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Wenn Übermedikation zum Problem wird

Tablettenspender © Gundolf Renze
Tablettenspender © Gundolf Renze
05.04.2019

Mit zunehmendem Alter nehmen immer mehr Menschen regelmäßig mehrere verschiedene Medikamente ein. Das steigert allerdings das Risiko von unerwünschten Wirkungen, unter anderem durch Wechselwirkungen der einzelnen Wirkstoffe. Auf dieses Problem macht die MedUni Wien in einer Presseinformation anlässlich des Weltgesundheitstags am 7. April aufmerksam.

Als Patientinnen und -patienten unter Polypharmazie gelten Betroffene, die regelmäßig fünf oder mehr verschiedene Medikamente einnehmen. Mit jedem zusätzlichen Medikament steigt das Risiko auf Interaktionen (Wechselwirkungen) der Wirkstoffe untereinander und auf unerwünschte Nebenwirkungen. 

Risiko für Übermedikation steigt mit dem Alter

„Je älter und kränklicher wir werden, umso mehr Mittel bekommen wir für unsere Leiden verschrieben“, erklärt Andreas Sönnichsen, Leiter der Abteilung für Allgemein- und Familienmedizin der MedUni Wien: „Zählt mindestens ein Viertel aller über-65-Jährigen zu den Polypharmaziepatienten, so ist es ab einem Alter von 80 Jahren bereits jeder Zweite.“ Aktuelle Ergebnisse einer europäischen Studie (PRIMA-eDS-Studie) zeigen, dass 97 Prozent aller untersuchten Patientinnen und Patienten zumindest einen Fehler in ihrer Medikation aufweisen. Die Personen nahmen im Durchschnitt zehn Medikamente ein.  

Wie kommt es zu Polypharmazie?

„Oft sind es sogenannte Verschreibungskaskaden, die dazu führen, dass ein Symptom nicht als Nebenwirkung eines Medikaments erkannt wird und gegen diese Nebenwirkung ein neues Mittel verschrieben wird“, erklärt Sönnichsen, Leiter der PRIMA-eDS-Studie. Dieses Risiko entstehe schnell, wenn Menschen von unterschiedlichen Ärztinnen oder Ärzten behandelt werden und niemand den Überblick über alle verschriebenen Mittel behält.

Sönnichsens Lösungsvorschlag: „Bei der Hausärztin, beim Hausarzt muss die vollständige Medikation der Patientinnen und Patienten zentral administriert werden. Dadurch wird es ermöglicht, dass Ärztinnen und Ärzte auf Datenbanken zurückgreifen können, welche die gesamte Medikation analysieren, um mögliche Interaktionen und Verschreibungsfehler aufzudecken.“ Dabei helfen elektronische Entscheidungshilfen für Ärztinnen und Ärzte.

So können Sie unerwünschte Wechselwirkungen vermeiden

Auch Patientinnen und Patienten selbst können einen Beitrag leisten, unerwünschte Nebenwirkungen zu vermeiden, so der Experte. „Geben Sie beim Arztbesuch ganz genau sämtliche Medikamente an, die Sie regelmäßig einnehmen, auch die rezeptfreien“, rät Sönnichsen, „Ihr Hausarzt oder Ihre Hausärztin muss sich einen Überblick verschaffen können.“ Dabei zählt natürlich nur absolute Ehrlichkeit, damit auch wirklich alle Wirkstoffe erfasst werden.

Manchmal ließe sich die aktuelle Rezeptliste hinterfragen. Braucht es dieses vorbeugende Schmerzmittel wirklich noch? Ist ein Cholesterinsenker im hohen Alter noch sinnvoll? Auch bestimmte Osteoporose-Medikamente sollten zum Beispiel nicht länger als vier Jahre eingenommen werden, weil sie dann ihre Wirkung verfehlen. Der Vorteil eines regelmäßigen Rezepte-Checks liegt für Sönnichsen auf der Hand: „Je weniger Medikamente ich nehme, umso geringer sind die möglichen Nebenwirkungen, und das steigert die Lebensqualität und spart Geld.“

Mit e-Medikation alle Medikamente auf einen Blick

e-Medikation, eine neue Funktion der elektronischen Gesundheitsakte (ELGA), bietet einen Überblick über alle verordneten und abgegebenen Medikament. Diese werden in der sogenannten „e-Medikationsliste“ für ein Jahr gespeichert. Und zwar nicht nur rezeptpflichtige Arzneimittel, sondern auch wechselwirkungsrelevante rezeptfreie Arzneimittel.

Ärztinnen und Ärzte können auf die e-Medikationsliste ihrer Patientinnen und Patienten zugreifen und sehen sofort, was andere Ärztinnen und Ärzte bereits verordnet und welche Medikamente sich die Patientinnen und Patienten in der Apotheke abgeholt haben. Apothekerinnen und Apotheker können ebenfalls auf die e-Medikationsliste zugreifen und so eine bessere Beratung beim zusätzlichen Kauf von rezeptfreien Medikamenten anbieten.

Und auch Bürgerinnen und Bürger haben die Möglichkeit, ihre e-Medikationsliste selbst über das ELGA-Portal auf www.gesundheit.gv.at abzurufen. Voraussetzung dafür ist eine Anmeldung (Login) bei ELGA mit Handysignatur oder Bürgerkarte.

Die Einführung der e-Medikation erfolgt schrittweise entsprechend der ELGA-Verordnung in allen Bundesländern bei Apotheken, Kassenordinationen und öffentlichen Krankenhäusern. Der Service steht bereits in Kärnten, Oberösterreich, Salzburg, Steiermark, Tirol und Vorarlberg zur Verfügung. Die Einführung von e-Medikation soll in Niederösterreich und im Burgenland bis Juni abgeschlossen sein, danach folgt Wien im September 2019.

Weitere Informationen:

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