Trauerphasen nach Suizid
Inhaltsverzeichnis
Trauerphasen als Orientierung
Jeder Mensch trauert auf seine individuelle Weise. Es gibt keine richtige Art zu trauern. Dennoch ist es hilfreich zu erfahren, wie Betroffene die Trauer erleben und bewältigen können. Trauer ist ein Prozess. Um diesen greifbarer zu machen, wird er oft in sogenannte Trauerphasen unterteilt. Das Modell der Psychologin und Psychotherapeutin Verena Kast beschreibt vier Phasen des Trauerprozesses. Diese können immer wieder durchlaufen werden. Sie stellen keine zwingende Ablauffolge dar, bieten jedoch Orientierung.
Phase des Nicht-wahrhaben-Wollens
Während dieser Phase, die bis zu vier Wochen dauern kann, befinden sich die meisten Betroffenen in einem Schockzustand. In dieser Zeit ist der Verlust oft noch nicht ganz greifbar und schwer zu erfassen. Mitunter stellt sich das Gefühl ein, sich selbst oder die Situation aus weiter Entfernung zu beobachten. Auch andere, manchmal äußerst intensive, Gefühle sind spürbar: Angst, Verzweiflung, Scham oder Wut. Sie können als unerträglich bis hin zu unkontrollierbar empfunden werden. In der Folge kann es zu starker Unruhe oder Angstreaktionen kommen. Es ist wichtig zu wissen, dass diese Reaktionen unter diesen Umständen normal sind.
Phase der aufbrechenden Emotionen
Es kann bis zu vier Wochen nach dem Tod des nahe stehenden Menschen dauern, bis weitere oder noch stärkere Gefühle von seelischem Schmerz, Traurigkeit, Zorn, Schuld oder Furcht hochkommen. Auch körperliche Erscheinungen sind möglich. Zu diesen zählen unter anderem Schlafstörungen, ausgeprägter Bewegungsdrang oder Schmerzen am Körper. Aus Verzweiflung wird manchmal in der Folge zu Alkohol oder anderen Substanzen gegriffen. Zu den Gedanken, die Betroffene nach einem Suizid eines Angehörigen häufig durch den Kopf gehen, zählen z.B.:
- „Wie kann ich nach diesem unfassbaren Verlust weiterleben?“
- „Hätte ich den Tod des geliebten Menschen verhindern können?“
- „Wie kann sie bzw. er mir das antun? Liebte sie bzw. er mich nicht?“
- „Warum ist das passiert? Wieso muss ich so ein schweres Schicksal tragen?“
- „Könnte ich auch in so eine Situation kommen wie der Verstorbene?“
- „Was wohl meine Umgebung denkt?“
Besonders schwerwiegend beim Verlust eines Menschen durch Suizid ist die Tatsache, dass die angehörige Person aktiv aus dem Leben geschieden ist. Die Folge ist das Gefühl, bewusst von der Person verlassen worden zu sein.
Manchmal ist es schwer, diese Gedanken und Gefühle in Worten auszudrücken. In dieser belastenden Situation kann es auch vorkommen, dass man die Lebensperspektive verliert und selbst Suizidgedanken entwickelt. Es hilft in jedem Fall in diesen schweren Wochen, jemanden Vertrauten um sich zu haben. Ist niemand vom Umfeld verfügbar oder verschlechtert sich das Befinden zunehmend, ist rechtzeitige professionelle Hilfe wesentlich.
Phase des Suchens und Sich-Trennens
In dieser Phase versucht die bzw. der Trauernde innerlich eine Verbindung zu der bzw. dem Verstorbenen zu finden oder zu erhalten: beispielsweise durch Erinnern an gemeinsame Momente oder das Besuchen von bestimmten, mit dem Menschen verbundenen Orten. In der Trauer wird versucht, eine neue Form der Beziehung zur verstorbenen Person zu finden. Dabei kann es wichtig sein, auch negative Gefühle wie Wut und Ärger auf die durch Suizid verstorbene Person empfinden zu können. Oftmals ist das ein wesentlicher Schritt zu einer inneren Versöhnung.
Manche Menschen finden etwa Trost, wenn sie sich den geliebten Menschen als eine Art inneren Begleiter vorstellen. Andere suchen vielleicht Halt im Glauben. Auch hier gilt, dass jeder Mensch seine ganz eigene Art hat, damit umzugehen. Mit der Zeit wird es leichter, sich mit dem schmerzhaften Verlust abzufinden.
Phase des neuen Selbst- und Weltbezuges
Je mehr Zeit vergeht, desto eher finden Trauernde wieder zurück zu ihrem Gleichgewicht. Es gelingt, die Situation nach und nach zu akzeptieren. Der Alltag wird an die neuen Verhältnisse angepasst. Das eigene Leben und das Umfeld treten wieder mehr in den Vordergrund. Mit dem Verlust verbundene, starke, negative Gefühle vergehen. Bei sehr langem Trauerprozess oder Schwierigkeiten, sich an die Lage anzupassen, kann professionelle Hilfe einen Weg aus der Krise aufzeigen und mitfühlend begleiten. Das kann zum Beispiel bei Problemen mit der Alltagsbewältigung der Fall sein.
- Australian Suicide Pervention Foundation: Suicide Prevention. Online abgerufen im Juni 2024 unter suicideprevention.com.au
- Becker, M.; Corell, C. U. (2020): Suizidalität im Kindes- und Jugendalter. In: Deutsches Ärzteblatt PP. Ausgabe 5/2020. Online abgerufen im Juni 2024 unter www.aerzteblatt.de
- Bleib bei uns – Verein für Lebensmut: Online abgerufen im Juni 2024 unter www.bleibbeiuns.at
- Bundesamt für Gesundheit in Zusammenarbeit mit Prävention und Gesundheitsförderung Kanton Zürich (Hg.): Nach einem Suizidversuch. Online abgerufen im Juni 2024 unter www.reden-kann-retten.ch
- Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz (BMASGK) (2019): Gender-Gesundheitsbericht Schwerpunkt Psychische Gesundheit am Beispiel Depression und Suizid. Wien: BMASGK. Online abgerufen im Juni 2024 unter www.sozialministerium.at
- Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (BMASGK) (2019): Suizid und Suizidprävention in Österreich: Bericht 2018. Wien: BMASGK Online abgerufen im Juni 2024 unter www.sozialministerium.at
- Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (BMASGK) (2020): Publikationen zum Thema Suizidprävention und Suizid für Angehörige und Berufsgruppen. Online abgerufen im Juni 2024 unter www.sozialministerium.at
- Bundesministerium für Gesundheit und Frauen (BMGF) (2017): Suizid und Suizidprävention in Österreich. Bericht 2016. Online abgerufen im Juni 2024 unter www.sozialministerium.at
- Bundesministerium für Justiz (2021): Erlass über die am 1. Jänner 2022 in Kraft tretende Neuregelung des § 78 StGB. Wien: Bundesministerium für Justiz. Online abgerufen im April 2024 unter www.ris.bka.gv.at
- Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (BMSGPK) (2023): Suizid und Suizidprävention in Österreich: Bericht 2023. Wien: BMSGPK. Online abgerufen im Juni 2024 unter www.sozialministerium.at
- Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (BMSGPK) (2024): Suizid und Suizidprävention in Österreich: Bericht 2024. Wien: BMSGPK. Online abgerufen im Juni 2024 unter www.sozialministerium.at
- Cerel J, Brown MM, Maple M, Singleton M, van de Venne J, Moore M, Flaherty C. How Many People Are Exposed to Suicide? Not Six. Suicide Life Threat Behav. 2019 Apr;49(2):529-534. doi: 10.1111/sltb.12450. Epub 2018 Mar 7. PMID: 29512876. (7).
- Forum für Suizidprävention und Suizidforschung Zürich (Hg.) (2015): Den Kindern helfen. Wie Sie Kinder nach einem Suizid unterstützen können… Online abgerufen im Juni 2024 unter www.reden-kann-retten.ch
- Gerrig, R. J., & Zimbardo, P. G. (2018). Psychologie (21. Auflage). München.
- GO-ON Flyer: Wenn ein Mensch sich getötet hat – Hilfen für Angehörige in den ersten Tagen. Online abgerufen im Juni 2024 unter suizidpraevention-stmk.at
- GO-ON Suizidprävention Steiermark: Online abgerufen im Juni 2024 unter suizidpraevention-stmk.at
- Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) (2023): Depression. Online abgerufen im Juni 2025 unter www.gesundheitsinformation.de
- Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) (2024): Schlafprobleme und Schlafstörungen (Insomnie). Ursachen. Online abgerufen im Mai 2025 unter www.gesundheitsinformation.de
- Kessler, EM.; Boschann, A. (2020): Depression im Alter. In: Schnell, T., Schnell, K. (eds) Handbuch Klinische Psychologie. Berlin, Heidelberg. https://doi.org/10.1007/978-3-662-45995-9_53-1. Online abgerufen im Juni 2025 unter link.springer.com
- Martens, J.-U. (2023): Vergebung nach Suizid. Einige persönliche Gedanken eines betroffenen Psychologen. In: AGUS-Schriftenreihe: Hilfe der Trauer nach Suizid. Online abgerufen im Juni 2024 unter bestellungen.agus-selbsthilfe.de
- NHS (2024): Help for suicidal thoughts. Online abgerufen im Mai 2025 unter www.nhs.uk
- Nowotny, M.; Kern, D.; Breyer, E.; Bengough, T.; Griebler, R. (Hg.) (2019): Depressionsbericht Österreich. Eine interdisziplinäre und multiperspektivische Bestandsaufnahme. Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz. Wien, 2019. Online abgerufen im Juni 2024 unter www.sozialministerium.at
- Österreichische Sozialversicherung: Online abgerufen im Juni 2024 unter www.sozialversicherung.at
- Paul, C. (2019): Suizidtrauer bei Kindern und Jugendlichen angstfrei unterstützen. In: AGUS-Schriftenreihe: Hilfen in der Trauer nach Suizid. Online abgerufen im Juni 2024 unter bestellungen.agus-selbsthilfe.de
- Pfister, A. (2024): Suizidprävention für LGBTQ+-Jugendliche: Notwendigkeit, Modell und Zugänge. In: Prävention und Gesundheitsförderung 20, 13–19 (2025). https://doi.org/10.1007/s11553-023-01096-7. Online abgerufen im Juni 2024 unter link.springer.com
- Pro Juventute: Mein Kind spricht von Suizid – was tun? Online abgerufen im Juni 2024 unter www.projuventute.ch
- Rat auf Draht Elternseite (2024): Auch Kindern können Suizidgedanken haben. Suizidgedanken bei Jugendlichen – wie reagieren? Online abgerufen im Juni 2024 unter elternseite.at
- Samaritans (Großbrittannien, Irland): Online abgerufen im Juni 2024 unter samaritans.org
- SAVE - Suicide Awareness Voices of Education: Online abgerufen im Juni 2024 www.save.org
- Schuster, N. (2012): Suizid im Alter: Tod aus Verzweiflung. Pharmazeutische Zeitung.
- Seibl, R.: Trauer nach Suizid – wenn nichts mehr so ist, wie es vorher war… Online abgerufen im Juni 2024 unter suizidpraevention.at
- Sharif-Nassab, A. et al.: Wenn ein nahestehender Mensch sich das Leben genommen hat. Hilfe für Angehörige und HelferInnen nach Suizid. Online abgerufen im Juni 2024 unter suizidpraevention.at
- Sonneck, G., Kapusta, N., Tomandl, G. & Voracek, M. (Hg.) (2016). Krisenintervention und Suizidverhütung (3. Auflage). Wien.
- Statistik Austria (2025): Todesursachen. Online abgerufen im Juni 2024 unter www.statistik.at
- Stein, C.; Kapitany, T.; Zeilinger, V.; Ferstl, D. (2015): Tabuthema Suizid. Wenn ein nahestehender Mensch sich das Leben genommen hat. Information für Angehörige und Helfer/innen nach Suizid. Wien: Kriseninterventionszentrum. Online abgerufen im Juni 2024 unter www.kriseninterventionszentrum.at
- SuicideLine Australia: Online abgerufen im Juni 2024 unter www.suicideline.org.au
- Suicide Prevention: Online abgerufen im Juni 2024 unter suicideprevention.ie
- Suizidprävention Kanton Zürich: Online abgerufen im Juni 2024 unter suizidpraevention-zh.ch
- SUPRO – Gesundheitsförderung und Prävention; Stiftung Maria Ebene: Bitte lebe. Online abgerufen im Juni 2024 unter www.bittelebe.at
- Till, B.; Niederkrotenthaler, T. (2014): Positive und negative Aspekte des Internets für die Suizidprävention. In: Suizidprophylaxe, 41(3), 96-106.
- Till, B.; Stein, C.; Niederkrotenthaler, T. (2015): Suizidrisiko steigt mit dem Alter stark an. Ärzte Krone, 9, 22-24.
- U25-Freiburg (Arbeitskreis Leben Freiburg e.V.): Online abgerufen im Juni 2024 unter www.u25-freiburg.de
- Valach, L.; Reissfelder, A. (2021): Suizid und Suizidversuch. In: Fallbuch Suizid und Suizidprävention. Springer, Berlin, Heidelberg. https://doi.org/10.1007/978-3-662-63868-2_1. Online abgerufen im April 2025 unter link.springer.com
- Verein Kriseninterventionszentrum Wien: Online unter www.kriseninterventionszentrum.at
- Wancata, J. (2021): Von der Depression zur Lebensfreude (Band 4/6. Auflage). Wien: Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger.
- Whitley, R. (2015): Why men commit suicide. National Post. Online abgerufen im Juni 2024 unter nationalpost.com
- Youth-Life-Line: Online abgerufen im Juni 2024 unter www.youth-life-line.de
Letzte Aktualisierung: 25. Juni 2025
- Gesundheit Österreich GmbH
- In Kooperation mit der Medizinischen Universität Wien, Zentrum für Public Health, Unit Suizidforschung & Mental Health Promotion
- Redaktion Gesundheitsportal
Expertenprüfung durch: Kriseninterventionszentrum Wien