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Gesundheit fördern unterstützt Integration

Junge Migrantinnen © Gino Santa Maria
27.01.2015

Fast ein Fünftel der österreichischen Bevölkerung hat Migrationshintergrund. Oft sind nicht nur die Arbeits- und Einkommenssituation der Migrantinnen und Migranten schlechter als von Personen ohne Migrationshintergrund. Sie weisen auch häufig einen schlechteren Gesundheitszustand auf, insbesondere Personen aus der Türkei sowie aus Ländern des ehemaligen Jugoslawien.

Der aktuelle Bericht der Gesundheit Österreich GmbH zum Thema „Migration und Gesundheit“ untersuchte die gesundheitliche Lage von Migrantinnen und Migranten in Österreich. Die Studie zeigt, dass ein Zusammenhang zwischen schwachen sozioökonomischen Verhältnissen und schlechter Gesundheit besteht. Der Bericht wurde von der Arbeiterkammer Wien und dem Gesundheitsministerium in Auftrag gegeben und enthält auch Beispiele von gesundheitlichen Entwicklungsmaßnahmen für Migrantinnen und Migranten.

Migration: Was ist das?

Die Vereinten Nationen definieren Migration als eine ständige Verlagerung des Wohnsitzes in ein anderes Land. Als Migrantinnen/Migranten bzw. Personen mit Migrationshintergrund werden jene Zuwanderer bezeichnet, die entweder selbst oder deren Eltern zugezogen sind. In Österreich lebten im Jahr 2013  rund 1,2 Millionen Migrantinnen/Migranten der ersten Generation und rund 428.000 Migrantinnen/Migranten der zweiten Generation.

39 Prozent stammten aus einem EU- bzw. EWR-Staat oder der Schweiz. Gesundheitliche Nachteile betreffen weniger diese Gruppe, sondern vorwiegend Migrantinnen/Migranten aus der Türkei (17 Prozent) und aus Ländern des ehemaligen Jugoslawien (29 Prozent), die nicht in der EU sind (Serbien, Bosnien und Herzegowina). 15 Prozent der Migrantinnen/Migranten stammten aus sonstigen Staaten, vor allem aus Asien.

Was die Gesundheit beeinflusst

In der Studie werden jene Faktoren ausführlich beschrieben, die – unabhängig von der Herkunft – die Gesundheit beeinflussen. Dazu zählen u.a. Geschlecht, Alter, Bildung, Arbeits- und Einkommensverhältnisse, Wohnverhältnisse und soziokulturelle Faktoren. Ein Großteil der Migrantinnen und Migranten, die nicht aus der EU bzw. aus EFTA-Ländern stammen, hat eine niedrige berufliche Stellung und arbeitet als Hilfsarbeiter/Hilfsarbeiterin mit niedrigem Einkommen. Dazu wird im Bericht erklärt: „Die Stellung einer Person in der Arbeitswelt ist von hoher Bedeutung für ihre soziale Integration, die entscheidend zum Wohlbefinden beiträgt.“

Gesundheitszustand von Migrantinnen/Migranten

Migrantinnen/Migranten in Österreich geben – je nach Herkunft – seltener einen guten Gesundheitszustand an als Personen ohne Migrationshintergrund. Sie leiden öfter an chronischen Krankheiten, z.B. Diabetes oder Bluthochdruck sowie chronischen Angstzuständen und Depressionen. Sie schätzen ihre Lebensqualität und ihr psychisches Wohlbefinden niedriger ein. Unterschiede in der Gesundheit zeigen sich bereits bei Kindern, z.B. in der Zahngesundheit: So sind Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund überdurchschnittlich häufig von Karies betroffen.

Nutzung des Gesundheitssystems

Sprachbarrieren, kulturelle Unterschiede, fehlendes Wissen über die Strukturen des Gesundheitssystems oder geringer Bildungsgrad sind große Hindernisse für Migrantinnen/Migranten im Zugang zum Gesundheitssystem. Damit können negative gesundheitliche Folgen verbunden sein: Beispielweise wenn Patientin/Patient und Ärztin/Arzt einander nicht richtig verstehen, können Missverständnisse den Therapieerfolg beeinträchtigen.

Migrantinnen/Migranten nutzen die Angebote des Gesundheitssystems anders als Personen ohne Migrationshintergrund. Im Vergleich zu Personen ohne Migrationshintergrund ist bei Personen mit Migrationshintergrund die medizinische Erstanlaufstelle öfter eine Spitalsambulanz als eine niedergelassene Hausärztin/ein niedergelassener Hausarzt. Auch werden notwendige Facharztbesuche häufiger unterlassen, und der Impfschutz weist öfter Lücken auf.

Erfolgreiche Praxisprojekte

Ein Teil des Berichts war die Darstellung von Praxisprojekten, die die Gesundheit von Migrantinnen und Migranten fördern. Insgesamt wurden 87 Projekte mit unterschiedlichen Zielsetzungen analysiert. Beispiele für erfolgreiche Gesundheitsförderungsprojekte sind „Gesundheit kommt nach Hause“ (gekona), „Aktion Gesunde Seele“ (agese) und „Gemeinsam fit in die Zukunft“ (FITZU) des Vereins beratungsgruppe.at. Zielgruppe dieser Projekte waren Mütter und Großmütter vorwiegend aus dem muslimischen Kulturkreis mit niedrigem sozioökonomischem Status. In den Projekten wurden zwischen 2010 und 2013 rund 600 Frauen aus der schwer erreichbaren Zielgruppe langfristig betreut. Hauptziel war die Stärkung der Gesundheitskompetenz durch die Vermittlung von gesundheitsrelevanten Informationen.

Die drei Angebote waren auf die Bedürfnisse, das Wissen und die vorhandenen Kompetenzen der Frauen angepasst. Eine wesentliche Rolle spielten die Tutorinnen. Diese Schlüsselpersonen gehören der Zielgruppe an, wurden speziell geschult und sprechen die Muttersprache der Migrantinnen. In aufsuchender Arbeitsweise (Geh-Struktur) knüpften die beim Verein beschäftigten Tutorinnen im Wohnumfeld erste Kontakte und arbeiteten in der Folge als zentrale Vertrauensperson. Sie leiteten die im Zuge des Projekts durchgeführten Müttertreffen in Kleingruppen und begleiteten Exkursionen und Workshops. Neben der Vermittlung von praktischem Wissen, was Gesundheit ausmacht, wurde mit den Frauen auch das Treffen eigener Gesundheitsentscheidungen „geübt“.

Gesundheitsförderung als Beitrag zur Integration

Der Verein Beratungsgruppe evaluierte den Erfolg der Programme unter anderem auch mittels Befragungen. So bewerteten die Teilnehmerinnen nach dem Projekt „FITZU“ ihre Kompetenzen deutlich besser als vorher, z.B.: sie kennen sich im Gesundheitssystem besser aus, nehmen eher Vorsorgeangebote in Anspruch oder empfehlen öfter Gesundheitsförderung in der Familie und im Bekanntenkreis. Die Evaluierungen zeigen auch: Werden Bildung, Selbstständigkeit, Gesundheit, das Wissen um Gesundheitsförderung oder die Lebenssituation verbessert wahrgenommen, wirkt sich das auch positiv auf die soziale Einbindung aus. Liesl Frankl vom Verein beratungsgruppe.at erklärt: „Die Gesundheitsförderungsprojekte sind ein wichtiger Beitrag zur Integration von Migrantinnen/Migranten in unsere Gesellschaft, zu ihrer gesellschaftlichen Teilhabe und zur gesundheitlichen Chancengleichheit im Sinne der Österreichischen Rahmen-Gesundheitsziele.“

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