Gesundheitsportal
Inhaltsbereich
Mann und Frau mit Bild von Glühbirne vor Kopf © olly

Weibliches, männliches Gehirn?

Gleich vorab: An der reinen Struktur eines Gehirns kann man nicht erkennen, ob es weiblich oder männlich ist. Es gibt kaum fundiert nachgewiesene strukturelle Unterschiede in unserer „Schaltzentrale“. Unser Gehirn passt sich zudem zeitlebens an die jeweiligen Erfahrungen an. Im Bereich der Hirnforschung gibt es auf dem Gebiet der Gendermedizin noch viel zu erforschen. 

Doch woran erkennt man gut Studien in dem Bereich, wie wirken weibliche und männliche Hormone und was bedeutet eigentlich der Ausdruck „Gendermedizin“? Erfahren Sie mehr zu diesem spannenden Thema.

Aussagekräftige Studien?

Bei der Thematisierung von Geschlechtsunterschieden des weiblichen und männlichen Gehirns sollte man Vorsicht walten lassen. Zwar gibt es einschlägige neurowissenschaftliche Studien hierzu, doch nicht alle werfen ein verlässliches objektives Bild auf die Frage nach geschlechterspezifischen Unterschieden – z.B. in Bezug auf Verhalten, Gefühlsregulation oder Kognition. Prozesse des Gehirns, Verhalten bzw. Denken sind sehr individuell. Daher sind Forschungsergebnisse in diesem Bereich schwer auf einzelne Menschen exakt anzuwenden.

Das liegt unter anderem auch daran, dass Geschlechterstereotype bzw.  -klischees tief in der Gesellschaft verwurzelt sind. Und gerade bei Eigenschaften wie dem Verhalten spielt die genetische Veranlagung eine Rolle. Sie werden jedoch durch Umweltbedingungen (Epigenetik) maßgeblich geformt z.B. durch Erziehung von typisch weiblichen oder männlichen Eigenschaften oder Tätigkeiten. Aber auch Unterschiede in der Herangehensweise statistischer Auswertungen können Ergebnisse verzerren. Bildgebende Verfahren versuchen, bestimmte geistige Vorgänge zu lokalisieren z.B. über funktionelles MR. Solche Untersuchungen können jedoch konkrete biochemisch zusammenhängende Vorgänge nicht erklären.
 

Woran man gute Studien erkennt

Aussagekräftige Studien zum Thema Gender & Gehirn erkennt man unter anderem an folgenden Merkmalen:

  • Möglichst viele Versuchspersonen (größere Stichproben führen zu verlässlicheren Ergebnissen)
  • Gehirnprozesse (statt -strukturen) werden erforscht (um zu verstehen, was im Gehirn vor sich geht)
  • Effektstärken werden angegeben (hilft bei der Beurteilung von Forschungsergebnissen in Bezug auf Praxisrelevanz)
  • Psychosoziale Einflüsse finden Beachtung (unsere Umgebung prägt uns)

Hat das Gehirn ein Geschlecht?

Man kann ein Gehirn aufgrund seiner Struktur, seiner Durchblutung bzw. seines Stoffwechsels nicht einem Geschlecht zuordnen. Die Hirnforschung war bisher geprägt von der Suche nach Geschlechtsunterschieden. Diese haben große öffentliche Beachtung gefunden, auch wenn die Untersuchungsergebnisse teilweise widersprüchlich, vereinfachend oder nur in kleinen Untersuchungseinheiten festgestellt wurden. Heute weiß man, dass die früher erläuterten Unterschiede im Gehirn von Frauen und Männern eher ein Mythos als eine wissenschaftliche Tatsache sind. Israelische Forscher haben weibliche und männliche Gehirne auf anatomische Unterschiede in einer groß angelegten Studie untersucht: eine zweifelsfreie Geschlechtszuordnung war nicht möglich. Die Gehirne sind im Gegenteil dazu geschlechtlich heterogen (uneinheitlich) ausgeprägt, ergaben wissenschaftliche Untersuchungen.

Die moderne Hirnforschung geht von der Plastizität des Gehirns aus. Das bedeutet, dass sich unser Gehirn zeitlebens an die jeweiligen Erfahrungen anpasst. Es ist weder in seiner Feinstruktur noch in seiner Verschaltung oder in seinen Aktivierungsmustern festgelegt. Natur und Kultur stehen in andauernder Wechselwirkung. Folglich haben auch Erfahrungen wie z.B. Rollenzuweisungen, Verfügbarkeit von Ressourcen und Geschlechterhierarchien Auswirkungen auf unsere Gehirnarchitektur.

Zudem haben Hormone bzw. Geschlechtshormone vielfältige Wirkungen im Körper. Nähere Informationen finden Sie unter Sexualorgane und Hormone. Geschlechtshormone beeinflussen neurobiologische Prozesse und die Fortpflanzung. Die männliche oder weibliche Geschlechtsidentität entsteht mehr durch soziale als biologische Prozesse. Die persönliche Geschlechtsidentität jedes Menschen spiegelt sich übrigens in der Vernetzung zwischen Hirnregionen wider.

Gendermedizin

Als Gendermedizin bezeichnet man die Wissenschaft über die Unterschiede der normalen menschlichen Biologie zwischen Männern und Frauen und darüber, wie die Symptome, Mechanismen und die Behandlung in Abhängigkeit von Gender-Aspekten variieren. Sie beschäftigt sich mit Gender-Unterschieden bei Erkrankungen – so auch des Gehirns/der Nerven bzw. der Psyche. Hier geht es darum, Prävention, Diagnose und Behandlung unter Berücksichtigung des (sozialen) Geschlechts zu verbessern.

Nähere Informationen finden Sie etwa unter:

Drucken RSS-Feed Teilen Feedback
Zum Seitenanfang springen