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Erste umfassende Studie: Leben im hohen Alter

Gute alte Freunde © olly
07.05.2015

Erstmals wurde die Lebenssituation über 80-jähriger Menschen umfassend untersucht. Die Österreichische Interdisziplinäre Hochaltrigenstudie (ÖHIS) widerlegt gängige Klischees: Hohes Alter ist keineswegs nur mit Gebrechlichkeit und Pflegebedürftigkeit, sondern sehr wohl auch mit Selbstbestimmung und Vitalität verbunden.

„Man muss nicht Angst vor dem hohen Alter haben“, erklärt Thomas Frühwald, Oberarzt an der Abteilung für Akutgeriatrie am Krankenhaus Hietzing und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der ÖIHS bei der Präsentation der Studienergebnisse, und ergänzt: „Es gibt einen großen Spielraum für optimales Altern.“

Die Studie ist ein Kooperationsprojekt, das vom Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz, dem Bundesministerium für Gesundheit und Frauen, dem Ressort für Wissenschaft & Forschung, Gesundheit und Pflegemanagement des Landes Steiermark und dem Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger finanziert und von der Österreichischen Plattform für Interdisziplinäre Alternsfragen (ÖPIA) durchgeführt wurde.

Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser erklärt: „Ich sehe es als Aufgabe der Gesundheitspolitik, für die steigende Zahl der hochaltrigen Personen in Österreich notwendige gesundheitspolitische Strategien zu entwickeln.“ Die ÖIHS liefert dafür wichtige Informationen.

Zwischen aktiv, selbstständig, gebrechlich

Für die Studie wurden mehr als 410 ausführliche Interviews und knapp 1.000 Kurzbefragungen durchgeführt, um die Gesundheits- und Betreuungssituation der untersuchten Altersgruppe zwischen 80 und 85 Jahren zu erfassen. Die Ergebnisse zeigen große Unterschiede in den Lebenssituationen. Viele Hochaltrige sind aktiv und selbstständig, andere jedoch gebrechlich und multimorbid. Insgesamt bestätigt die Studie: Auch im Alter stehen physische, psychische und kognitive Gesundheit mit dem individuellen Lebensstil, den sozialen Beziehungen und der finanziellen Situation in einer engen Wechselwirkung.

Häufiger Einsatz von Medikamenten

Mehr als drei Viertel der Befragten geben laut der Studie an, mit ihrer Lebenssituation insgesamt zufrieden oder sogar sehr zufrieden zu sein. Nur knapp acht Prozent leiden an keiner chronischen Erkrankung.

Die Studie zeigt, dass Hochaltrige häufig mehrere Medikamente einnehmen. Die Polypharmazie kann aufgrund unerwünschter Wechselwirkungen ein Problem darstellen. Die große Mehrheit (96,1 Prozent) nimmt zum Zeitpunkt der Befragung zumindest ein Medikament ein. Etwa ein Drittel (29,1 Prozent) bekommen sechs bis zehn Medikamente gleichzeitig verschrieben. 12,4 Prozent nehmen sogar mehr als zehn ärztlich verordnete Medikamente ein.

Ein häufiges Problem stellt Harninkontinenz dar. Davon sind 34,1 Prozent der 80- bis 85-Jährigen betroffen. Rund die Hälfte der Befragten (51,2 Prozent) leidet häufig unter Schmerzen. Knapp zehn Prozent haben ein erhöhtes Risiko für Mangelernährung. 30 Prozent der Befragten sind auf Unterstützung im Alltag angewiesen. Dabei zeigt sich, dass Angehörige eine wichtige Unterstützung sind, auch wenn Pflege- und Sozialdienste in Anspruch genommen werden. Pflege ist laut Studie bei vielen Befragten ein Tabuthema, jedenfalls solange es noch nicht akut ist. Gleichzeitig möchten hochaltrige Menschen so lange wie möglich in der eigenen Wohnung bleiben. 

Wie alte Menschen ihr Leben sehen

Die unterschiedlichen Einstellungen der Menschen bei der Lebensgestaltung kommt in den persönlichen Interviews zutage: So berichtet etwa ein 83-jähriger rüstiger Grazer zum Thema Freundschaften und soziale Kontakte, dass es im hohen Alter schwer fällt, sich an andere Menschen anzupassen: „Wir haben einen sehr hohen Bekanntenkreis. Den muss man sich auch in der Jugend schon aufbauen. Denn wenn man alt ist, ist man schon wunderlich und kann sich sehr schwer anpassen.“

Eine verwitwete rüstige 80-jährige Frau, die ihr Leben mit Hobbys wie Sprachkursen und Kulturabonnements ausfüllt, erzählt im Interview: „Ich habe ein ausgefülltes Leben, und dadurch, dass ich mich eigentlich nie einsam fühle, tue ich das nicht als Belastung wahrnehmen, und Angst habe ich auch keine, alleine zu leben. Also es geht mir gut.“
Auch das Leben im Pflegeheim wird unterschiedlich wahrgenommen. Ein 85-jähriger Mann meint: „Nur nicht ins Heim, von dem habe ich Angst.“ Ein 83-Jähriger ist wiederum über die Rundumversorgung erleichtert: „Also mir gefällt es auf jeden Fall, daheim mussten wir immer alles selber machen und so – da hast alles, kriegst alles.“

Manche der Befragten erzählen davon, wie sie ihr Leben flexibel an ihre Lebenssituation angepasst haben und gelassen mit Einschränkungen umgehen. Eine 80-jährige Frau: „Es geht, und wenn es nicht mehr geht, dann geht es halt nicht mehr. Aber mein Gott, wer nicht alt werden will, muss jung sterben.“

Unterstützende Angebote entwickeln

Aus der ÖHIS sollen Schlüsse gezogen werden, wie die Voraussetzungen für gesundes Altern verbessert und entsprechende Angebote der Pflege und Betreuung geschaffen werden können. Für die Sozialversicherung sind die Ergebnisse der Studie eine wichtige Grundlage für den weiteren Ausbau von Maßnahmen zur Stärkung der Gesundheit älterer Menschen. Ein Beispiel ist das Projekt „Gesundheit hat kein Alter“. Ziel des Projekts ist, Gesundheitsförderung in Seniorenwohnhäusern zu etablieren.

„Die vorliegende Studie schafft Bewusstsein dafür, dass gesundes Altern ein lebenslanger Prozess ist. Wir sind alle davon betroffen“, erklärt Studienleiter Georg Ruppe von der Österreichischen Plattform für Interdisziplinäre Altersfragen (ÖPIA) abschließend.

Weitere Informationen: 

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