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Ultraschalluntersuchung Bauch © Andrey Popov

Neurokrine Neoplasien

Neuroendokrine Neoplasien (NEN) sind eine Gruppe von seltenen Krebserkrankungen, die in unterschiedlichen Organen – v.a. im Magen-Darm-Trakt – entstehen können. Sie sind teilweise gutartig und langsam wachsend, können aber auch Metastasen bilden. Jährlich erkranken laut Deutschem NET-Register etwa fünf von 100.000 Personen an einer neuroendokrinen Neoplasie – Tendenz steigend. 

Grundsätzlich gibt es zwei große Gruppen von neuroendokrinen Neoplasien (NEN). Funktionell aktive NEN setzen bestimmte Hormone vermehrt frei – die Symptome sind davon abhängig, um welche Hormone es sich dabei handelt. Funktionell inaktive NEN setzen meistens keine Hormone frei und bleiben daher länger unbemerkt.

Neuroendokrine Neoplasien – was ist das?

Neuroendokrine Neoplasien entwickeln sich aus Stammzellen einer bestimmten embryonalen Struktur (Mesoderm) und lassen sich mit speziellen Markern (Chromogranin A und Synaptophysin) anfärben. Sie können sowohl gut- als auch bösartig sein und in verschiedenen Körperregionen entstehen, v.a.:

Neuroendokrine Neoplasien in Magen, Darm und Bauchspeicheldrüse werden auch als gastroenteropankreatische NEN (GEP-NEN) zusammengefasst. In Österreich erkranken pro Jahr etwa 2,5/100.000 Männer und 2,4/100.000 Frauen, das entspricht 290 Neuerkrankten pro Jahr.

NEN sind unter der Schleimhaut liegende Tumoren, die überall dort wachsen können, wo neuroendokrine – d.h. bestimmte Hormone produzierende – Zellen vorhanden sind. Häufig sind die im Verlauf der Erkrankung entstehenden Metastasen größer als der ursprüngliche Tumor.

Einteilung

Neuroendokrine Neoplasien werden einerseits in „neuroendokrine Tumoren“ (NET) und „neuroendokrine Karzinome“ (NEC) und andererseits in drei Klassen unterteilt: NET G1, NET G2, NET G3 und NEC G3, wobei die Zellteilungsrate von G1 bis G3 zunimmt. Diese Einteilung („Grading“) orientiert sich am Wachstumsverhalten (Proliferation) und der Biologie (Differenzierungsgrad, Zellteilungsaktivität) der Tumoren (WHO 2017):

  • NET G1: sind gut differenziert (d.h., sie weisen hohe Übereinstimmung mit dem Ursprungsgewebe auf) und wachsen langsam (geringe Zellteilungsrate: unter drei Prozent).
  • NET G2: sind gut differenziert, wachsen jedoch rascher (höhere Zellteilungsrate: drei bis 20 Prozent).
  • NET G3: sind gut differenziert, zeigen jedoch ein sehr rasches Wachstum (hohe Zellteilungsrate: über 20 Prozent).
  • NEC G3: sind schlecht differenziert, zeigen ein sehr rasches Wachstum und haben fast immer eine schlechte Prognose.

Darüber hinaus können NEN, die aus dem Magen-Darm-Bereich oder aus der Bauchspeicheldrüse stammen, auch mittels TNM-Klassifikation (Staging) beurteilt werden. Dieses basiert auf bildgebenden Verfahren (Ultraschall, CT, MRT, PET, Endoskopie und endoskopischem Ultraschall) oder dem operativen Befund und beschreibt die Ausdehnung des Primärtumors sowie das Vorhandensein von Lymphknoten- und Fernmetastasen (meist in der Leber). Grading und Staging sind für die Therapiewahl und die Prognose von erheblicher Relevanz.

Besondere Eigenschaften neuroendokriner Neoplasien

Primärtumoren unter zwei Zentimeter Größe haben häufig noch keine Metastasen gebildet. Bei größeren Primärtumoren ist die Erkrankung mit höherer Wahrscheinlichkeit schon weiter fortgeschritten. Lediglich bestimmte Formen im Zwölffingerdarm oder Dünndarm können bereits bei einer Größe von wenigen Millimetern mit Lymphknoten- oder Lebermetastasen einhergehen.

NEN können funktionell inaktiv oder aktiv sein, d.h. Hormone freisetzen. Um welche Hormone es sich dabei handelt, richtet sich nach dem Gewebe, von dem der Tumor abstammt.

NET wachsen meist langsam und haben eine bessere Prognose als schnell wachsende (drüsenbildende) Karzinome. Das langsame Wachstum erklärt, warum viele NET nicht oder nur ungenügend auf eine Chemotherapie ansprechen.  

Welche Symptome können bei neuroendokrinen Neoplasien auftreten?

Symptome können im Gegensatz zu den meisten Neubildungen nicht nur durch Verdrängung von gesundem Gewebe entstehen, sondern auch durch ihre Hormonüberproduktion. Grundsätzlich verursachen funktionell aktive NEN früher Symptome als funktionell inaktive NEN.

Funktionell aktive NEN: Die Symptome sind Folge der unkontrollierten Freisetzung von Hormonen, die im Primärtumor oder in dessen Metastasen gebildet werden. Dementsprechend unterschiedlich sind auch die möglichen Beschwerden, wie zwei Beispiele veranschaulichen:

  • Beim sogenannten Insulinom, einem NEN aus der Bauchspeicheldrüse, treten als Folge einer vermehrten Produktion von Insulin Symptome einer Unterzuckerung auf, die sich nach Zufuhr von Glukose bessern.
  • Im sogenannten Gastrinom wird vermehrt das Hormon Gastrin gebildet, welches die Produktion von Magensäure anregt. Als Folge der verstärkten Säuresekretion können Magen-Darm-Geschwüre und wässrige Durchfälle auftreten.

Funktionell inaktive NEN können ebenfalls Hormone produzieren, setzen diese aber nicht frei, oder die freigesetzten Hormone oder Eiweißstoffe verursachen keine Beschwerden. Daher werden sie häufig zufällig gefunden, beispielsweise im Rahmen von Tests, die wegen anderer Beschwerden oder bei einer Vorsorgeuntersuchung durchgeführt werden. Sie können jedoch zu Symptomen führen, wenn sie wachsen und aufgrund ihrer Größe die umliegenden Strukturen beeinträchtigen. Beispielsweise können sie den Dünndarm einengen und zu Bauchbeschwerden oder einem Darmverschluss führen.  

Wie wird die Diagnose gestellt?

Bei entsprechendem Verdacht wird festgestellt, um welchen Primärtumor es sich handelt und in welchem Stadium er sich befindet. Bei funktionell aktiven Tumoren werden je nach Beschwerdebild bestimmte Untersuchungen durchgeführt, v.a.:

  • Biochemische Diagnostik: z.B. Fastentest bei Verdacht auf Insulinom, Nachweis einer Säureübersekretion bei Gastrinom.
  • Tumorlokalisation und -ausbreitung: v.a. Ultraschall, endoskopische Untersuchungen, Kontrastmittel-CT, MRT, PET (unter Verwendung des radioaktiven Tracers 68Gallium), Somatostatin-Rezeptor-Szintigraphie (immer seltener).
  • Histologie: Anhand eines Operationspräparats oder einer Gewebeprobe kann die Art der Neoplasie ermittelt werden. Dazu dienen v.a. Spezialfärbungen mit den neuroendokrinen Markern Synaptophysin und Chromogranin A. Mittels Grading und Staging kann der Tumor detailliert beurteilt werden. Dies ist für die Therapiewahl entscheidend.

Bei funktionell inaktiven Tumoren erfolgt die Diagnose häufig zufällig im Rahmen anderer Untersuchungen bzw. erst dann, wenn der Tumor aufgrund seiner Größe Probleme verursacht. 

Wie erfolgt die Behandlung von neuroendokrinen Neoplasien?

Das Spektrum therapeutischer Maßnahmen ist breit gefächert. Patientinnen/Patienten sollten bevorzugt in spezialisierten Zentren behandelt werden, die Erfahrung im Umgang mit diesen seltenen Tumorerkrankungen besitzen.

Operation

Eine operative Entfernung der NEN ist das einzige Verfahren, mit dem Betroffene geheilt werden können. Teilweise können chirurgische Eingriffe auch zur Verminderung von Symptomen oder zur Vermeidung von Komplikationen notwendig sein.

Größe und Lokalisation des Primärtumors sowie auch von eventuell vorhandenen Metastasen stellen wichtige Entscheidungskriterien für die Art des Eingriffs dar.

Sogenannte lokal ablative Maßnahmen umfassen verschiedene Verfahren wie z.B.:

  • Radiofrequenzablation oder Laserablation weniger kleiner Lebermetastasen;
  • Embolisation von Lebermetastasen mit bzw. ohne Beifügung eines Chemotherapeutikums (TACE bzw. TAE);
  • Selektive interne Radiotherapie (SIRT): Diese nuklearmedizinische Therapie beruht auf dem Einbringen von kleinen mit 90Yttrium beladenen Kügelchen in tumornahe Äste der Leberarterie.

Medikamente

Zum Einsatz kommen verschiedene medikamentöse Therapieansätze, v.a.:

  • Biotherapie: dient sowohl zur Symptomkontrolle als auch zur Hemmung des Tumorwachstums. Verwendet werden sogenannte Somatostatin-Analoga (v.a. Octreotid, Lanreotid, Pasireotid) und Interferon-alpha. Somatostatin ist ein körpereigenes Hormon, das u.a. im Hypothalamus, aber auch im Verdauungstrakt gebildet wird. Dieses hemmt die Sekretion benachbarter Zellen und kann auch das Tumorwachstum bremsen. Auch Interferon-alpha kann die Hormonsekretion neuroendokriner Tumoren blockieren.
  • Molekular zielgerichtete Therapien: Darunter versteht man Therapien, die mit Zellrezeptoren oder mit Rezeptor-vermittelten intrazellulären Signalkaskaden interagieren, sie stimulieren oder hemmen. Dadurch wird in das Tumorwachstum eingegriffen. Zum Einsatz kommen v.a. Sunitinib, Everolimus oder Telotristat Etiprat.
  • Chemotherapie: Bei G3 und undifferenzierten, klein- und großzelligen neuroendokrinen Karzinomen kommt v.a. die Kombination aus Etoposid plus Cisplatin (oder Carboplatin) zur Anwendung.

Peptidrezeptor-basierte Radiotherapie (PRRT)

Das Verfahren basiert auf der Überexpression von Somatostatin-Rezeptoren auf der Oberfläche der meisten neuroendokrinen Tumorzellen. Ein mittels 177Lutetium oder 90Yttrium radioaktiv markiertes Somatostatin-Analogon wird von der Zelle aufgenommen und hemmt über die intrazelluläre Bestrahlung das Tumorwachstum. Im Vergleich zu anderen Therapien ist die PRRT häufiger mit Nebenwirkungen verbunden. 

Wie erfolgt die Nachsorge?

Da es sich um ein sehr seltenes Krankheitsbild handelt, gibt es wenige Daten zur Tumornachsorge. Der Krankheitsverlauf kann jedenfalls nur durch strukturierte Nachsorge sinnvoll nachvollzogen werden. Daher werden von der Europäischen Gesellschaft für Neuroendokrine Tumoren (ENETS) für die meisten Betroffenen regelmäßige Kontrolluntersuchungen empfohlen. 

Wohin kann ich mich wenden?

NEN-Patientinnen/Patienten werden von Ärztinnen/Ärzten verschiedener medizinischer Fächer bzw. Subdisziplinen betreut, v.a.:

  • Chirurgie,
  • Nuklearmedizin,
  • Gastroenterologie,
  • Endokrinologie,
  • Onkologie.

Die Behandlung sollte bevorzugt in Zentren erfolgen, die über eine hohe Kompetenz auf diesem Spezialgebiet verfügen.  

Wie erfolgt die Abdeckung der Kosten?

Alle notwendigen und zweckmäßigen Diagnose- und Therapiemaßnahmen werden von den Krankenversicherungsträgern übernommen. Grundsätzlich rechnet Ihre Ärztin/Ihr Arzt bzw. das Ambulatorium direkt mit Ihrem Krankenversicherungsträger ab. Bei bestimmten Krankenversicherungsträgern kann jedoch ein Selbstbehalt für Sie anfallen (BVA, SVA, SVB, VAEB).

Sie können allerdings auch eine Wahlärztin/einen Wahlarzt (d.h. Ärztin/Arzt ohne Kassenvertrag) oder ein Privatambulatorium in Anspruch nehmen. Nähere Informationen finden Sie unter Kosten und Selbstbehalte

Wenn ein Krankenhausaufenthalt erforderlich ist

Für die Behandlung kann mitunter ein Krankenhausaufenthalt erforderlich sein. Dabei wird über die Krankenhauskosten abgerechnet. Von der Patientin/dem Patienten ist pro Tag ein Kostenbeitrag zu bezahlen. Die weitere medikamentöse Behandlung zu Hause erfolgt per Rezept durch die Allgemeinmedizinerin/den Allgemeinmediziner bzw. durch die Fachärztin/den Facharzt.

Weitere Informationen erhalten Sie unter Was kostet der Spitalsaufenthalt?


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