Gesundheitsportal
Inhaltsbereich

Gesunde Ernährung ist kein Mythos

Ärztin misst Bauchumfang@Africa Studio
03.07.2018

Ernährungsbedingte Erkrankungen stellen das größte gesundheitliche Problem Europas dar. Die Orientierung an wissenschaftlich belegten Empfehlungen könnte einen Großteil dieses Problems lösen, sind Expertinnen und Experten sich einig.

Im Zuge einer Pressekonferenz am 28. 6. 2018 in Wien wurden die biochemischen Grundlagen einer gesunden Ernährung erläutert und über den aktuellsten Stand evidenzbasierter Leitlinien berichtet.

Europas größtes Gesundheitsproblem

Dass ungesunde Ernährung zu Übergewicht und in weiterer Folge zu verschiedenen Erkrankungen führt, ist wissenschaftlich belegt, erklärt Univ. Prof. Dr. Kurt Widhalm, Präsident des Österreichischen Akademischen Institutes für Ernährungsmedizin (ÖAIE). Herz-Kreislauf-Erkankungen, Diabetes mellitus, aber auch Krebserkrankungen wie Darm- oder Brustkrebs stehen in eindeutigem Zusammenhang mit Überernährung. Sie machen 77 Prozent aller Erkrankungen in der EU aus. Allein in Europa sind Übergewicht und Adipositas (Fettleibigkeit) für rund 320.000 Todesfälle pro Jahr verantwortlich.

Ernährungsbedingte Erkrankungen stellen Europas größtes Gesundheitsproblem dar, so Widhalm weiter. Und dabei wäre dieses Problem eigentlich lösbar, denn: wissenschaftlich belegte Ernährungsrichtlinien existieren bereits, man müsse sie nur befolgen.

Ernährungsempfehlungen bis heute

Bisher gelten international verschiedene Ernährungsempfehlungen und Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr, erklärt Widhalm. Für Deutschland, Österreich und die Schweiz gibt es die sogenannten D-A-CH-Referenzwerte, Belgien, Holland oder Frankreich beispielsweise haben eigene Leitlinien.

Ein gemeinsames Problem vieler dieser Leitlinien bestehe darin, dass sie nicht für die Gesamtbevölkerung umsetzbar sind, so Widhalm. Das tägliche Bewegungsausmaß und andere individuelle Faktoren werden dabei nicht berücksichtigt, tragen jedoch wesentlich zum täglichen Energiebedarf bei.

Neue EFSA-Ernährungsrichtlinien

Seit Dezember 2017 gibt es neue, von der European Food Safety Authority (EFSA) veröffentlichte Ernährungsempfehlungen. Darin werden erstmals auch individuelle Faktoren wie Lebensalter, Geschlecht, Lebenssituation ((z.B. Schwangerschaft, Stillzeit) und das körperliche Aktivitätslevel (PAL, physical activtiy level) berücksichtigt. Die Empfehlungen können dadurch individuell abgestimmt werden, erklärt Widhalm. Sowohl der Tagesenergiebedarf als auch die optimale Zusammensetzung der Nahrung lassen sich daraus ableiten.

„Diese Empfehlungen befinden sich auf dem aktuellsten Stand der Wissenschaft und sollten die Grundlage für alle Ernährungsleitlinien bilden“, so Widhalm. „Länderspezifische Empfehlungen sind wissenschaftlich nicht gerechtfertigt“, Widhalm weiter.

Der gesunde Teller

Ernährungsempfehlungen wurden bis dato gerne in Form einer Pyramide dargestellt. Sowohl die Österreichische Ernährungspyramide als auch ähnliche Darstellungen aus anderen Ländern haben jedoch nachweislich keinerlei Effekt auf das Essverhalten der Bevölkerung gebracht, erklärt Widhalm.

Die Ernährungspyramide wird daher künftig von einer aktuelleren Darstellung verdrängt werden: dem gesunden Teller. Dieser wurde von der Harvard Medical School entwickelt. Er zeigt das Verhältnis, in dem einzelne Nahrungsmittel zusammengestellt werden sollten: die Hälfte des Tellers sollte aus Obst und Gemüse bestehen, ein Viertel aus Vollkornprodukten und ein Viertel aus Protein. Auch Beispiele für hochwertige und gesunde Lebensmittel aus jeder dieser Gruppen werden genannt.

Diese Form der Darstellung bringe bessere Information für die Bevölkerung und „man erhofft sich, dass sich vor allem das Essverhalten dadurch positiv verändert“, so Widhalm.

Stichwort Energiebilanz

Übergewicht ist immer die Folge einer zu hohen Energiezufuhr in Relation zum Energieverbrauch. „Aus biochemischer Sicht besteht die primäre Aufgabe der Ernährung darin, den Energiebedarf zu decken“, erklärt Priv.-Doz. Mag. Dr. Clemens Röhrl, PhD, Ernährungswissenschaftler und Biochemiker. Wieviel Nahrung jemand pro Tag braucht, hängt vom Energiebedarf ab.

Soll heißen: wer mehr Energie mit der Nahrung zuführt, als er verbraucht (z.B. in Form von Bewegung und Sport), nimmt an Gewicht zu. Man spricht von positiver Energiebilanz.

Schon scheinbar sehr kleine Änderungen der Lebensweise haben dabei langfristig deutliche Auswirkungen. Als anschauliches Beispiel erklärt Röhrl: Gewöhnt man es sich während der Fußball-WM an, täglich ein Bier mehr zu trinken, bedeutet das etwa 200 kcal pro Tag mehr und damit eine Gewichtszunahme von 8,8 kg Fett pro Jahr.

Der chronische Energieüberschuss mit all seinen Folgen ist das größte Problem in der heutigen Zeit. Aber auch die Zusammensetzung der Nahrung ist entscheidend für die optimale Funktion des Stoffwechsels, so Röhrl weiter.

Ökonomischer Aspekt

Die ökonomische Bedeutung der ernährungsbedingten Erkrankungen ist beachtlich: „Alleine die medizinischen Kosten für Diabetes mellitus betragen in Österreich geschätzte 1,5 Milliarden Euro pro Jahr. Insgesamt sind rund 3,4 Millionen Österreicherinnen und Österreicher übergewichtig oder adipös. Was das im Gesamten für das Gesundheitssystem bedeutet, kann kaum geschätzt werden“, sagt MMag. Dr. Markus Pock, Gesundheitsökonom am Institut für Höhere Studien (IHS).

Das Problem beginnt schon im Kindes- und Jugendalter, und dort sollte auch bereits ein Großteil der Prävention stattfinden. Verstärkte Bewusstseinsbildung in der Bevölkerung, Öffentlichkeitsarbeit, spezifische Vorsorgeuntersuchungen sowie bessere Kennzeichnung von Nahrungsmitteln und Getränken, sind weitere Beispiele für mögliche effektive Präventionsmaßnahmen, so Pock.

In der Praxis

Über das fehlende Bewusstsein der Patientinnen und Patienten in der Praxis berichtet auch MedR. Prof. Dr. Gabriel Müller-Rosam, Internistin und Ernährungsmedizinerin. Zudem kritisiert sie die fehlenden Strukturen, denn Betroffene bräuchten eine intensive Betreuung, um nachhaltige Ernährungsumstellungen auch langfristig umzusetzen. Schulungen, Motivationstrainings, Diätassistenz sowie eine psychologische Betreuung wären notwendig, um Patientinnen und Patienten entsprechend zu unterstützen. Auch den Ärztinnen und Ärzten fehle es meist an der notwendigen ernährungswissenschaftlichen Ausbildung, so Müller-Rosam.

Aufruf an die Entscheidungsträger

Es ist an der Zeit für ein Umdenken, sind sich alle Expertinnen und Experten einig. Wenn es um die Prävention ernährungsbedingter Krankheiten und Todesfällen geht, seien alle Politikbereiche aufgefordert.

Weitere Informationen:

Drucken RSS-Feed Teilen Feedback
Zum Seitenanfang springen Transparente Grafik zwecks Webanalyse