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Symbolbild EEG © psdesign1

Epilepsie: Was ist das?

Meist wird ein Anfall mit Zuckungen und Bewusstlosigkeit in Verbindung gebracht. Doch das Erscheinungsbild ist wesentlich vielfältiger. Es kommt unter anderem zu Störungen des Bewusstseins, von Bewegungen, Wahrnehmungen, des Denkens oder Verhaltens. Epilepsien sind eine häufige neurologische Krankheit und gut medikamentös behandelbar. Wird dadurch keine Anfallsfreiheit erzielt, gibt es noch weitere Therapieoptionen. Diese reichen von chirurgischer Entfernung des betroffenen Hirnareals bis zur Nerven- bzw. Gehirnstimulation.

Epilepsie ist keine Seltenheit

Epileptische Anfälle und Epilepsien kommen in allen Völkern, Kulturen und sozialen Schichten gleich häufig vor. So litten viele prominente Persönlichkeiten, z.B. Napoleon, Charles Dickens oder Vincent van Gogh an Epilepsie. Fünf bis zehn Prozent aller Menschen erleiden zumindest einmal in ihrem Leben einen epileptischen Anfall. Die Wahrscheinlichkeit im Laufe des Lebens an einer Epilepsie zu erkranken liegt bei über fünf Prozent. Schätzungen zufolge leben in Österreich derzeit 65.000 an Epilepsie erkrankte Menschen. Die Epilepsie zählt somit zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen. Die Neuerkrankungsrate in Abhängigkeit des Alters (altersabhängige Inzidenz) zeigt einen zweigipfeligen Verlauf mit einem ersten Maximum in der Kindheit (ein Drittel der Epilepsien beginnt in der Kindheit) und einem zweiten Maximum im höheren Lebensalter (ein Drittel der Epilepsien beginnen nach dem 60. Lebensjahr). Im Alter von über 70 Jahren erkranken sogar mehr Menschen erstmals an Epilepsie als in den ersten zehn Lebensjahren, d.h. das Neuauftreten einer Epilepsie im höheren Lebensalter ist keine Seltenheit.

Provozierte und unprovozierte Anfälle

Epileptische Anfälle können als provozierte oder akut symptomatische Anfälle sowie als unprovozierte Anfälle auftreten.

  • Provozierte oder akut symptomatische Anfälle: Provozierte oder akut symptomatische Anfälle werden durch einen erkennbaren, unmittelbaren Auslöser verursacht z.B. eine Erkrankung des Gehirns (Hirnentzündungen, Hirnverletzungen, Schlaganfall etc.) oder entstehen im Rahmen einer allgemeinen Erkrankung bzw. Störung (z.B. Alkohol-/Drogenentzug, Schlafentzug, Unterzucker, hohes Fieber). Diese Anfälle haben eine günstige Prognose. Bei Behebung, Wegfall oder Vermeidung der auslösenden Ursache treten im Allgemeinen keine weiteren Anfälle auf. Deshalb muss hier zumeist keine medikamentöse Therapie begonnen werden.

  • Unprovozierte Anfälle: Bei den unprovozierten Anfällen kann man keinen unmittelbaren Auslöser für die Anfälle feststellen. Risikofaktoren für das Auftreten weiterer Anfälle sind dabei das Vorhandensein von epilepsietypischen Veränderungen im EEG und das Vorliegen einer für die Anfälle ursächlichen Veränderung in der Magnetresonanztomographie.

Definition einer Epilepsie

Von einer Epilepsie spricht man, wenn

  • ein unprovozierter Anfall aufgetreten ist und sich im EEG epilepsietypische Veränderungen zeigen und/oder sich in der Magnetresonanztomographie eine für die Anfälle ursächliche Veränderung nachweisen lässt oder
  • mindestens zwei unprovozierte Anfälle aufgetreten sind.

In diesen Fällen besteht ein sehr hohes Risiko für das Auftreten von weiteren Anfällen, so dass in diesem Fall die Indikation für eine dauerhafte medikamentöse Therapie mit anfallsunterdrückenden Medikamenten, sog. Antiepileptika, besteht.

Formen von epileptischen Anfällen

Die Symptome eines epileptischen Anfalls hängen von der Funktion der betroffenen Gehirnregion ab. Epileptische Anfälle können deshalb sehr unterschiedlich aussehen.

Fokale Anfälle

Ca. 2/3 der Anfälle entstehen an einem mehr oder weniger umschriebenen Ort einer Hirnhälfte und werden deshalb als fokale Anfälle bezeichnet. Es kann dabei zu folgenden Phänomenen kommen:

  • Auren. Veränderungen der Wahrnehmung, wie z.B. komisches aufsteigendes Gefühl aus der Magengegend (epigastrische Aura), unbegründetes Angstgefühl (emotionale Auren), Vertrautheits- oder Fremdheitsgefühl (déja vu bzw. jamais vu), veränderte Sinneswahrnehmungen des Sehens (visuelle Auren), Hörens (auditorische Auren), Riechens (olfaktorische Auren) oder des Geschmacks (gustatorische Auren), Kribbeln bzw. Missempfindungen in einem Körperteil (somatosensorische Aura)
  • fokal motorische Anfälle. Zuckungen oder Verkrampfungen des Gesichts, der Arme oder Beine bei erhaltenem Bewusstsein (Zuckungen – fokale klonische Anfälle; Verkrampfungen – fokale tonische Anfälle)
  • dyskognitive Anfälle. Einschränkung des Bewusstseins verbunden mit verminderter oder fehlender Ansprechbarkeit oder Reaktionsfähigkeit. Zum Teil zeigen sich merkwürdige Verhaltensweisen wie Nesteln, Schmatzen, Schlucken, Kaubewegungen (Automatismen), von denen die/der Betroffene nichts bemerkt.
  • hypermotorische Anfälle. Wildes Herumschlagen und Schreien mit plötzlichem Beginn und Ende.

Wenn sich die epileptischen Entladungen auf die andere Hirnhälfte ausbreiten, können sich aus fokalen Anfällen auch bilaterale konvulsive Anfälle (mit tonischen, klonischen oder tonischen und klonischen Komponenten) entwickeln.

Generalisierte Anfälle

Bei ca. 1/3 der Anfälle handelt es sich um generalisierte Anfälle. Dabei erfasst die epileptische Aktivität von Beginn an Nervenzellverbände in beiden Hirnhälften gleichzeitig. Auch diese Anfälle können ganz unterschiedlich aussehen:

  • generalisierte tonisch-klonische (konvulsive) Anfälle. Sie sind durch Bewusstlosigkeit, Sturz, Verkrampfung am ganzen Körper, Zuckungen der Arme und Beine für die Dauer von ein bis zwei Minuten und einen nachfolgenden Erschöpfungs- oder Verwirrtheitszustand gekennzeichnet. Bei diesen Anfällen kann es auch zu einem Zungen- oder Wangenbiss, Harnverlust und nachfolgenden Kopf- und Muskelschmerzen – ähnlich einem Muskelkater – kommen.
  • Absencen. Sie äußern sich in einer kurzen, lediglich wenige Sekunden dauernden Abwesenheit mit regungslosem Vor-sich -hin-Starren, manchmal kommt es dabei auch zu einem Lidflattern.
  • myoklonische Anfälle. Sie bestehen in einem kurzen Zucken der Arme, seltener der Beine oder des Gesichts – als würde man erschrecken.
  • tonische Anfälle. Sie sind durch kurze, wenige Sekunden anhaltende Verkrampfungen der Arme, der Beine, des Gesichts und des Rumpfes gekennzeichnet. Diese Anfälle führen oft zu Stürzen mit entsprechenden Verletzungen.
  • atonische Anfälle. Sie führen zu einem kurzen Verlust der Muskelspannung, wodurch die/der Betroffene ebenfalls stürzen kann.

Unklassifizierbare Anfälle (z.B. Neugeborenenanfälle) lassen sich keinem Schema zuordnen.

Ursachen von Epilepsien

Epileptische Anfälle können unterschiedliche Ursachen haben. Die Nervenzellen im Gehirn entladen sich normalerweise synchronisiert – d.h. aufeinander abgestimmt. Bei epileptischen Anfällen gelingt diese Koordination nicht. Nähere Informationen zur gesunden Weiterleitung von Nervenimpulsen finden Sie unter Neurotransmitter – Botenstoffe im Gehirn.

Entsprechend der Ursache werden unterschieden:

  • genetische Epilepsien,
  • Epilepsien aufgrund struktureller oder stoffwechselbedingter Ursachen und
  • Epilepsien unbekannter Ursache.

Genetische Epilepsien

Bei diesen Epilepsien besteht eine ererbte Neigung für epileptische Anfälle. Das heißt, die Anfälle werden durch einen (oder auch mehrere) bekannte oder vermutete genetische Defekte verursacht. Bei manchen, allerdings seltenen Epilepsieformen, konnte der zugrunde liegende Gendefekt bereits aufgeklärt werden. Für die meisten Arten von genetischer Epilepsie sind wahrscheinlich mehrere gleichzeitige Gendefekte verantwortlich, die derzeit noch nicht bekannt sind.

Epilepsien aufgrund von strukturellen oder stoffwechselbedingten Ursachen

Unterschiedliche Hirnerkrankungen bzw. -schädigungen können eine Epilepsie verursachen. Zu diesen zählen beispielsweise:

  • Entwicklungsstörungen der Hirnrinde während der Embryonalentwicklung (Malformationen der kortikalen Entwicklung),
  • Geburtsschäden,
  • komplizierte Fieberkrämpfe,
  • Entzündungen des Gehirns
  • Hirnverletzungen,
  • Tumoren,
  • Schlaganfälle oder
  • Stoffwechselerkrankungen.

Insbesondere Narbenbildungen im Schläfenlappen (mesiale Temporallappensklerose) und bereits im Mutterleib entstehende Entwicklungsstörungen der Hirnrinde (fokale kortikale Dysplasien) sind häufige Ursachen von Epilepsien. Auch bei diesen Epilepsieformen spielen genetische Faktoren für die Manifestation der Erkrankung eine Rolle. Letztendlich besteht in vielen Fällen eine Kombination aus genetischen und strukturellen bzw. metabolischen Ursachen.

Epilepsien unbekannter Ursache

In manchen Fällen kann trotz aller diagnostischen Bemühungen keine definitive Ursache für die Epilepsie gefunden werden. Man spricht dann von einer Epilepsie unbekannter Ursache.

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