder einer langsameren Verschlimmerung von Beschwerden.

Symptomatische Therapien

Es wird die Behandlung einzelner Symptome unabhängig vom Krankheitsverlauf durchgeführt. Beeinträchtigte Körperfunktionen sollen positiv beeinflusst und die Lebensqualität soll verbessert werden. Dadurch werden Folgeschäden vermindert und Einschränkungen im Sozialleben (z.B. Isolation, Vereinsamung) der Betroffenen verhindert.

Rasche Ermüdbarkeit („MS Fatigue“)

  • Vor allem bei Patientinnen/Patienten mit erhöhter Wärmeempfindlichkeit: Temperaturminderung bei großer Hitze, in Ausnahmefällen z.B. eine Kühlbekleidung (Hosen und Westen in Laminattechnik). Kurzzeitig effektiv sind Maßnahmen zur Senkung der Körpertemperatur (kühle Duschen, Auflegen von Coolpacks etc.),
  • Tagesstrukturierung: Pausen, Stressmanagement, Ruhephasen,
  • ausreichend Trinken (täglich zwei bis drei Liter), da Flüssigkeitsmangel die Fatigue (Müdigkeit) verstärken kann,
  • Behandlung einer eventuell vorliegenden ,
  • kognitive Verhaltenstherapie,
  • körperliches Training: v.a. Ausdauersportarten wie Nordic Walking,
    Physiotherapie,
  • Rehabilitationsmaßnahmen.

Beeinträchtigung der Hirnleistungsfähigkeit (kognitive Störungen)

  • Funktionstraining: z.B. Gehirnjogging, computerunterstützte Übungsprogramme,
  • Kompensationsstrategien: neue Lernstrategien, Gedächtnisstützen,
  • verbesserte Organisation des Alltags,
  • Anpassung der Umwelt an etwaige Behinderungen, z.B. durch den Einsatz bestimmter Hilfsmittel,
  • Entspannungsübungen etc.

Spastische Lähmungen

  • Physiotherapie,
  • Laufbandtherapie,
  • motorunterstützt angetriebene Zimmerfahrräder,
  • spezielle Lagerung („Stufenbett“) und passives Bewegen,
  • Verwendung von Schienen (dynamisch, statisch) und von Luftpolsterschienen,
  • Kältetherapie (kurzfristige Verminderung der Spastik),
  • zusätzliche medikamentöse Therapien:
    • Tabletten mit antispastisch wirkenden Substanzen,
    • in schweren Fällen Botulinum-Toxin-Injektionen in die betroffene Muskulatur,
    • selten Verabreichung eines antispastischen Medikamentes in den Liquorraum (intrathekal) über eine Pumpe,
    • Tabletten zur Verbesserung der Gehfähigkeit: der Kaliumkanalblocker Fampridin verhindert, dass geladene Kaliumteilchen aus den Zellen geschädigter Nerven entweichen. Es wird angenommen, dass dadurch die elektrischen Impulse weiter an den Nerven entlang wandern können, um die Muskeln zu stimulieren, sodass das Gehen erleichtert wird.

Harnblasenfunktionsstörungen

  • Orale Medikamente,
  • Injektion von Botulinum-Toxin in die Blasenwand,
  • wiederholte (intermittierende) Selbstkatheterisierung, Dauerkatheter,
  • Elektrostimulation („Blasenschrittmacher“),
  • Neuromodulation mit implantierten Elektroden,
  • Hilfsmittel wie z.B. Windel, Einlagen,
  • Beckenbodentraining,
  • Toilettentraining: Ermittlung des optimalen Zeitpunktes für die Blasenentleerung. Alle zwei Stunden Gang auf die Toilette, auch wenn kein Harndrang besteht. Die Zeitabstände werden verlängert, ein individueller Rhythmus soll sich einpendeln.

Darmentleerungsstörungen

  • Verstopfung: ausreichende Flüssigkeitszufuhr, ballaststoffreiche Ernährung, viel Bewegung, Abführmittel etc.
  • Stuhlinkontinenz (kann im späteren Krankheitsverlauf eintreten): Vermeidung blähender und den Darm anregender Speisen, regelmäßiges gezieltes Abführen, aufsaugende Medikamente (z.B. medizinische Kohle).

Koordinations- und Gleichgewichtsstörungen (ataktische Bewegungsstörungen)

  • Physio- und Ergotherapie (Koordinationsübungen, Stabilisierung mit Hilfsmitteln),
  • lokale Eisapplikation, etwa vor einer Mahlzeit oder einer zu leistenden Unterschrift, zur Verminderung des Zitterns der Hände,
  • Entspannungstechniken,
  • operative Therapie mit Einsetzung eines Schrittmachers in einem bestimmten Gehirnareal: kommt nur sehr selten infrage.

Schmerzen

  • Für eine erfolgreiche Behandlung ist die genaue Abklärung der Schmerzursache Voraussetzung. Dazu ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Neurologinnen/Neurologen, Physiotherapeutinnen/ Physiotherapeuten, Ergotherapeutinnen/Ergotherapeuten und Krankenpflege erforderlich.
  • Chronische Schmerzen können mit zunehmender Krankheitsdauer auftreten. Sie werden häufig durch Entzündungsherde im Rückenmark und dadurch erhöhte Muskelspannung (Spastik, Krämpfe) in den Armen und Beinen verursacht. Die Behandlung erfolgt ebenfalls interdisziplinär.
  • Bei anfallsartigen, oft nur Sekunden dauernden Schmerzen im Gesicht (symptomatische Trigeminusneuralgie) kommen medikamentöse und bestimmte operative Behandlungen (Thermokoagulation, Ballonkompression, Dekompression) sowie Bestrahlungen (Gamma-Knife) in Betracht.

Alternative und komplementäre Therapien

Neben anerkannten Behandlungen, deren Wirksamkeit wissenschaftlich belegt ist, interessieren sich viele MS-Patientinnen und -Patienten für sogenannte alternative oder komplementäre, also ergänzende Therapien. Für die meisten dieser Methoden konnte eine positive Wirkung bisher nicht nachgewiesen werden. Wenn Sie dennoch eine komplementäre Methode anwenden wollen, sollte dies in Absprache mit der Neurologin/dem Neurologen erfolgen. Einige Behandlungen können durchaus das Wohlbefinden subjektiv verbessern, zum Beispiel Entspannungstechniken.

In klinischen Untersuchungen konnte nachgewiesen werden, dass Enzympräparate, Sauerstoff-Überdruck-Therapie und Amalgam-Entfernung keine Wirkung auf den Krankheitsverlauf besitzen.

Gefährliche Therapien

Zur Behandlung von MS werden verschiedene gefährliche – und teilweise sehr teure – Methoden angeboten, vor denen in gesundheitlicher und finanzieller Hinsicht gewarnt werden muss. Diese Behandlungen wurden wissenschaftlich nicht ausreichend untersucht. Sehr problematisch ist die Empfehlung eines Aufdehnens der Venen, welche den Blutabfluss aus Gehirn und Rückenmark bewerkstelligen („chronische zerebrospinale venöse Insuffizienz“). Ein positiver Effekt konnte nicht nachgewiesen werden, diese Behandlung ist potentiell gefährlich und teuer. Als gefährlich eingestuft werden u.a. Immunaugmentation (Verstärkung der Immunreaktion), Frischzellentherapie, Bienen- und Schlangengift sowie intrathekale Stammzelltherapie (eigene Stammzellen werden in den Rückenmarkskanal gespritzt). Diese Methoden können das Risiko für Infektionen und insbesondere für schwere Allergien bis hin zum Kreislaufversagen erhöhen.

Wohin kann ich mich wenden?

Je früher MS erkannt wird, desto besser stehen die Chancen, den Krankheitsverlauf günstig zu beeinflussen. Daher sollten Sie beim Auftreten von Symptomen, die auf eine neurologische Funktionsstörung hinweisen (z.B. Muskelschwäche, plötzlichen Sehstörungen, Schwindel, Taubheitsgefühle) umgehend Ihre Hausärztin/Ihren Hausarzt oder eine Neurologin/einen Neurologen aufsuchen, um die Ursache abzuklären.

Wie erfolgt die Abdeckung der Kosten?

Im Allgemeinen werden die Kosten für Maßnahmen der Therapie der Multiplen Sklerose von den Sozialversicherungsträgern übernommen. In manchen Fällen (spezielle Therapiemaßnahmen, Hilfsmittel, Arzneimittel) ist eine Kostenübernahme nicht geregelt.

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