Soziale Medien: Junge Menschen vor problematischer Nutzung schützen
Regulierung sozialer Medien soll Kinder und Jugendliche schützen
Der Berufsverband der Österreichischen Psychologinnen und Psychologen (BÖP) und der Österreichische Bundesverband für Psychotherapie (ÖBVP) sprachen sich in einer Pressekonferenz am 27.5. 2026 für eine gesetzliche Regulierung – Stichwort „Social-Media-Verbot“ für unter 14-Jährige – und für begleitende Bildungsmaßnahmen aus. Beate Wimmer-Puchinger (BÖP) und Barbara Haid (ÖBVP) sehen das Verbot als wichtigen ersten Schritt und notwendige Schutzmaßnahme. Soziale Medien können bei Kindern psychische Belastungen verursachen und verstärken. Das gilt vor allem bei problematischem Konsum.
Diese Entwicklungen machen aus der Sicht von Gesundheitsministerin Korinna Schumann konsequentes Handeln notwendig: „Wir nehmen diese Entwicklungen sehr ernst. Mit dem geplanten Social-Media-Verbot für unter 14-Jährige setzen wir einen wichtigen Schritt zum Schutz von Kindern und Jugendlichen. Gleichzeitig stärken wir gezielt die Medien- und Gesundheitskompetenz, damit junge Menschen digitale Inhalte besser verstehen und einordnen können.“
Was ist problematischer Social-Media-Konsum?
Von problematischer Social-Media-Nutzung spricht die Forschung dann, wenn suchtähnlche Symptome auftreten und andere Lebensbereiche deutlich beeinträchtigen, z.B. Schlaf, Schule, soziale Beziehungen oder psychisches Wohlbefinden. In Österreich weisen zehn Prozent der Mädchen und sieben Prozent der Burschen eine problematische Nutzung sozialer Medien auf. Weitere 32 Prozent gelten als intensive Nutzer:innen sozialer Medien. Besonders häufig tritt problematische Nutzung im Alter von 13 Jahren auf.
Barbara Haid, Präsidentin des ÖBVP, erklärt: „Soziale Medien wirken auf die emotionale Entwicklung, den Selbstwert und die Beziehungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen stark ein. Besonders problematisch ist dabei, dass Kinder und Jugendliche oft noch nicht über jene innere Stabilität verfügen, um zwischen virtueller Inszenierung und Realität ausreichend unterscheiden zu können.“ Die wissenschaftliche Evidenz sei klar: Nutzen Kinder vor dem 14. Lebensjahr ein Smartphone und damit auch Social-Media-Apps sehr intensiv, finden sich zehn Jahr später bei diesen Kindern vermehrt Symptome einer Depression bis hin zu Suizidgedanken und einem Gefühl der Entfremdung.
Wenn soziale Medien im Alltag unsicher machen
Durch die viele Zeit, die auf diesen Online-Plattformen verbracht wird, haben immer mehr Kinder und Jugendliche Probleme in der realen Welt. Erfahrungen aus dem Therapieangebot „Gesund aus der Krise“ zeigen, dass bei 72 Prozent der jugendlichen Klientinnen und Klienten häufig soziale Unsicherheit oder Angst in direkten, persönlichen Begegnungen bestehen. Viele Kinder und Jugendliche entwickeln zunehmend ein eingeschränktes Interessensfeld, das sich stark auf die Nutzung des Smartphones konzentriert, während Aktivitäten außerhalb digitaler Medien an Bedeutung verlieren.
„Nur wenn wir als Gesellschaft regulierend eingreifen und gleichzeitig die Kompetenz unserer Kinder im Umgang mit digitalen Medien stärken, bewahren wir die nächsten Generationen davor, in einer digitalen Welt aufzuwachsen, die als Nährboden für psychische Probleme fungiert,“ erklärt Oliver Scheibenbogen, klinischer Psychologe, Gesundheitspsychologe und wissenschaftlicher Leiter des ORF/Dok1-Handyexperiments.
Handyexperiment: Positive Wirkungen messbar
Beim Dok1-Handyexperiment im März 2026 verzichteten die Schülerinnen und Schüler drei Wochen lang auf ihr Handy oder zumindest auf soziale Medien. Die Ergebnisse: Schlafstörungen und Depressionen gingen zurück, das psychische Wohlbefinden stieg. In einer abschließenden Befragung von knapp 46.000 Schülerinnen und Schüler wünschen sich 68 Prozent ein Social-Media-Verbot, 32 Prozent lehnen es ab. Der Psychologe Scheibenbogen sieht in dieser hohen Zustimmung auch eine Art Hilferuf der betroffenen Jugendlichen.
Wie soziale Medien wirken
Eine neue Analyse der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) im Auftrag des Fonds Gesundes Österreich untersucht, wie soziale Medien mit der psychosozialen Gesundheit junger Menschen zusammenhängen. Die Wirkungen auf die Psyche entstehen nicht nur durch die reine Nutzungsdauer, sondern auch durch digitale Algorithmen, die das Erleben und Verhalten beeinflussen. Zentrale Wirkmechanismen von Social-Media-Plattformen sind:
- „Fear of missing out“ (FOMO): Das Phänomen FOMO beschreibt die Angst, soziale Ereignisse oder Aktiviäten zu verpassen. Es äußert sich in einem Drang nach dauerhafter Verbindung, ist besonders bei jungen Menschen stark ausgeprägt und erhöhte das Risiko einer problematischen Nutzung.
- Soziale Vergleichsprozesse: Menschen vergleichen sich in sozialen Medien oft mit idealisierten Bildern von anderen. Solche Vergleiche können dazu führen, dass man unzufrieden ist und ein geringeres Selbstwertgefühl hat. Influencerinnen und Influencern können zwar Orientierung und Zugehörigkeit vermitteln. Sie zeigen aber oft auch unrealistische Vorstellungen von Erfolg und Schönheit.
- Algorithmische Verstärkung: Soziale Medien sind so gestaltet, dass sie die Aufmerksamkeit möglichst lange halten, etwa durch endloses Scrollen, ständige Benachrichtigungen oder „Likes“. Diese Mechanismen sprechen das Belohnungssystem im Gehirn an. Dadurch entsteht ein starker Anreiz, immer wieder auf die Plattform zurückzukehren. Das kann dazu führen, dass man die Nutzung schwer kontrollieren kann. Soziale Medien können damit suchtähnlich wirken.
- Indem sie emotional aufgeladene Inhalte priorisieren, verstärken algorithmische Systeme zudem die Wirkmechanismen.
Positive und negative Effekte sozialer Medien
Der Bericht hält fest: Aktive Online-Kommunikation mit Freund:innen oder unterstützenden Communitys kann auch positive Effekte haben. Jugendliche können über soziale Medien kreative Inhalte teilen oder sich zu Hobbys oder persönlichen Interessen austauschen. Das steht teilweise auch mit höherem Wohlbefinden in Zusammenhang.
Belastend wird Social-Media vor allem dann, wenn die Nutzung vorwiegend passiv erfolgt, stark von Vergleichen geprägt ist, mit suchtähnlichem Kontrollverlust einhergeht oder andere Lebensbereiche beeinträchtigt.
Schutzfaktoren gegen negative Folgen
Der GÖG-Bericht analysiert, welche Faktoren vor einer problematischen Social-Media-Nutzung schützen. Sie helfen Kindern und Jugendlichen, mit Risiken sozialer Medien besser umzugehen und Vorteile zu nutzen. Wichtige Schutzfaktoren sind:
- Ein zugewandtes, unterstützendes soziales Umfeld – Eltern, Familien, nahe Bezugspersonen – in dem auch eine offene Kommunikation über die Mediennutzung stattfinden kann.
- Gute Beziehungen zu Freundinnen und Freunden, soziale Einbindung und Zugehörigkeit.
- Gute soziale und emotionale Kompetenzen, Selbstwert, Empathie und Konfliktfähigkeit.
- Digitale Kompetenzen, um Inhalte kritisch einordnen zu können.
Auch unterstützende Rahmenbedingung und gesellschaftliche Maßnahmen leisten einen wichtigen Beitrag zum Schutz. Neben gesetzlichen Regeln und Plattformregulierungen zählen dazu Informations- und Beratungsangebote, Bildungs- und Schulprogramme oder die gezielte Unterstützung sozial benachteiligter Gruppen.
Ganzheitlicher Umgang mit sozialen Medien im Jugendalter
Zusammenfassend hält der GÖG-Bericht fest: Notwendig für einen gesundheitsförderlichen Umgang junger Menschen mit sozialen Medien ist ein ganzheitlicher Ansatz. Er verbindet individuelle Kompetenzen, soziale Unterstützung und strukturelle Rahmenbedingungen. Kinder und Jugendliche sollen dabei unterstützt werden zu lernen, Inhalte kritisch einzuordnen, mit Vergleichsdruck umzugehen und digitale Medien bewusst zu nutzen.
Weitere Informationen:
- Soziale Medien und psychosoziale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen (GÖG-Bericht)
- „Dok1“-Experiment: Zehntausende Jugendliche auf Handyentzug (ORF.at)
- Saferinternet.at
- Neue Medien, Internetsucht - Jugendliche (gesundheit.gv.at)
- Gesund aus der Krise (Therapieangebot bei psychischen Problemen)
Letzte Aktualisierung: 29. Mai 2026
Erstellt durch: Redaktion Gesundheitsportal