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Mann mit Lampenfieber vor Mikrofon © Nick Freund

Lampenfieber

Eine gewisse Anspannung vor einem Auftritt gehört dazu. Positiv empfundenes Lampenfieber bewirkt nicht zuletzt, dass die Künstlerin/der Künstler auf der Bühne hellwach und motiviert ist, ihr/sein Bestes zu geben. Es verschwindet meist am Anfang eines Auftrittes. Nicht wenige leiden jedoch unter starker Auftrittsangst, die als zutiefst quälend empfunden wird. Es handelt sich dabei um ein Phänomen aus dem Spektrum der Angststörungen, das zwar viele betrifft, aber dennoch oft tabuisiert und verheimlicht wird . . .

Häufigkeit

Die Angst vor Auftritten ist für viele Künstlerinnen und Künstler ein stetiger, quälender Begleiter. Schätzungsweise leidet jede zweite Musikerin/jeder zweite Musiker unter starkem Lampenfieber. Die Ansprüche an die eigene Perfektion sind enorm – jeder falsche Ton wird als Blamage und Katastrophe empfunden. Schauspielerinnen/Schauspieler leiden generell etwas seltener unter Auftrittsängsten – vielleicht, weil sie bei „Patzern“ meist leichter improvisieren können und ihr Können nicht von dem reibungslosen Funktionieren der Feinmotorik – wie es bei den meisten Musikerinnen/Musikern der Fall ist – abhängt.

Ursachen

Die Gründe für die Entwicklung von Auftrittsängsten sind vielfältig und verstärken sich oft gegenseitig: Viele darstellende Künstlerinnen/Künstler waren bereits im Kindesalter mit hohen Ansprüchen ihrer Eltern konfrontiert. Sie haben sich – sei es durch den elterlichen Druck, sei es aufgrund ihrer eigenen Veranlagung oder einer Kombination davon – zu perfektionistischen, ehrgeizigen Menschen entwickelt. Sie sind mit sich selbst sehr streng und hadern mit jedem Fehler – manchmal sogar noch nach Jahren. Das Schulsystem kann als Abbild unserer Gesellschaftsstruktur eine weitere wichtige Rolle bei der Entstehung von Auftrittsängsten spielen: In der Schule findet nicht nur Vermittlung von Wissen statt, sondern es besteht auch ein hoher Prüfungsdruck, der in der Folge ein Nährboden für Versagensängste darstellen kann. Leistungs- und Rivalitätsdenken sind Teil einer stark zielorientierten Umgebung, in der das Erlernen einer gesunden Fehlerkultur nicht auf dem Lehrplan steht. Dazu kommt, dass Aufnahmeprüfungen, Examina und Auswahlrunden im Künstlermilieu oft extrem anspruchsvoll sind und ein hoher Wettbewerbsdruck besteht. Dies alles steigert die Angst vor einem Versagen und einer – zumindest vermeintlichen – Blamage vor Publikum und Kollegenschaft. Lampenfieber kann so stark ausgeprägt sein, dass Live-Auftritte gänzlich vermieden oder kurzfristig abgesagt werden.

Weiters können Menschen, die als hochsensibel eingestuft werden, stärker von Auftrittsängsten betroffen sein, da sie aufgrund ihres Reizverarbeitungssystems zu einer Überstimulation mit Kontrollverlust neigen.

Symptome

Auftrittsangst äußert sich als akuter Stress mit typischen Symptomen, z.B.:

  • erhöhte Herzfrequenz,
  • Erröten,
  • Zittern,
  • Anspannung,
  • Reizbarkeit,
  • körperliche und emotionale Beklemmung,
  • Konzentrationsmangel,
  • Vergesslichkeit,
  • Durchfall.

Manche Betroffene leiden unter Panikattacken mit Herzrasen, Atemnot, Magenschmerzen und starkem Schwitzen bis hin zu richtiger Todesangst. Jede Künstlerin/jeder Künstler hat ihre/seine spezifischen Symptome, z.B.: Sängerinnen/Sängern versagt die Stimme, Bläserinnen/Bläser leiden unter Mundtrockenheit, Geigerinnen/Geigern zittert die Bogenhand, Schauspielerinnen/Schauspieler vergessen ihren Text.

Erschwerend kommt hinzu, dass starkes Lampenfieber ein großes Tabuthema ist, über das selten offen geredet wird. Das heißt die Betroffenen werden mit ihrer Situation oft allein gelassen.

Manche Künstlerinnen/Künstler gewöhnen sich an die Bühnenpräsenz, bei anderen hingegen wird das Lampenfieber mit den Jahren immer schlimmer. Viele greifen zu Alkohol, Drogen und Beta-Blockern, die das Herzrasen vermindern und Beruhigung vermitteln sollen. Irgendwann kann sogar der Punkt erreicht sein, ab dem eine Berufsausübung unmöglich wird.

Diagnose

Zunächst wird im Rahmen einer ausführlichen Anamnese abgeklärt, ob bei der/dem Betroffenen im Zusammenhang mit der Angstsymptomatik stehende körperliche Probleme vorliegen, deren Behandlung notwendig ist. In weiterer Folge wird u.a. ermittelt, ob auch Verwandte in der Vergangenheit unter Ängsten litten oder ob in der Familie etwa depressive Erkrankungen vorkamen.

In einem nächsten Schritt wird untersucht, welche negativen Gedanken und inneren Vorstellungsbilder die Angst konkret auslösen. Oft sind es Erinnerungen an weit zurückliegende unangenehme Erlebnisse, etwa an einen verpatzten Einsatz im Schulorchester. Häufig besteht weniger Angst vor negativen Reaktionen aus dem Publikum als vor Kritik von Seiten der Kollegenschaft.

Therapie

Entspannungsübungen, die auch bei einer Psychotherapie zum Einsatz kommen bzw. erlernt werden können, sind  ein Weg zu mehr Gelassenheit und innerer Ruhe. Außerdem können klinisch-psychologische Beratung und Behandlung zum Einsatz kommen oder weitere psychotherapeutische Methoden im Rahmen einer Therapie einen Umgang mit der Angst erleichtern. Dabei spielen u.a. verhaltenstherapeutische Methoden, Achtsamkeitstraining und spezifische Stressverarbeitungstechniken eine große Rolle. Beispielsweise wird mit den Patientinnen/Patienten daran gearbeitet, negative Empfindungen und Gedanken in positive Energien umzuwandeln. Vor allem gilt es zu lernen, sich auch selbst Fehler verzeihen zu können. Hilfreich ist u.a. ein Training des Selbstwertgefühls, beispielsweise mithilfe eines Tagebuchs, in dem jede positive Resonanz auf die Arbeit festgehalten wird. Spezielle Visualisierungsübungen helfen, Auftritte in der Vorstellung zu trainieren und ermöglichen Vorstellungsbilder aktiv positiv zu verändern. Hilfreich kann auch das regelmäßige Üben von Auftritten vor Publikum sein, z.B. in kleinem Rahmen, damit die Musikerin/der Musiker lernt, mit ihren/seinen Symptomen umzugehen und der Körper stressauslösende Faktoren mittels Gewöhnungseffekten besser verarbeiten kann.

Weitere Informationen finden Sie unter Stress und Erholung

Wohin kann ich mich wenden?

Bei starkem Lampenfieber können folgende Ansprechstellen Unterstützung bieten:

  • niedergelassene Fachärztin/niedergelassener Facharzt für Psychiatrie,
  • Kassenambulanz oder Spitalsambulanz für Psychiatrie,
  • Psychotherapeutin/Psychotherapeut,
  • Ärztin/Arzt mit Weiterbildung in psychotherapeutischer Medizin,
  • klinische Psychologin/klinischer Psychologe.

Sie können zuerst Ihre Ärztin/Ihren Arzt für Allgemeinmedizin kontaktieren und über diese/diesen gezielte Ansprechstellen finden.

Weitere Informationen erhalten Sie unter Gesundheitssuche.

Wie erfolgt die Abdeckung der Kosten?

Bei Inanspruchnahme einer Psychotherapie ist eine volle Kostenübernahme in eigenen bzw. vertraglich gebundenen Einrichtungen der Krankenversicherungsträger möglich sowie in Institutionen, die von der öffentlichen Hand subventioniert werden. Es besteht in diesen Fällen jedoch die Möglichkeit, dass ein Selbstbehalt zu leisten ist.

Ansonsten haben Sie die Möglichkeit, einen Antrag auf Kostenzuschuss durch die Krankenversicherung zu stellen, wenn Sie eine Psychotherapie bei einer niedergelassenen Psychotherapeutin/einem niedergelassenen Psychotherapeuten machen. Wird dieser genehmigt, erstattet Ihnen der Krankenversicherungsträger einen Teil des an die Psychotherapeutin/den Psychotherapeuten bezahlten Honorars zurück. Die Krankenversicherungsträger leisten allerdings nur dann einen Zuschuss, wenn eine sogenannte krankheitswertige Störung vorliegt. Näheres zur Kostenerstattung erfahren Sie auf der Website der Sozialversicherungsträger.

Die klinisch-psychologische Diagnostik ist eine Leistung der sozialen Krankenversicherung, deren Kosten von den Krankenversicherungsträgern übernommen werden. Die Kosten für die Behandlung oder Beratung bei niedergelassenen klinischen Psychologinnen/klinischen Psychologen müssen Sie, da es sich um keine Leistung der Krankenversicherung handelt, selbst tragen. Weitere Informationen zum Arztbesuch finden Sie unter Kosten und Selbstbehalte.

Weitere Informationen zu „Psychotherapie auf Krankenschein“, Kostenzuschüssen und Adressen niedergelassener Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten finden Sie unter Services.           

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