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Evidenzbasierte Medizin: Wissen, was wirkt

Stethoskop und Spritze © Sherry Young
13.03.2018

Woher wissen wir, dass eine medizinische Therapie wirkt und welche Risiken damit verbunden sind? Gibt es Therapien, die wirksamer sind als andere? Antworten auf Fragen wie diese liefert die evidenzbasierte Medizin (EbM) auf der Basis aktueller und hochwertiger Studien. Beim EbM-Kongress vom 8. bis 10. 3. 2018 in Graz präsentierten Expertinnen und Experten, wie Evidenz zum Vorteil der Patientinnen und Patienten eingesetzt werden kann. Beim Transfer von der Theorie in der Praxis gäbe es noch  Nachholbedarf. Evidenzbasiertes Wissen gelange manchmal nur langsam in die Gesundheitsversorgung und zu den Patientinnen und Patienten.

Wissenschaftliche Studien liefern den Nachweis – die Evidenz – für die Wirkung einer Therapie, z.B. eines neuen Medikaments, und zeigen mögliche unerwünschte Wirkungen und Risiken auf. Sie sind damit eine wichtige Entscheidungshilfe für eine Ärztin/einen Arzt, um Diagnosen oder Therapien auszuwählen und vorzuschlagen.

Evidenzbasierte Medizin in der Praxis ist mehr als pure Wissenschaft. Andrea Siebenhofer-Kroitzsch, Professorin für Allgemeinmedizin und evidenzbasierte Versorgungsforschung an der MedUni Graz und Vorsitzende des EbM-Kongresses, erklärte: „EbM baut auf drei Säulen auf: Die Erfahrung der Ärztin, des Arztes und anderer Gesundheitsberufe, die qualitativ hochwertigste Evidenz und die Präferenz der Patientin oder des Patienten.“

Wie kommt das Evidenzwissen in die Praxis?

Der Transfer von Wissen läuft über mehrere Stufen. Autorinnen und Autoren medizinischer Studien veröffentlichen die Ergebnisse in wissenschaftlichen Journalen. Die Artikel sind fast immer über das Internet verfügbar und werden in großen elektronischen Bibliotheken gesammelt. Mit mehr als 28 Millionen Einträgen von medizinischer Forschungsliteratur ist Pubmed des US-amerikanischen National Institut of Health eine der größten Bibliotheken. Nach ca. vier bis fünf Jahren gilt Fachwissen bereits als veraltet. EbM-Expertinnen und Experten entwickelten im Lauf der Jahre spezielle Methoden für den Transfer aktuellen Wissens. Dazu zählen Checklisten für die Bewertung von Studien, systematische Übersichten über die Evidenz zu einer medizinischen Fragestellung oder Leitlinien mit Evidenzstufen für Empfehlungen.

Evidenz zum Mitmachen

Um aus der Vielzahl von Studien unterschiedlicher Qualität tatsächlich verlässliche und anwendbare Erkenntnisse abzuleiten, haben sich Organisationen auf die Zusammenfassung der Evidenz spezialisiert. Eine davon ist die internationale Cochrane Collaboration. Sie stellte auf dem EbM-Kongress eine neue Initiative vor, um noch rascher an Studien mit hoher Qualität zu kommen. Ziel der Initiative „Cochrane Crowd“ ist, hochwertige randomisiert-kontrollierte Studien (RCT) zu finden, um daraus verlässliche Aussagen abzuleiten. An der Suche kann sich im Prinzip jedermann beteiligen. Nach einer kurzen Einschulung via Internet bewerten die Teilnehmerinnen/Teilnehmer online wissenschaftliche Artikel, ob sie den Kriterien eines RCTs entsprechen. Derzeit beteiligen sich mehr als 8.500 „Cochrane citizen scientists“ an der Initiative. 

Wie wirksam sind nicht-medikamentöse Therapien?

Auch nicht-medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten bzw. therapeutische Begleitmaßnahmen werden zunehmend ein Thema der EbM. Viele dieser Verfahren sind laut australischem EbM-Experten Paul Glasziou schlecht beschrieben und werden daher kaum angewandt.  Um das zu ändern, haben australische Forscher die Evidenz zu einigen Methoden auf der Webseite des Projekts HANDI zusammengefasst. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Anwendung von medizinischen Geräten/Hilfsmitteln, Bewegung bei chronischen Krankheiten, speziellen Interventionen sowie auf Gesundheits-Apps. Derzeit sind 60 Einträge verfügbar. Pro Jahr kommen ungefähr 15 neue Maßnahmen dazu.

Zum Patientennutzen verwertbare Forschung ist jedoch keine Selbstverständlichkeit. Ein Großteil der medizinischen Forschung wird heute verschwendet, so Paul Glasziou. Gründe sind falsche Forschungsfragen, schlechter Aufbau der Studie, unzureichende Beschreibung der Ergebnisse oder Nichtveröffentlichung.

Wie verlässlich sind Informationen für die Öffentlichkeit?

Vertrauenswürdige Informationen sind für Patientinnen und Patienten wichtig, die sich selbst über ein Gesundheitsthema informieren möchten. Manchmal finden sich in Pressemitteilungen oder Berichten in Medien aber auch medizinische „Fake-News“, so der Tenor eines Workshops auf dem EbM-Kongress. Die Verlässlichkeit von Informationen zu erkennen, ist oft nicht leicht. Checklisten können dabei helfen. Ein wichtiges Kriterium ist z.B. die Nennung überprüfbarer evidenzbasierter Quellen. Als Beispiel für wissenschaftlich fundierte Informationen zu Gesundheitsthemen wurde auf dem Kongress die App Medbusters der Sozialversicherung präsentiert.

An Organisationen, die Broschüren, Websites, Apps, Videos und andere Gesundheitsinformationen herausgeben, richtete sich die Initiative „Gute Gesundheitsinformation Österreich“ der Österreichischen Plattform Gesundheitskompetenz. Gemeinsam mit dem Frauengesundheitszentrum Graz, wurden 15 Kriterien entwickelt, um verständliche, evidenzbasierte und unverzerrte Gesundheitsinformationen zu erstellen. Diese und andere auf dem Kongress vorgestellten Initiativen zeigten, dass evidenzbasierte Medizin auf dem Weg ist, die Patientinnen und Patienten zu erreichen.

Evidenzbasierte Entscheidungen als Herausforderung

Kongresspräsidentin Andrea Siebenhofer-Kroitzsch fasst die Herausforderungen zusammen: „Es gibt ein Nebeneinander an zu viel aber auch zu wenig Medizin und jede Untersuchung und Therapie hat Vor- und Nachteile, die Nutzen aber auch Schaden generieren können. Deshalb müssen wir evidenzbasiert, das heißt nach letztem Stand der Wissenschaft vorgehen und stets mit unseren Patientinnen und Patienten versuchen, eine gemeinsame Entscheidung zu treffen.“

Weitere Informationen: 

EbM-Kongress 2018

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