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Cannabis – Arzneipflanze 2018 in Österreich

Kultivierung von Cannabis © Konstiantyn Zapylaie
15.02.2018

Die Hanfpflanze (Cannabis sativa) wurde von der Herbal Medicinal Products Platform Austria (HMPPA) – einem Expertennetzwerk der Universitäten Graz, Innsbruck und Wien – zur Arzneipflanze 2018 in Österreich gekürt. Ein Hauptgrund für diese Wahl ist die Vielfalt an medizinisch interessanten Inhaltsstoffen wie v.a. Tetrahydrocannabiol (THC) und Cannabidiol (CBD). Diese beiden Cannabinoide besitzen ein unterschiedliches Wirkspektrum und können als Reinsubstanzen bei bestimmten Beschwerdebildern positive therapeutische Effekte erzielen.

Cannabis zählt zu den ältesten Nutz- und Zierpflanzen der Welt. Faserreiche Sorten werden zur Herstellung von Dämmstoffen und Textilien in der Landwirtschaft kultiviert. Hingegen genießen THC-reiche Hanfsorten gemeinhin einen einschlägigen Ruf als illegales Rauschmittel (z.B. Haschisch, Marihuana). Weniger bekannt ist allerdings, dass THC- und CBD-reicher sogenannter Drogenhanf unter streng kontrollierten Bedingungen von der Agentur für Ernährungssicherheit (AGES) in Gewächshäusern für die Herstellung von Arzneimitteln produziert wird. Dazu werden für medizinische Zwecke THC und CBD als Reinsubstanzen aus der Pflanze gewonnen. „Ein zentraler Vorteil dieser Reinsubstanzen besteht darin, dass sie gezielt und in bedarfsgerecht exakter Dosierung zur Behandlung bestimmter Beschwerden eingesetzt werden können“, betonte Univ.-Prof. DDr. Hans Georg Kress, Abt. für Spezielle Anästhesie und Schmerzmedizin, Medizinische Universität/AKH Wien im Rahmen des Pressefrühstücks „Arzneipflanze 2018“ am 15. Februar in Wien. 

Zwei Hauptinhaltsstoffe als Arzneimittel

Cannabis besitzt einen hohen Gehalt an den beiden Cannabinoiden Tetrahydrocannabiol (THC) und Cannabidiol (CBD). „Diese entfalten ihre Wirkung im sogenannten Endocannabinoid-System. Dabei handelt es sich um ein körpereigenes Regulationssystem, das u.a. eine wichtige Rolle im Zentralnervensystem und im Immunsystem spielt“, erläuterte Univ.-Prof. Dr. Rudolf Bauer, Vizepräsident der HMPPA, Institut für Pharmazeutische Wissenschaften, Karl-Franzens-Universität Graz.

  • THC besitzt u.a. berauschende, antispastische, brechreizmindernde (antiemetische), schmerzlindernde und appetitanregende Eigenschaften. Das aus der Hanfpflanze gewonnene THC ist in Österreich seit 2004 unter der Wirkstoffbezeichnung Dronabinol rezeptpflichtig erhältlich. Daneben stehen auch synthetisch oder teilsynthetisch hergestellte THC-Produkte als Arzneimittel zur Verfügung. Als Einsatzgebiete gelten v.a. Tumorschmerzbehandlung und Symptomkontrolle in der Palliativmedizin, Chemotherapie-assoziierte Übelkeit sowie Magersucht bei Tumor- und AIDS-Patienten, schmerzhafte Spastik bei Multipler Sklerose sowie chronische neuropathische Schmerzen.
  • CBD besitzt keine berauschenden oder suchterzeugenden Effekte, sondern ist v.a. antientzündlich, antiepileptisch und antipsychotisch sowie schmerzlindernd wirksam. Die am besten untersuchten Einsatzbereiche sind frühkindliche, nicht auf andere Therapien ansprechende Epilepsie, kindliche Schizophrenie sowie die Vorbeugung von Abstoßungsreaktionen nach Knochenmarktransplantationen. Auch die Schizophrenie bei Erwachsenen könnte eine sinnvolle Indikation darstellen. CBD ist derzeit lediglich als Nahrungsergänzungsmittel – und nicht als Arzneimittel – auf dem Markt (u.a. ) und u.a. in Apotheken erhältlich. „Es dürfte jedoch in absehbarer Zeit in den USA und in Europa als Medikament zugelassen werden, vermutlich zunächst zur Behandlung frühkindlicher Epilepsie“, so Prof. Kress.

Weltweit laufen wissenschaftliche Untersuchungen zur Erforschung der Cannabinoide. Dadurch sollen weitere medizinische Einsatzgebiete erschlossen werden.

Über die HMPPA

In der Ende 2016 gegründeten Herbal Medicinal Products Platform Austria (HMPPA) kooperieren Expertinnen und Experten der pharmazeutischen Institute der Universitäten Graz, Innsbruck und Wien. Sie verfolgen das Ziel, Naturstoffe und pflanzliche Arzneistoffe zu entwickeln und diese Erkenntnisse gemeinsam mit Partnern aus Wissenschaft und Wirtschaft nach modernsten wissenschaftlichen Standards umzusetzen. „Erklärte Tätigkeitsfelder der HMPPA sind die Grundlagen- und anwendungsorientierte Forschung, deren Umsetzung in der Pharmazeutischen Industrie sowie die Aus- und Weiterbildung im Bereich pflanzlicher Arzneimittel“, berichtete HMPPA-Präsident Univ.-Prof. Dr. Hermann Stuppner, Abteilung für Pharmakognosie am Institut für Pharmazie, Universität Innsbruck. Eine wesentliche Aufgabe besteht auch darin, jährlich die Arzneipflanze des Jahres in Österreich zu küren. Zu den Auswahlkriterien zählen u.a. Bezug zu Österreich, wissenschaftliche Aktualität, Bedeutung in Medizin und Pharmazie, wirtschaftliche Bedeutung und neue Indikationsgebiete.

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